Pflege:Gedrückte Stimmung

Der Personalmangel und die ausbleibende Öffnung treiben die Altenheime um

Von Sven Loerzer

Obwohl die Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen weitgehend und das Personal überwiegend gegen Corona geimpft oder immunisiert sind, steht eine weitere Öffnung der Heime aus. "Es lastet noch immer eine gedrückte Stimmung über der Pflege im Heim", klagt Hans Kopp, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (Awo) München-Stadt, und fordert vom Freistaat Lockerungen für die Heime. Zum Internationalen Tag der Pflegenden an diesem Mittwoch will die Arbeiterwohlfahrt deshalb "ein fröhliches Signal nach außen senden": Vor allen Häusern sind am Nachmittag "Fensterkonzerte" geplant, dazu gibt es Kaffee und Kuchen. Doch obwohl es Süßes gibt, macht Hans Kopp keinen Hehl daraus, dass er ganz schön sauer ist: Denn nach allem Klatschen für die Pflege in schwierigsten Zeiten ist bislang keine Reform erfolgt, die Bezahlung und Arbeitsbedingungen verbessert. Es brauche "eine nachhaltige Stärkung, um den Pflegeberuf aufzuwerten und die finanziellen Belastungen der Pflegebedürftigen erträglich zu machen", betont Kopp.

Stefan Wolfshörndl, Landesvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt, macht sich jetzt für die Einführung der 35-Stunden-Woche in der Pflege bei vollem Lohnausgleich stark, wie sie in der Metallindustrie schon seit 25 Jahren gelte. "Damit würden wir unter anderem eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, höhere Renten im Alter, weniger Kündigungen und einen niedrigeren Krankenstand erreichen", ist sich Wolfshörndl sicher. Der Pflegeberuf würde so attraktiver, was auch dem Pflegenotstand entgegenwirke.

Der ist mittlerweile derart eklatant, dass hohe Abwerbe- und Vermittlungsprämien von mehreren Tausend Euro bezahlt werden. Allein seit 2020 seien 14 Mitarbeitende aus dem Awo-Dorf Hasenbergl von der München Klinik abgeworben worden, erklärte Kopp. Ein solcher Aderlass sei bitter. Um eine Arbeitskraft im Ausland, etwa in Bosnien oder Albanien, zu gewinnen, müsse die Arbeiterwohlfahrt 10 000 Euro investieren, nach Ablauf der zweijährigen Bindung würde wegen Prämien und höherem Verdienst der Wechsel in eine Klinik erfolgen. Die Awo Bayern macht sich deshalb dafür stark, die Langzeitpflege in Heimen mit der Akutpflege in Kliniken tariflich gleichzustellen.

Um nicht die Menschen, die Pflege benötigen, und ihre Angehörigen noch stärker zu belasten, müsse die Pflegeversicherung zur Pflegekostenvollversicherung weiterentwickelt werden, betont Kopp. Die Pflegeversicherung müsse dazu künftig alle Kosten für die notwendigen Pflegeleistungen finanzieren. Der von Betroffenen zu erbringende Eigenanteil sollte auf die Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Investitionen beschränkt werden, in den Heimen der Awo wären das Kopp zufolge etwa 1300 Euro monatlich. Derzeit liegt der Eigenanteil im Bundesdurchschnitt bei knapp 2100 Euro, in München oft deutlich darüber.

Die Erwartung, durch die generalistische Pflegeausbildung lasse sich mehr Personal gewinnen, habe sich nicht erfüllt, erklärte Kopp. Statt erhoffter 50 Auszubildender seien nur gut 30 im vergangenen Jahr in den Pflegeberuf gestartet. Deshalb will die Awo die Anwerbung verstärken und dabei künftig vor allem auf Tunesien setzen.

© SZ vom 12.05.2021
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