Olympia-Einkaufszentrum Die Wut der Hinterbliebenen

Im Juni 2016 erschießt David S. neun Menschen beim Olympia Einkaufszentrum.

(Foto: dpa)

Dijamant Zabergja war das letzte Opfer des Amokschützen von München. Seine Schwester ist nicht nur traurig und verzweifelt, sondern auch wütend.

Von Nadia Pantel

Nachdem beim Münchner OEZ ein 18-Jähriger neun Menschen getötet hatte, wurde in Kosovo drei Tage Staatstrauer getragen. Aus der Türkei schickte der Präsident Beileidsbekundungen an die Hinterbliebenen. In einem griechischen Dorf versammelten sich alle Bewohner, um gemeinsam zu trauern. Und auf der Internetseite eines Vereins für Roma in Deutschland wurde zu Spenden für die Hinterbliebenen aufgerufen, um die Beerdigung eines der Opfer zu finanzieren. Der Münchner Amoklauf vom Juli fand international Beachtung. Im Großen, weil er auf der ganzen Welt wahrgenommen wurde. Im Kleinen, weil die Familien der Opfer nicht aus Deutschland stammten, sondern aus Kosovo, der Türkei, Ungarn und Griechenland.

Die Polizei hat bis heute keine Belege gefunden, dass der Todesschütze David S. rechtsradikale Motive für seine Tat hatte. Es gilt als Zufall, dass sieben der neun Opfer Muslime waren, dass sie Kinder von Einwanderern waren. In den Tagen nach dem furchtbaren Abend, in den Tagen nach der Hysterie, ging es dann um Mobbing an Schulen, um psychische Erkrankungen und um Waffen aus dem Darknet. Dass Ausländer Opfer geworden waren, wurde zur Randnotiz.

Begraben ist Dijamant in Kosovo - damit er nicht allein in der Erde liegt

Am Anfang dieser Recherche stand eine Frage: Warum ist es bei den Debatten über Attentate und Mordserien wie die von München immer nur wichtig, wer der Täter war? Was erfahren wir über unsere Gesellschaft, wenn wir uns die Opfer genauer anschauen? Wie fühlt es sich für Muslime an, wenn zunächst alle vermuten, dass hinter der Gewalt eine islamistische Motivation steht, dann aber rauskommt, dass es die Opfer sind, die Muslime waren?

Um Antworten zu bekommen, habe ich mich mehrmals mit der Schwester von Dijamant Zabergja getroffen und auch mit seiner besten Freundin. Dijamant war der Letzte, den David S. am 22. Juli tötete. Seine Familie kam 1993 aus Kosovo nach München, sein Grab ist nun wieder im Heimatdorf seiner Eltern. Er soll nicht allein in der Erde liegen, sondern einen Platz neben den anderen Verwandten finden.

Margareta, die Schwester von Dijamant, wohnt genau neben dem OEZ. Früher war sie fast täglich in dem Einkaufszentrum. Seit ihr Bruder gestorben ist, nur noch einmal: An dem Tag, an dem er 21 Jahre alt geworden wäre. Sie hat Blumen am Fuß der Rolltreppe abgelegt, an dem Ort, an dem Dijamants Körper gefunden wurde.

In den Gesprächen ging es nicht nur um Trauer und Verzweiflung, sondern auch um Wut. Warum haben die Eltern von David nichts bemerkt, warum haben sich seine Lehrer nicht besser um ihn gekümmert? Warum haben seine Mitschüler ihn nicht in Ruhe gelassen? Und warum sagen alle, dass es Zufall sei, dass fast nur Menschen mit Migrationshintergrund erschossen wurden?

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