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Neue Alben:Eine Familie wird Klang

Die Geschwister Katherine und James Newton haben unabhängig voneinander ihr erstes Album aufgenommen. Auch wenn die Werke stilistisch unterschiedlich sind, eint sie der Wille, die eigenen Gefühle zu ergründen

Von Rita Argauer

Die Musik klingt, als wäre der Lautsprecher unter Wasser. Fern, verhallt, ein bisschen blubbernd. Die Stimme, die Katherine Newton daraufsetzt, ist ebenfalls mit elektronischen Effekten belegt: zerhackt, stotternd. Dann kommen klarere Laute hervor. Es ist experimentell, man spürt das Suchen in dieser Musik, man spürt den Raum. Ganz anders klingt die Akustik-Gitarre, die "Northern Star" einleitet. Ein Indie-Song, der sich seinem Inhalt sehr direkt nimmt, melodiös und narrativ. Für James Newton, der mit vollem und sicherem Timbre darüber singt, ist es genauso wie für seine Schwester Katherine das erste Mal, dass sie eigene Songs aufgenommen haben. Die Musik klingt stilistisch ganz unterschiedlich, ist aber auch eine ganz starke Verbindung der beiden Geschwister.

Katherine und James Newton arbeiten beide künstlerisch. Jedoch primär eben nicht musikalisch. Der 29-jährige James Newton ist Schauspieler, Katherine Newton, 34, ist bildende Künstlerin. Nun haben beide unabhängig voneinander Musik geschrieben, aufgenommen und veröffentlicht. Und ob gewollt oder nicht, das führt auch tief in ihre Familiengeschichte. Die beiden wuchsen in einer britischen Familie auf. Die Umstände waren nicht immer einfach. Das Geld war knapp, die Eltern ließen sich früh scheiden, die Kinder rebellierten und suchten ihren Weg abseits ausgetretener Pfade. Und so anstrengend das für die alleinerziehende Mutter gewesen sein muss, beide konnten sich mit ihrer künstlerischen Arbeit etablieren. Katherine Newton lebt in Basel, wo sie als Designerin und bildende Künstlerin arbeitet. James Newton ist Ensemblemitglied im Metropoltheater, spielt Theater- und Filmrollen. Wenn sie miteinander sprechen, ergänzen sie sich, rutschen automatisch ins Anekdotische, erzählen aus ihrer Familie.

Die Musik war der erste künstlerische Ausdruck, mit dem sie in ihrer Kindheit konfrontiert waren. Die beiden sind mit einer älteren Schwester in München aufgewachsen. Der Vater, ein Musiker, brachte die Musik ins Haus. 1993 trennten sich die Eltern, von da an lebten die Kinder bei der Mutter. "Sie war immer berufstätig", sagt Katherine. "Es war viel los", ergänzt James, "wir hatten notgedrungen auch viele Freiheiten". So spielte James mit zehn Jahren Bass in einer Metalband mit Freunden und brach schließlich mit 16 die Schule ab, um Schauspiel an der August-Everding-Akademie zu studieren. "Unsere Mutter hat uns da immer unterstützt. Obwohl das Geld knapp war, wurden wir nicht gedrängt Jura oder irgendetwas anderes mit Aussicht auf einen gut bezahlten Job zu studieren", sagt er. Als Kinder haben sie Beatles gehört. Sie haben gesungen (Katherine) und Gitarre gespielt (James). Ein Klavier gab es auch, die älteste Schwester und Katherine haben beide ein bisschen Unterricht bekommen, aber nicht lang, das Geld reichte nicht. Sie lebten in einer Sozialwohnung "man hat sich nicht getraut so laut Musik zu machen, weil die Wände so dünn waren", sagt James. Aber Musik war das "Home" erzählt er weiter, "beständig und präsent". Doch: "Dann gab es bei mir den Drang auch was eigenes zu haben". Bei James war es das Schauspiel, bei Katherine die Bildende Kunst.

In einer Performance, die James Newton zusammen mit der Tänzerin Katja Wachter vor einigen Jahren im Münchner Theater Hoch X aufführte, erklärte er, der für ihn schlimmste künstlerische Ausdruck sei Akustik-Gitarrenmusik, die würde er niemals aufführen. Sein Beispiel damals: "Wonderwall" von Oasis. Jetzt aber schreibt er ziemlich persönliche Texte und singt sie zur Akustik-Gitarre. "Mir geht's bei der Musik krass um Verletzlichkeit", erklärt er. Die Mutter der beiden ist vor knapp zwei Jahren gestorben. Ihren Tod verarbeitet James Newton nun auch auf seinem Album. Als er angefangen habe zu schreiben, sei das nach der Verlusterfahrung eine Art Austausch mit sich selbst gewesen. "Das war eine Art und Weise die Gedanken zu ordnen, zu kommunizieren, mit mir selbst und mit den Akkorden." Er habe angefangen zu schreiben, was daraus werden sollte, habe er noch nicht gewusst. Jetzt sei notwendig diese Sachen rauszubringen, darüber zu reden: "Das ist das einzige, was hilft." Im Metropoltheater wird er das Album im Live-Stream vorstellen und mit der Psycho-Onkologin Serap Tari sprechen. Die arbeitet für den Verein "Lebensmut", von dem die Familie während der Krankheit der Mutter unterstützt wurde. Den Erlös der Albumverkäufe will er an den Verein spenden. Der Schauspieler James Newton hat die Musik nach einer traumatischen Erfahrung als künstlerisches Mittel gewählt. "Im Schauspiel habe ich meine Stimme gefunden und jetzt komme ich wieder zur Musik und traue mich auch über ganz intime Vorgänge zu singen. Die Musik ist da so perfekt, wo es die Worte nicht sind", sagt er.

Katherine Newton arbeitet insgesamt abstrakter. Als Kind habe sie gezeichnet, habe Geisterbahnen für James gebaut, habe die Zimmer umgestellt. "Ich hatte dann so einen Drang mit dem Raum und mit Materialien zu arbeiten", erzählt sie. Nach der Kunst-FOS in München studierte sie Innenarchitektur und machte später einen Design-Master in Basel. Sie arbeitet installativ, verquickt Klänge mit Räumen und filmischen Arbeiten. Sie illustrierte Kinderbücher, arbeitet für die Pariser Fashionweek und hatte beachtete Soloausstellungen in der Schweiz.

Unter dem Namen BID hat sie nun das erste Mal Musik ohne räumliche Entsprechung veröffentlicht. So halb zumindest. Denn aufwendige Videos wirken mit den sphärischen Anti-Pop-Nummern zusammen. Und Räume wirken in den Songs wie ein Klang-Gedächtnis nach. Katherine hat Geräusche aus ihrer Umwelt gesammelt, die zu musikalischen Klängen verschraubt, setzt ihre Stimme drauf, verfremdet erneut. Doch auch für sie ist die Musik etwas familiär Urvertrautes. Sie beobachte zunächst viel, setzt den Fokus nach Außen. Doch bei manchen ihrer Werke und auch bei ihrer Musik habe sie nun den Blick nach Innen gerichtet, "genau zu den Emotionen, die eigentliche Verletzlichkeit, die du vielleicht überhaupt nicht cool findest".

James Newton im Live-Stream aus dem Metropoltheater am 22. April, 20 Uhr, unter jamesnewton.de; Katherine Newton veröffentlicht ihre Musik unter bidmusiccc.bandcamp.com und ihre Kunst unter knewton.info

© SZ vom 07.04.2021
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