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Porträt:Kunstfigur

Matthias Egersdörfer

Lange auf verlorenem Posten: Matthias Egersdörfers Weg ins Rampenlicht war steinig.

(Foto: Natalie de Ligt)

Der fränkische Kabarett-Polterer und "Tatort"-Pathologe Matthias Egersdörfer hat eine schillernde Vergangenheit. Und eine verträumte Seite, die jetzt auf einer "Betthupferl"-CD zum Vorschein kommt

Von Oliver Hochkeppel

Bei kaum einem anderen Kabarettisten ist der Unterschied zwischen dem Menschen und der Bühnenfigur so groß wie bei Matthias Egersdörfer. Was dem Privatmann Egersdörfer zum Vorteil gereicht, ist doch sein Kabarett-Alter-Ego alles andere als sympathisch: Ein fränkischer Kleinbürger und Choleriker, der schlecht gelaunt und misanthropisch auf alles einpoltert, was ihm die Welt vorsetzt, von der Familie und Ehefrau über Lehrer, Verkehrsteilnehmer und Mitmenschen aller Art bis zu Bühnenpartnern und Publikum. Ein gehässiger Vulkan, bei dem man auf den Ausbruch warten kann - das bei den Auftritten stets getragene knallrote Hemd ist quasi eine Warnung.

Sitzt man dann hinterher mit dem echten Matthias Egersdörfer beisammen, erlebt man zur großen Überraschung einen betont leisen Gesprächspartner, der mit wachen Augen und sanftem Lächeln gerne zuhört, mit jeder Faser Empathie ausstrahlt und auch nicht in diesem immer leicht kreischenden Fränkisch, sondern eher hochdeutsch und sonor parliert. Und man begreift nach und nach, dass die Bühnenfigur eine Art Notwehr darstellt, die für den introvertierten und sensiblen Künstler Matthias Egersdörfer Aufmerksamkeit herstellt. So ist es auch kein Wunder, dass Egersdörfer erst nach mehreren anderen Anläufen beim Kabarett landete.

Der im Kreisstädtchen Lauf aufgewachsene, seit langem mit seiner Frau - der Kunsthistorikerin Natalie de Ligt, die Anfang des Jahres Leiterin der städtischen Kunstgalerie wurde - in Fürth im Haus der verstorbenen Großmutter wohnende Egersdörfer hatte früh allerlei künstlerische Interessen ausgebildet. So studierte er zunächst Germanistik, Theaterwissenschaft und Philosophie, litt aber an deren trockener und verkopfter Vermittlung und warf kurz vor dem Abschluss hin. Als nächstes ließ er sich zum Medienberater ausbilden, musste aber auch da bald feststellen, dass er "nicht zum Power-User geboren" ist, und war wohl nicht unglücklich, seinen Job bei einer Internetagentur zu verlieren. Zumal er sich jetzt endlich an der Nürnberger Kunstakademie bewarb, "wofür mir vorher der Mut gefehlt hatte," wie er sagt. Er wurde genommen und mit über 30 zum Meisterschüler von Peter Angermann.

Weil der Kunstbetrieb aber schon seinerzeit recht brotlos war, pflegte Egersdörfer auch seine andere Leidenschaft: die Bühne. Schon im Schultheater hatte er Spaß an der Schauspielerei gefunden: "In einer Krimikomödie etwa spielte ich den Dorfrichter, mit einem Holzdackel. Das war eine große Freude für mich, auf der Bühne eine Figur zu entwickeln." Den Spaß trieb er voran, schon seit 1994 als Sänger und Texter der Band Fast zu Fürth , die es nach einer zwischenzeitlichen Pause immer noch gibt; dann bei mehreren Improtheater-Ensembles; und schließlich beim Kabarett, bei dem er zwei weitere seiner vielen Talente und Vorlieben ausleben konnte. Zum einen das Schreiben: "Das ist für mich der Weg, um das Hirn zu formatieren, wenn großes Durcheinander herrscht. Ich hab schon immer geschrieben", erklärt er. Zum anderen seine komische Ader, die sich auf viele Einflüsse und Vorbilder stützt: auf kindliche Fernsehfreude über das "Ekel Alfred" aus Wolfgang Menges legendärer Serie "Ein Herz und eine Seele", auf jugendliche MAD-Lektüre, auf die monströsen Figuren eines Siggi Zimmerschied (der erste Kabarettist, den Egersdörfer live sah), auf die grandiosen Polemiken eines Eckhard Henscheid und nicht zuletzt auf die skurrilen Ideen und Sprachdrechseleien seines früh verstorbenen Freundes Philipp Moll.

Daraus hat er einen ganz eigenen Stil geformt: "Ich will nicht predigen und sehe es nicht als meine Aufgabe, eine Meinung zu vertreten. Ich möchte vielmehr dazu herausfordern, sich auf meine Figur einzulassen und auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle zu gehen. In meinen Geschichten soll's scheppern." Das polarisiert unweigerlich, was seine Kabarett-Karriere nur langsam in Gang kommen ließ. Selbst die fränkischen Veranstalter schnitten ihn anfangs: "Nur bei Andi Bühler im Erlanger Fifty-Fifty durfte ich spielen." Als er 2004 mit einem Sketch zu den Wettbewerben auszog, in dem er auf seine Bühnenpartnerin Carmen - alias Claudia Schulz, mit der er gerade wieder ein Programm gemacht hat - verbal eindrosch, waren die Jurys zu verstört, um seine besondere humoristische Gabe zu erkennen. Das dauerte bis 2007, als er mit seinem zweiten Soloprogramm "Falten und Kleben" in kurzer Folge erst den Hamburger Comedy Pokal, den Jurypreis beim Berliner Kleinkunstfestival der Wühlmäuse, den Münchner Kabarett Kaktus und das Passauer Scharfrichterbeil gewann, woraufhin er auch in die einschlägigen TV-Sendungen eingeladen wurde. Doch selbst noch nach dem Deutschen Kleinkunstpreis und dem Bayerischen Kabarettpreis 2010 konnte es bei Auftritten passieren, dass die Hälfte der Leute nach der Pause verschwunden war. Die Gebliebenen freilich forderten dann umso vehementer Zugaben ein.

Solokünstler ist er eher unfreiwillig, Egersdörfer bevorzugt eigentlich Ensemblespiel und Teamwork. Ob mit seiner "Frankophobia-Boygroup" Fast zu Fürth oder mit dem Tubisten Heinrich Filsner, ob als eine Art Impresario und Zirkusdirektor seiner Kleinkunst-Bühne "Matthias Egersdörfer und Artverwandte" im Nürnberger Komm, ob als böser Märchenonkel mit den Weltmusikkomödianten Gankino Circus oder im preisgekrönten Gipfeltreffen mit Martin Puntigam, seinem österreichischen Pendant in Sachen Monströsität.

Oder seit 2015 im Ermittler-Team des Franken-"Tatorts". In der Rolle des Chefs der Spurensicherung, das ihn einem Millionenpublikum bekannt gemacht hat, ist er natürlich zahmer als in seiner Bühnenversion des Psycho-Pathologen. Was ein bisschen das Versäumnis korrigiert, seiner Kabarettfigur keinen Namen gegeben zu haben und sie deshalb nicht so leicht loswerden zu können wie sein Kollege Frank-Markus Barwasser, dessen Erwin Pelzig verschwindet, wenn er Hütli und Täschli ablegt. Und einen zum anderen die poetische und fantastische Grundierung seiner Geschichten und Figuren erkennen lässt, die immer gerne übersehen wird.

Diese sozusagen lyrische Seite forciert Egersdörfer gerade, vielleicht auch, weil er im Dezember vergangenen Jahres 50 geworden ist. Pünktlich dazu kam sein erster Roman "Vorstadtprinz" heraus, eine fast träumerische Reflexion der eigenen Kindheit, die mit den Widrigkeiten des Erwachsenwerdens im fränkischen Kleinstadt-Millieu die Welt der Siebziger und Achtziger auferstehen lässt. Dran schließt nun die neue CD "Matthias Egersdörfer erzählt Betthupferl" an. "19 fränkische Geschichten zur Nacht für große und kleine Ohren" erzählt er, authentische Erinnerungen - von den Stützrädern seines Fahrrads über Kino- oder Metzgerbesuche bis zu Begebenheiten mit Verwandten und Lehrern - drehen da ins Fantastische und Märchenhafte. Eine zu diesem Jahr passende sanfte Egersdörfer-Massage. Bevor er hoffentlich bald auch wieder kräftig zupackt.

Matthias Egersdörfer erzählt Betthupferl, erschienen bei Beste Unterhaltung/BRmedia 2020

© SZ vom 07.12.2020
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