bedeckt München

Opernfestspiele in München:Der Meister der Methode

Den Musikchef Nagano hat er ausgebootet, einen teuren, zackigen Pavillon errichtet und ein Werbetohuwabohu gestartet: Wie Intendant Nikolaus Bachler Münchens Staatsoper verändert hat.

Reinhard Brembeck

Mit diesen Opernfestspielen vollendet Nikolaus Bachler sein drittes Münchner Intendantenjahr, und so langsam werden die Konturen seines Wirkens klar erkennbar. Nicht nur, weil vor einem Jahr in einer unschönen Rochade Musikchef Kent Nagano ausgebootet und statt seiner Kirill Petrenko ab 2013 verpflichtet wurde - für Bachler die entscheidende Voraussetzung dafür, seiner eigenen Vertragsverlängerung zuzustimmen.

Nikolaus Bachler, 2008

Nikolaus Bachler, 2008 Opern-Premiere "Macbeth" in der Münchner Staatsoper unter der Leitung des neuen Intendanten Nikolaus Bachler (im Bild).

(Foto: sz.sonstige)

Nagano & Bachler, das funktioniert ästhetisch nicht. Auf der einen Seite ein dem 20. Jahrhundert verpflichteter Dirigent, der aus dem modernen Blickwinkel auch die große Tradition durchleuchtet. Wobei er sich konsequent jedem Hochdruckmusizieren verweigert, sondern aus einer immensen Ruhe und betörenden Leichtigkeit heraus das Standardrepertoire auf seine Relevanz und Sinnhaftigkeit befragt.

Auf der anderen Seite ein auf größtmögliche Effizienz erpichter moderner Kulturmanager, der emotional aber geradezu bedingungslos dem 19. Jahrhundert verpflichtet ist, also den narkotisierenden Wirkungen des großen Orchesterapparats sowie der Süffigkeit italienischer Melodienpracht.

Was haben die beiden sich unter solchen sich widersprechenden Voraussetzungen eigentlich zu sagen? Wider allen Anschein doch recht viel. Denn beide sind Eklektiker und Manieristen, ihren speziellen Vorlieben ausgeliefert. Und gerade weil sie so gut wie keine Berührungspunkte haben, ist das daraus resultierende Musikangebot recht breit. Ließe man nur Bachler oder nur Nagano gewähren, so wäre das schnell zu einseitig und zu monochrom. So aber decken sie die letzten zwei Jahrhunderte Musikgeschichte recht erschöpfend ab.

Was in den letzten Jahren aber gefehlt hat, ist das 17. und 18. Jahrhundert. Weder Nagano noch Bachler lassen ein Faible erkennen für Monteverdi, Cavalli, Rameau, Lully, Händel. Da war München unter Intendant Peter Jonas schon viel weiter. Damals wurde die Repertoiretauglichkeit der Barockoper für große Häuser bewiesen, auch, dass ein modern geführtes Opernhaus auf diesen Sektor der Musikgeschichte nicht mehr verzichten kann.

Bachler & Nagano sind einen großen Schritt hinter diese mittlerweile von den meisten Häusern akzeptierte Erkenntnis zurückgegangen. Weshalb die Bayerische Staatsoper bei all ihrem Schielen nach Marketing, Effizienz, Relevanz und Marktführerschaft ein wenig aus der Zeit gefallen wirkt.

Zumal auch all die aus der Marktwirtschaft übernommenen (Un-)Tugenden einen recht zweischneidigen Effekt haben. Man will die Weltstars präsentieren, man will mit dem auf Hochglanz und schnittige Popularität getrimmten Magazin Max Joseph stilbildend im Medienmarkt mitmischen, man versucht Zeitgenössisches in dem auf dem Marstallplatz für 350.000 privat aufgebrachte Euro Aufbaukosten errichteten Pavillon 21 einen MINI Opera Space zu präsentieren, man betreibt eine hoch professionelle Website sowie Oper für alle, man überträgt die Pressekonferenz live im Internet im Opern-TV: Bayerns Staatsoper ist zu einem unaufhörlich brodelnden und aus allen Medienkanälen dampfenden Publicity-Hochleistungsunternehmen geworden. Das ist beeindruckend. Aber gerade das nährt ein Unbehagen.

Indem Bachler die längst abgelebte Oper, die ja fast ausschließlich von der Kunstproduktion ferner Zeiten lebt, wie einen Sportwagen oder ein iPad als ein absolut heutiges Produkt anpreist, wird zunehmend ihre Relevanz unterlaufen. Denn zur Oper gehört das Unzeitgemäße, das Abgelebte, das Unverständliche und nicht mehr Nachfühlbare - auch das erratisch Irritierende, Befremdende und Unerträgliche. Kein "Fidelio" und kein "Orfeo" können stimmig und restlos als heutig präsentiert werden. Genau das aber versucht Bachler, indem er wie ein Großzauberer seinen Marketingbetrieb anwirft und alles störend Abgelebte aus der Oper hinwegerklärt oder mit viel Farbe, Fotos und guter Laune überkleistert.

Dann wirken die alten und allzu bekannten Stücke auf den ersten Blick natürlich überraschend frisch und lebendig. Aber dieser Eindruck ist teuer erkauft. Weil viel vom Inhalt der Stücke dafür ausgeblendet und ignoriert werden muss. Diese Methode muss man natürlich bei der Rezeption aller alten Kunst anwenden, wenn man sie nicht bloß wie ein Archivar verwalten und einordnen, sondern als lebendige Erfahrung für sich nutzbar machen will. Bachler aber übertreibt, weil er diese Methode verabsolutiert hat.

Er wendet sie wie ein Allheilmittel auf jedwede Oper an. Weshalb die Stücke hinter der Methode verschwinden und austauschbar erscheinen. In Bachlers Werbetohuwabohu sind die Opern dann letztlich nicht mehr als autarke Meisterwerke erkennbar. Selbst die Leistungen von Sängern, Dirigenten, Musikern und Regieteams werden relativiert, weil in einen übergeordneten Kosmos eingeordnet, dessen Regeln zu gehorchen ihre höchste Pflicht und Aufgabe zu sein scheint.

© SZ vom 01.07.2011/sonn
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema