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Nachruf:Einer der letzten "ewig Swinggebliebenen"

Ein Klarinettist, Saxofonist und Bandleader, der auch am Schlagzeug eine gute Figur machte: Billy Gorlt.

(Foto: Imago)

Erhard "Billy" Gorlt gehört zu den großen deutschen Bandleadern der Nachkriegszeit. Jetzt ist er mit 94 Jahren in Germering gestorben

Von Oliver Hochkeppel

Den "ewig Swinggebliebenen" nannte man ihn schon in den Achtzigerjahren. Der Klarinettist, Saxofonist und Bandleader Billy Gorlt gehörte zum Inventar des deutschen Swing, auch wenn er nicht so berühmt wurde wie ein Max Greger oder ein Hugo Strasser. Dafür fehlten ihm die Nischen, die sich Greger mit dem Fernsehen und Strasser mit seinem Quasi-Monopol auf Tanzveranstaltungen erschlossen hatten. Musikalisch war er auf ihrer Höhe, und wie die meisten seiner Generation war die große Katastrophe des 20. Jahrhunderts der Auslöser seiner Jazz-Leidenschaft und der Beginn seiner Karriere.

Als Erhard Gorlt wurde er 1927 in Breslau geboren. Seine musikalischen Eltern drückten ihm früh ein Akkordeon in die Hände. Mit sieben war Gorlt soweit, dass er im Reibnitzer Südpark vor den Toren Breslaus auftreten konnte. In den Sommermonaten spielte er an den Wochenenden vor bis zu zweihundert Gästen die "mit Leichtigkeit eingeübten Schlager der Zeit", wie er später erzählte. Also stellte ihn die Mutter mit elf bei der Breslauer Musikschule vor, überzeugt, dass er das Talent für eine Musikerlaufbahn und erst einmal für ein Stipendium besäße. Die Ablehnung traf beide unvorbereitet, doch der kleine Erhard hatte bisher eben nur eine diatonische Harmonika gespielt und war auf das schulmusikalische Harmoniesystem unvorbereitet. So blieb Gorlt zeitlebens Autodidakt - was angesichts des bis in die Siebzigerjahre üblichen Konservatoriums-Unterrichts seinem "Swing-Feeling" sicher nicht abträglich war.

Just zu der Zeit, als ihn die Musikschule abweist, verdient Gorlt bei seinen Auftritten bereits Gagen bis zu 30 Reichsmark. Von diesem Geld kauft er sich mit zwölf eine Klarinette. Auch dieses Instrument beherrscht er - wie später alle möglichen anderen bis hin zum Schlagzeug - schnell so gut, dass eine Musikerkarriere vorgezeichnet schien. Die Zeitläufte hatten jedoch zunächst anderes mit ihm vor. Zwei Jahre nach Kriegsbeginn, mit 14, beginnt er eine Ausbildung zum Flugzeugbauer, ein Jahr vor Kriegsende wird er noch zur Wehrmacht eingezogen. Kurz vorher trägt sich eine Anekdote zu, die er später gerne erzählt: "Es waren die Jahre, wo mit Geld rein gar nichts ging. Ich habe den Silberfuchs-Mantel meiner Mutter gegen ein Saxofon, eine Klarinette und einen Stapel Salonorchesternoten getauscht. Es war ein amerikanisches Altsaxofon, matt versilbert, mit echt goldenem Becher, und statt der bis dahin verwendeten Mundstücke aus Kautschuk war dieses aus Metall."

Dieses Instrument begleitete ihn, als er am 8. März 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet. Wie viele andere, die später Berufsmusiker werden sollten, rekrutierten ihn die Amerikaner für ihre GI-Clubs. Aus Erhard wurde Billy, aus der zuvor heimlich bewunderten Musik der Kings of Swing wie Benny Goodman, Woody Herman oder Artie Shaw der Lebensinhalt. Seine Favoriten waren Harry James, dessen im "Feindradio" gehörtes "I'm Beginning To See The Light" ein Schlüsselerlebnis für ihn war, und Glenn Miller. Abgesehen von der Musik faszinierte den Flugzeugbauer Gorlt auch, dass Miller zuletzt die Army Air Force Band der amerikanischen Streitkräfte leitete. Dementsprechend nannte Gorlt seine Band später ebenfalls Airforce Band. Die Uniformen für seine Musiker schneiderte er selbst - auch das hatte er bei den Amerikanern gelernt.

Aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, schart Gorlt Musiker um sich, die er dort kennengelernt hatte. Das erste Engagement finden sie als Kapelle beim Zirkus Schickler, ehemals Sarasani. Nach einer Saison gründet Gorlt seine eigene Bigband. Die Zeiten sind gut für seine authentischen Swing-Arrangements. Nach Auftritten in den US-Clubs folgen Tourneen durch die Ballsäle und Konzerthallen in ganz Europa. Gorlts Orchester begleitet die "Las Vegas Show" auf ihren Europa-Trips, spielt für Stars wie Julia Migenes oder Marlene Charell, tritt immer wieder im Fernsehen auf und spielt nach und nach ein gutes Dutzend Alben ein.

Ende der Sechzigerjahre aber lässt das Interesse an Swing nach, Beat, Rock'n'Roll und Freejazz sind angesagt, obendrein zieht ein Teil der US-Streitkräfte ab. Gorlt verliert sein Massenpublikum, muss wie viele seine Band auflösen und geht in seinen alten Beruf als Flugzeugbauer zurück. Doch nicht für sehr lange. Gut zehn Jahre später greift er mit dem ersten Swing-Revival wieder an. Alles läuft nun in etwas kleinerem Rahmen, Gorlt tritt mit seinem Quartett wie mit seiner Bigband vor allem in der näheren Umgebung auf, bei Privatfesten, im Augustinerkeller, regelmäßig in der Stadthalle in Germering, wo er seit den späten Siebzigern wohnt. Immerhin wirkt er an den Filmmusiken von Michael Verhoevens Oscar-gekröntem "Das schreckliche Mädchen" und von Joseph Vilsmaiers "Rama dama" mit. Und er gehört zur Stammbesetzung des Nymphenburg Weinzeltes auf dem Oktoberfest. Noch in den späten 2000er-Jahren hat er beachtlichen Erfolg mit seinen Aufführungen des originalen Carnegie-Hall-Konzerts von Benny Goodman. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Billy Gorlt schon am 3. Februar in Germering 94-jährig an Herzversagen gestorben.

© SZ vom 19.02.2021
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