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Nicht barrierefrei:Brücke auf der Kippe

So soll er aussehen: der geplante Steg zur S-Bahn-Station an der Donnersbergerbrücke.

(Foto: Simulation: Baureferat)
  • Die Stadtpolitik nimmt offenbar Abstand von dem Plan, eine 17,7 Millionen Euro teure Fußgängerbrücke über die Gleise am Hauptbahnhof bauen zu wollen. Der Steg wäre nicht behindertengerecht.
  • Nur die Grünen stehen noch hinter dem Bauprojekt.
  • Dass doch noch eine Lösung gefunden wird, um den S-Bahn-Zugang vom Steg aus barrierefrei zu machen, ist praktisch ausgeschlossen.

Von Andreas Glas

Vor kurzem ist die Raumsonde Rosetta auf einem 6,4 Milliarden Kilometer entfernten Kometen gelandet. Jetzt, vier Wochen später, stand CSU-Stadträtin Evelyn Menges am Rednerpult und konnte es nicht fassen: "Zehn Jahre lang wird ein Komet angeflogen und wir sind nicht in der Lage, dieses Problem zu überwinden." Die Rede war vom geplanten Steg, der über das Gleisfeld vor dem Hauptbahnhof den Arnulfpark mit der Landsberger Straße verbinden und eigentlich am Dienstag im Stadtrat beschlossen werden sollte.

Eigentlich, denn es gibt "dieses Problem": Vom Steg sollen zwei Treppen zum S-Bahnsteig Donnersberger Brücke führen, aber keine Rampe, kein Aufzug, keine Rolltreppe. All das hält die Stadt aus bautechnischer Sicht für unmöglich. "Können wir das in der heutigen Zeit wirklich so machen?", fragte Menges ihre Stadtratskollegen - und blickte in ratlose Gesichter.

Das 17-Millionen-Euro-Projekt steht plötzlich auf der Kippe. Auf Wunsch der CSU-Fraktion wurde die Entscheidung überraschend in die Vollversammlung in der kommenden Woche vertagt. Man wolle vorher die Meinung der Behindertenverbände einholen, sagte Menges, schließlich stelle das Brücken-Projekt "den Sinn der Barrierefreiheit infrage".

Die Grünen stehen nach wie vor hinter dem Projekt

Auch SPD-Fraktionschef Alexander Reissl zweifelt inzwischen an der Sinnhaftigkeit des Projekts. Der Stadtrat, so Reissl, müsse damit rechnen, dass die Bürger sagen, "wie unfähig wir denn alle miteinander sind, wenn wir 17,7 Millionen Euro für einen Fuß- und Radwegsteg ausgeben, aber die barrierefreie Erschließung zur S-Bahn nicht schaffen".

Die Opposition ist derweil geteilter Meinung. Während Johann Altmann (Freie Wähler) bereits angekündigt hat, "dass ich da nicht mitstimmen werde", stehen die Grünen hinter dem Projekt. Schließlich gehe es nicht nur um die Frage der Funktionalität, sagte Grünen-Stadtrat Paul Bickelbacher, der Steg wäre auch "ein städtebauliches Highlight, wenn man den Blick über die Gleise genießen kann".

Dass doch noch eine Lösung gefunden wird, um den S-Bahn-Zugang vom Steg aus barrierefrei zu machen, ist praktisch ausgeschlossen. Das größte Hindernis sind offenbar Oberleitungen der Bahn, die einer behindertengerechten Lösung im Weg stehen. Außerdem gebe es keinen Platz, um neben den Fußgängertreppen noch einen Aufzug oder eine Rolltreppe zu installieren. Der Zugang zum Gleis sei "so schmal, dass nicht mal die Treppe die Anforderungen der Bahn erfüllt", sagte Rosemarie Hingerl. Für die Baureferentin ist "die Grenze des Machbaren" erreicht.

Theoretisch denkbar wäre einzig ein zweiter Steg, der von der Brücke parallel zu den Gleisen zum 200 Meter westlich davon gelegenen Bahnsteig führe. "Aber das wären noch mal fünf Millionen Euro. Da kommen wir dann auch an die Grenze des Sinnvollen", sagte Hingerl.

Stimmt der Stadtrat der 240 Meter langen Stahlbrücke doch noch zu, könnte der Bau im Januar 2016 beginnen. Die Fertigstellung ist für Ende 2017 geplant. Am nördlichen und südlichen Ende sollen dann auch Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwägen über Rampen auf den Steg gelangen, um die Gleise zu überqueren. Der Weg zur S-Bahnstation würde ihnen dagegen verwehrt bleiben.

© SZ vom 10.12.2014/tba
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