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Nachgefragt:Maske statt Champagner

Kristian Jarmuschek

"Der finanzielle Druck wird auf alle enorm sein", sagt Kristian Jarmuschek.

(Foto: Clara Wenzel-Theiler/Courtesy POSITIONS Berlin)

Kristian Jarmuschek vom Bundesverband Deutscher Galerien über den Neustart nach der Corona-Krise.

Die privaten Galerien dürfen wieder öffnen. Doch ist damit die Krise zu Ende? Die SZ sprach mit Kristian Jarmuschek, Galerist in Berlin, Messemacher und Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG).

SZ: Begrüßen Sie Ihre Sammler nun mit Maske und Desinfektionsmittel statt mit Häppchen und Champagner?

Kristian Jarmuschek: (lacht) Ist ein super Bild. Die Hygienemaßnahmen betreffen uns natürlich. Die Arbeit, die für die Vermittlung der Künstler ganz besonders wichtig ist - die Empfänge, Abendessen, Führungen, Lesungen in den Galerien -, ist derzeit nicht möglich. Damit sind wir auf das Interesse der treuen Sammler umso mehr angewiesen.

Wie ist die Stimmung unter den Galeristen bundesweit?

Die ersten zweieinhalb Monate in diesem Jahr sind für die meisten Galerien überraschend gut gelaufen. Insofern haben viele die Konsequenzen, die dieser Shutdown für die Kunstwelt bedeutet, wirtschaftlich noch nicht unmittelbar wahrnehmen können. Dann kamen auch schnell Hilfen, die psychologisch sehr wichtig waren, weil die Botschaft war: Wir finden, dass die Kunst und die Künstler wichtig sind. Erst im April fingen viele an zu begreifen, wie weit der Weg zurück zur Normalität werden wird und was es bedeutet, wenn man weiterhin nur mit angezogener Handbremse seine Galeriearbeit machen kann.

Wie stark wurden Hilfen abgerufen?

Das wissen wir noch nicht. Die bisher bekannten Statistiken gelten meines Wissens für den gesamten Einzelhandel. Ich hatte auch das Gefühl, dass einige Galeristen eher zurückhaltend waren, weil sie nicht als "bedürftig" gelten wollten.

In München hört man anderes. Viele haben wohl Hilfen beantragt. Vereinzelt heißt es, dass die Corona-Krise zum Nachdenken über das Modell "Galerie" geführt hat und dass Konsequenzen gezogen werden. Man spricht von Schließung. Hören Sie ähnliches aus anderen Städten?

Ich kann mir vorstellen, dass das noch Nachwehen des Jahres 2019 sind, da hat die Krise des Einzelhandels auch die Situation für die Galerien weiter verschärft. Und die digitalen Formate, die von Galerien und Messen vermehrt angeboten werden, führen nicht automatisch zu mehr Verkäufen. Insofern kann ich mir vorstellen, dass man sich in dieser Situation die Frage stellt: Kann ich das eigentlich alles noch leisten? Und wo ist das Licht am Ende des Tunnels?

Galeristen mögen Rücklagen gehabt haben, Künstlern haben sie in den seltensten Fällen. Gab es da direkte Hilfen?

Wir haben Hinweise gegeben, welche Möglichkeiten auf Unterstützung die Künstler haben und ihnen geholfen, die Anträge auszufüllen. Und natürlich helfen wir auch, wenn es sehr eng ist. Wir sind alle damit vertraut, dass es Phasen gibt, wo nichts oder wenig geht. Aber das ist nicht so ein Stresstest wie im Moment, wo man nicht weiß, wie sich alles verschiebt. Dieses Rad macht die wirtschaftliche Bedrohung für Künstler wie Galeristen im Moment so unberechenbar.

Gerade fühlt man sich sowieso wie auf einem Verschiebbahnhof. Viele nationale und internationale Ausstellungen und Messen wurden in den Herbst verlegt, wo zahlreiche Kunstveranstaltungen schon ihren angestammten Platz haben. Wie soll diese Verdichtung funktionieren?

Auch ich frage mich, wie das gehen soll. Man könnte im Moment ein Reisebüro für Messe-Hopping aufmachen. Tatsächlich ist es jetzt so, dass im Herbst in Europa in jeder Woche mindestens eine Kunstveranstaltung anvisiert ist. Dass das so nicht reibungslos funktionieren wird, dafür muss man nicht Hellseher sein.

Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie sind auch für Sammler noch nicht abzusehen. Droht eine zweite Krise, wenn zwar Kunst angeboten wird, aber niemand Geld hat sie zu kaufen?

Für mich ist die entscheidende Frage: In welchem Zustand sind Anfang September die Galerien wirtschaftlich, aber auch psychologisch. Und in welchem Zustand sind die Leute, deren Aufmerksamkeit wir einwerben wollen. Was wir im Herbst machen werden, werden wohl eher Messen mit Ausstellungscharakter sein, anlässlich derer man sich endlich wieder trifft, sich sieht, sich austauscht, die neuesten Arbeiten der Künstler kennenlernt und sich Orientierung verschafft. Der finanzielle Druck wird auf alle enorm sein. Viele Sammler werden sich fragen: Ist das jetzt das wichtigste, Kunst zu kaufen für meine weißen Wände, auf die ich im Corona-Home-Office wochenlang gestarrt habe? Dennoch möchte ich ungern von einer Krise sprechen, eher von einer Bedrohung. Es wird auf jeden Fall schwierig werden. Das Funktionieren des Kunstmarkts darf spätestens jetzt auf keinen Fall mehr als eine Selbstverständlichkeit angesehen werden. Besonders wichtig wäre es diesbezüglich, nochmals über die 2014 angehobene Mehrwertsteuer für Galerien zu reden und diesen Vorgang rückgängig zu machen.

© SZ vom 30.04.2020

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