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Oktoberfest-Trends:Braucht's des?

Als wäre die Wiesn nicht schon verrückt genug. Jetzt gibt es einen Wiesn-Knigge, ein "Atemlos"-Barometer und Lederhosen ohne Leder. Eine Auswahl absurder Trends.

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Der Reserve-Akku

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Quelle: oh

In den Zeiten, als alles noch besser war, also früher, da war bei einer Wiesn-Verabredung vor allem eines vonnöten: Pünktlichkeit. Wer nicht zum vereinbarten Zeitpunkt an der Normaluhr beim U-Bahn-Aufgang eintraf, der hatte keine Chance, seine Kumpels auf dem Festplatz jemals zu finden.

Heutzutage ist die Zumutung der Pünktlichkeit der Zumutung der Smartphones gewichen - diese werden nicht nur eingesetzt, um den aktuellen Standort mitzuteilen ("Wir sind Hacker"), sondern auch, um die gerade kredenzte Mass zu fotografieren und die Unzufriedenheit mit den Speisen in ein dafür vorgesehenes Internet-Portal zu schreiben, anstatt dem Kellner einfach zu sagen, dass das Hendl kalt ist. Das alles benötigt natürlich Energie, und da mittlerweile auf der Wiesn handy-los anscheinend schlimmer ist als bier-los, gibt es den Reserve-Akku.

Er ist mit dem offiziellen Wiesn-Plakat verziert, reicht für etwa zwei Befüllungen der Handybatterie und wird von herumlaufenden Strom-Anbietern in den Zelten für 24,50 Euro verkauft, nebst Adaptern für die gängigen Marken. Die Frage, ob's des braucht, stellt sich (leider) nicht: Ohne Handy findet man keinen Menschen im Zelt, da müsste man ja pünktlich sein.

Stephan Handel

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Das Atemlos-Barometer

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Quelle: Stephan Rumpf

Ein Wiesnhit wird meist nur dann einer, wenn sich der Refrain auch schwer alkoholisiert mitgrölen lässt. Ausnahme der vergangenen Jahre war Hubert von Goiserns "Brenna tuats guat", dessen Text lang und kaum verständlich ist, dessen Rhythmus dennoch die Massen mitriss. Zum Mitsingen war der Song aber nix. Aber dann kam die Fischer Helene daher und tat, was man als Schlagerinterpretin halt so macht: Sie reimte. "Nacht" auf "macht", "Tabu" auf "Liebes-Tattoo" und so fort. Und fertig war der Hit "Atemlos durch die Nacht", der reihenweise die Massen verzückt.

Da lag es für die Wiesnbands natürlich nahe, das Liedchen ebenfalls einzustudieren - und die Högl Fun Band, die zu vorgerückter Stunde im Weinzelt auftritt, hat daraus sogar noch eine Geschäftsidee entwickelt: das Atemlos-Barometer. Es ist ein Zeiger, der wahlweise in den roten oder grünen Bereich gestellt wird. Gäste können der Band Getränke spendieren und sich wünschen, dass sie das Fischer-Liedl entweder spielen oder dies bitte tunlichst unterlassen sollen. Und es gilt: Je höher der Einsatz, desto aussichtsreicher die Erfolgschancen.

Nachteil Nummer eins ist, dass die Atemlos-Fans leider recht spendabel sind. Nachteil Nummer zwei ist, dass Flüchten zwecklos ist. Denn auch in anderen Zelten läuft das Lied gefühlt in einer Dauerschleife - auch ohne Barometer.

Andreas Schubert

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Der Wiesn-Knigge

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Quelle: SZ

Es gibt ja Situationen, in denen man sich unwohl fühlt, weil man nicht genau weiß, wie man sich zu verhalten hat. Festliche Empfänge, vornehme Abendessen und dergleichen. Bislang dachte man, die Wiesn gehöre nicht dazu. Die Benimmtrainerin Lydia Morawietz möchte uns nun eines Besseren belehren und hat jetzt einen "Oktoberfest-Knigge" auf den Markt geworfen. Für schlappe 4,95 Euro erfährt man auf 62 Seiten alles angeblich Wissenswerte zum Thema "Stil und Etikette auf dem Oktoberfest".

Nun lehrt die Erfahrung, dass die entsprechenden Anforderungen auf der Wiesn nicht allzu hoch sind. Wer selbst da noch aus der Rolle fällt, bei dem ist wahrscheinlich eh Hopfen und Malz verloren. Tatsächlich kommen die Verhaltenstipps kaum einmal hinaus über: "Haben Sie in einem der Bierzelte im Vorfeld reserviert, sollten Sie pünktlich zum angegebenen Termin erscheinen." Auch der Rat, ein Geschäftsessen auf der Wiesn besser nicht als Bierleiche zu verlassen, überrascht nicht sonderlich.

Braucht's des also? Der Freiherr von Knigge würde wohl, falls er sich nicht totgelacht hat, sagen: Es gehört sich auch auf der Wiesn ganz und gar nicht, den Leuten für einen läppischen Gegenwert das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Franz Kotteder

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Die Hanflederne

Oktoberfestgegenstände

Quelle: Florian Peljak

Vegan ist im Trend: Immer mehr Menschen verzichten auf tierische Produkte. Inzwischen gibt es mehrere vegane Supermärkte und Lokale in München. Und wer ein so moralisches Leben führt, dem kann es doch - pardon - wurscht sein, ob sich Fleischfresser über Seitan-Schnitzel oder Soja-Burger lustig machen. Viele Veganer mögen Produkte, die tierhaltigen Originalen optisch nachempfunden sind. Das trifft auch auf Kleidung zu. So gibt es vegane Schuhe aus Gummi, die sich kaum von Lederschuhen unterscheiden. Und natürlich gibt es auch das ethisch saubere Wiesn-Outfit. Zum Beispiel beim Trachtenhändler Gössl in der Residenzstraße. Der bietet eine Beintracht an, die einer echten Hirschledernen zum Verwechseln ähnlich sieht: die "Hanflederne". Die gibt es komplett ohne Leder, sie fühlt sich leicht an, kommt ohne giftige Substanzen wie zum Beispiel Gerbstoffe auf die Haut und ist deshalb auch empfehlenswert für Allergiker - durchaus brauchbar, dafür genauso teuer wie eine gute Lederhose. Und die Knöpfe? Die sind zwar aus Horn (tierisch), lassen sich aber problemlos durch Kunststoffknöpfe ersetzen. Da brauchen Veganer nur noch Scheuklappen aus Stoff, um ohne Schock an den unzähligen Hendl- und Ochsensemmelstandln auf der Wiesn vorbeizukommen.

Andreas Schubert

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Der Wiesnschutz

Erste Hilfe Zentrum auf dem Münchner Oktoberfest, 2006

Quelle: Stephan Rumpf

Einen "verantwortungsvollen Umgang mit dem Bierkonsum", das ist eine Empfehlung, die man in der Broschüre einer Versicherung erwarten würde. Dass diese den verantwortungslosen Umgang damit versichert, allerdings nicht. Die Bayerische Beamten-Versicherung wirbt derzeit mit einer Kurzzeitunfallversicherung für Oktoberfestgäste namens "Wiesnschutz", die sich noch vor dem ersten Bier über eine App ordern lässt - für 5,99 Euro am Tag.

Das sollte einem so ein "Wiesn-Besuch ohne Probleme" schon wert sein, finden die Versicherer. Versichert werden damit Unfallfolgen wie der Verlust von Gliedmaßen, des Augenlichts oder der Erwerbsfähigkeit (bis 50 000 Euro), nötige kosmetische Operationen (bis 10 000 Euro) oder die Wiederbeschaffung verloren gegangener Papiere (bis 100 Euro). Enthalten sind zudem eine Zahnzusatzversicherung (bis 2000 Euro) oder die Kosten für einen Krankentransport im Inland (bis 2000 Euro). "Damit lässt sich auf der Wiesn unbeschwert feiern", tönt Lennart Wulff von der Situative GmbH, die die Police vertreibt.

Das wiederum lässt nur einen Schluss zu: Er selbst hat es auf der Wiesn noch nicht krachen lassen, sonst wüsste er, dass ohne Kopfweh noch niemand auf der Wiesn gefeiert hat. Und das ist nicht abgedeckt.

Thierry Backes

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Das Weltkulturerbe

Oktoberfest 2014

Quelle: dpa

Politiker fordern, das Oktoberfest in das immaterielle Weltkulturerbe der Unesco aufzunehmen. Auch die Bierzelt-Amazonen Andrea Nahles und Manuela Schwesig unterstützen diesen Plan, wir wünschen trotzdem viel Glück und viel Segen. Wird schon schiefgehen, denn die Wiesn gehört so dringend auf den Olymp wie der Schaum in den Masskrug. Sogar die Huffington Post ist schon fiebrig, schließlich bewunderten "Zehntausende" Jahr für Jahr dieses Oktoberfest.

Zehntausende? Liebe Freunde, die habt Ihr wohl eher auf der Dult von Kraglfing gezählt, doch im Ernst: Es gibt allerliebste Gründe für die Aufnahme der Wiesn ins Weltkulturerbe. Keiner hat sie so schön formuliert wie der Münchner CSU-Abgeordnete Wolfgang Stefinger, dessen Wiesn-Erinnerungen vor allem aus lauter "feschen Madln und Buam in Tracht" bestehen, aus dem Duft von gebrannten Mandeln und Hendln, treu verbunden mit den Klängen von Blasmusik. Das, lieber Stefinger, ist nett, aber echt zu mager.

Weltkulturerbe ist kein Ponyhof. Die Wiesn hat's nur deshalb drauf, weil sie maßlos ist, apokalyptisch, schrill und laut und weil sie nur im Rausch ertragen wird. Sie ist die größte Biertränke, die fetteste Ochsenabfieselanstalt und das schrillste Faschingsfest der Welt. Und das größte Friedensfest sowieso: Früher wurden Kinder, die sich auf der Wiesn verlaufen hatten, sofort verwurschtelt, aber das war lange bevor es ein Weltkulturerbe gab.

Hans Kratzer

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Der Wiesn-Schnulli

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Quelle: SZ

Ja, das kommt wohl dabei heraus, wenn sich der stolze Besitzer einer Plastiklederhose von Aldi im Zuge des Oktoberfests mit der feschen Trägerin eines superkurzen Mini-Papageiendirndls mit Großraumausschnitt paart: der offizielle Wiesn-Schnulli 2014. Mit 6,50 Euro ist er deutlich billiger als eine Wiesnmass, bestellen kann man ihn zum Beispiel im Internet auf der Seite www.oktoberfest.de.

Schön ist freilich etwas anderes: Gestalterisch ist es ja eine ziemliche Bankrotterklärung, wenn einem zum Thema Oktoberfest nicht mehr einfällt als ein Gesicht mit weißblauem Rautenmuster. Da hilft auch der Griff in Form einer John-Lennon-Brille nichts mehr.

Früher, so geht übrigens die Kunde, haben die Bayern den Schnuller in Bier getaucht, bevor sie ihn im Munde des greinenden Nachwuchses versenkten. Die Kleinen hätten dann immer so selig geschlummert, heißt es. Heute ist dieses Vorgehen natürlich aus gesundheitlichen Gründen streng untersagt, selbst in Bayern. Im Falle des Wiesn-Schnullis möchte man aber fast eine Ausnahme machen: Wer durch Wiesnbier benebelt ist, muss sich vielleicht nicht mehr gar so sehr wegen des schlechten Geschmacks seiner Eltern in Grund und Boden schämen.

Franz Kotteder

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Der Bairisch-Test

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Quelle: Stephan Rumpf

Wenn eine Zwidawurzn einen als schiachen Lalle und Pfloatsch beschimpft, dann ist die Schimpfende eine ziemlich bollische Person oder einfach nur eine faade Noggn. Wenn der Geschmähte dann nicht zindde reagiert, sondern sich gelassen denkt: "so genga de Gang", dann hat die Zwidawurzn noch Massl gehabt.

Wer bis hier nur die Hälfte verstanden hat, sollte dringend im Museumszelt auf der Oidn Wiesn vorbeischauen und bei Hans Eichhorn (Foto) und seinen Kollegen den Bairisch-Test des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte machen. Sie haben Fragebögen mit jeweils 21 bairischen Wörtern (und deren hochdeutsche Übersetzung), die selbst so manchem Bayern nicht mehr geläufig sind, unter anderem oben genannte. Der Mundartpfleger Gerhard Holz setzt sich seit Jahren dafür ein, dass das Bairische wieder mehr Wertschätzung erfährt, vor allem in den Städten.

Das Norddeutsche wolle man nicht verteufeln, "aber wir wollen den Leuten bewusst machen: Plapperts halt nicht alles nach", sagt Holz. "Wenn Kinder irgendwann nur noch pusten sagen statt blasen, dann spielen auf der Wiesn keine Blaskapellen mehr, sondern Pustekapellen." Alles klar, lieber FBSD, das ist überzeugend.

Andreas Schubert

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Die Wiesn-Führung

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Quelle: SZ

Gut, in einem Museum haben Führungen den Sinn, vertiefende Kenntnisse zu vermitteln. Aber auf der Wiesn? Was will man am Biertrinken, Hendlabfieseln und Karussellfahren denn groß vertiefen? Für eine Kneipentour benötigt man schließlich auch keinen Kunsthistoriker. Bei der 90-minütigen Oktoberfest-Führung "Eine Wiesn-Bedienung packt aus", die Gertrud Fassnacht (Foto) und Anne Fischer für 22 Euro pro Person anbieten (www.sound-of-munich.com), ist die Sache ein bisschen anders gelagert.

Fassnacht hat sechs Jahre lang als Festzelt-Bedienung gearbeitet und allerhand "Glückseligkeit und Abgründe", wie sie sagt, miterlebt. Sie kann also einige Geschichten erzählen, Anne Fischer steuert ein paar historische Hintergründe bei.

Ganz so reißerisch, wie der Titel verheißt, sind die Geschichten zwar nicht, und als Eingeborener kommt einem vieles schon bekannt vor, weshalb die Führung eher was für Wiesn-Neulinge ist. Spannend könnte es aber werden, wenn die hauptberuflich als Feng-Shui-Beraterin arbeitende Fassnacht mal erzählen würde, wie schwer ein Kristall sein muss, den man in ein Bierzelt hängen sollte, damit dort alle Schwingungen feng-shui-mäßig im Lot sind.

Franz Kotteder

© SZ.de/sim/tba

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