Viermal habe sie dem Mann auf die Finger gehauen, bevor sie ihm eine Chance gab, erinnert sich Waltraud Maucher. Jedes Mal, wenn sie auf die Toilette wollte, musste sie an seinem Tisch vorbei. Und immer hat er versucht, sie zu sich zu ziehen. Irgendwann hat Paul Maucher es geschafft. 60 Jahre ist das her, und seitdem haben Waltraud und Paul keine Wiesn ausgelassen - und seit 59 Jahren sind die beiden glücklich verheiratet. Seither lesen sie auch gemeinsam die Süddeutsche Zeitung, sie nennen sogar eine Erstausgabe vom 6. Oktober 1945 ihr Eigen.

Damals war Waltraud "ein total verrücktes Huhn", wie sie sagt. Mit einer Trompete im Mund ist sie lärmend durch die Reihen gezogen. Da ist es kaum verwunderlich, dass sie Pauls Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Eigentlich wollte sie den frechen jungen Mann allerdings schnell abwimmeln: "Nachdem ich mich an seinen Tisch gesetzt habe, habe ich ihm zuerst klargemacht, dass ich nicht zu haben bin. Zumindest nicht ohne meinen Sohn." Dessen Lockenkopf zierte einen Anhänger um ihren Hals. Doch Paul reagierte nicht wie erwartet: Statt sich zurückzuziehen, erklärte er ihr, wie süß der Junge doch sei, und dass er sie auf jeden Fall kennenlernen möchte. Er lud Waltraud also zu einem Spaziergang ein.

Noch immer kritisch, lehnte sie seine Einladung ab - vorerst. Bis sie doch schwach wurde. Später am Abend hat Paul sie nach Hause gebraucht und ist erst gegangen, als er die Zusage für ein zweites Treffen bekommen hat. Aber nicht auf der Wiesn, wie sich Waltraud erinnert: "Wir waren ja arm wie die Kirchenmäuse damals, obwohl wir beide viel gearbeitet haben. Wir waren froh, dass unsere Firmen uns mal auf die Wiesen eingeladen haben."

Bis heute laufen die Wiesnbesuche der beiden immer gleich ab: Fischessen bei der Fischer-Vroni, dann die erste Maß im Hacker-Zelt, ein Spaziergang, bei dem es ein Herzerl für Waltraud gibt, dann die zweite Maß. "Danach sind wir dann immer ganz schön high", erzählt Waltraud. Um wieder ein wenig runter zu kommen, lassen die beiden den Tag dann in einem Café ausklingen. Früher haben sie immer "mächtig auf den Putz gehauen".

Heute müssen es die 84-jährige Waltraud Maucher und ihr 87-jähriger Mann Paul etwas ruhiger angehen lassen, auch privat. Früher ging Waltraud regelmäßig zum Turnen und zum Eiskunstlauf, dann musste sie zweimal an der Hüfte und zweimal am Knie operiert werden. Deswegen kann sie heute nur noch einmal in der Woche Sport machen. Und da das Turnen nicht mehr klappt, hat sie sich etwas Ruhigeres gesucht: Bauchtanz.

Bild: Jakob Berr 30. September 2012, 12:012012-09-30 12:01:17 © SZ vom 29.09.2012/afis