Sehr viel Geld hat Vinzenz Aukenthaler im Jahr 1960 an einer Schießbude verschossen. Aber es war gut angelegt, denn mit jedem Schuss ist er der jungen Frau in der Bude etwas näher gekommen.

Mit Arbeitskollegen war er damals auf der Wiesn, als sich die Gruppe entschied, ihr Glück beim Schießen zu versuchen. Evelin, die Frau aus der Schießbude, erinnert sich noch genau an die erste Begegnung: "Er war sehr lustig und er hat mich die ganze Zeit angeblinzelt. Und er war so nervös, dass er das Gewehr nicht ruhig halten konnte. Also habe ich ihm angeboten, das Gewehr auf meiner Schulter abzulegen, damit er wenigstens etwas trifft." Und mit ihrer Hilfe traf Vinzenz - viele Blumen hat er geschossen, die er ihr schenkte. Nach dem Schießen haben die Männer die Belagerung der Bude erstmal aufgegeben und sind weiter in eines der Zelte gezogen.

Aber Vinzenz kam wieder, Tag für Tag. Um Evelin zu sehen und sie nach Hause zu bringen. Dafür nahm er große Opfer in Kauf, wie Evelin stolz berichtet: "Einmal sind wir zusammen zum Romanplatz gegangen. Von dort bin ich mit dem Taxi nach Hause gefahren, ich hatte es nicht weit. Vinzenz hatte allerdings kein Geld mehr, dass hat er mir aber nicht erzählt. Ich dachte also, er steigt einfach in die nächste Tram, das war ja nicht teuer damals. Stattdessen ist er den ganzen Weg nach Oberföhring gelaufen."

Bis heute gehen die beiden einmal im Jahr auf die Wiesn. Die Schießbude, an der Evelin gearbeitet hat, gibt es zwar schon lange nicht mehr, trotzdem gehen die beiden manchmal noch an eine Bude, und dann schießt Vinzenz seiner Frau Blumen und Herzen. Der Lieblingsort der beiden ist die Bavaria, sagt Evelin: "Wir stellen uns immer dort oben hin, schauen auf das Treiben und schwelgen ein wenig in Erinnerungen. Das ist sehr wichtig für uns."

Eine diese Erinnerungen führt zurück ins Jahr 1960. Vinzenz hatte der jungen Frau aus der Bude wieder einmal versprochen, sie abzuholen. Aber diesesmal wartete Evelin vergeblich: "Ich war schon enttäuscht, schließlich hatte er die ganze Zeit sehr verliebt getan." Als Vinzenz doch noch an der Bude ankam, waren die Läden schon verriegelt und Evelin längst gegangen. Er war mit Arbeitskollegen im Zelt sitzen geblieben und hatte einfach die Zeit vergessen. Aber ganz Gentleman, hat er sich am nächsten Tag bei Evelin entschuldigt - mit Blumen, einer langen Erklärung für seinen Fehler und vielfacher Beteuerung, wie leid es ihm tue. Evelin hat ihm verziehen.

Bild: Stephan Rumpf 30. September 2012, 12:012012-09-30 12:01:17 © SZ vom 29.09.2012/afis