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Nach Unfall mit Gauck-Limousine:Aufstehen lernen

Ein Zusammenstoß mit dem Auto, in dem Joachim Gauck saß, hat ihn vor zwei Jahren beinahe das Leben gekostet. Durch die Prominenz des Mannes auf der Rückbank ist auch Ferhat Akdere irgendwie berühmt geworden. Jetzt hat er den künftigen Bundespräsidenten getroffen.

Die Reste seines früheren Lebens sind noch im Internet zu finden. Ferhat Akdere hat eine Pizzeria betrieben, und die Restauranttester waren sehr angetan von seiner Holzofenpizza. Das Lokal aber ist Vergangenheit, weil am 23. Juni 2010 das alte Leben von Ferhat Akdere endete. An jenem Tag war er mit dem Rad unterwegs und stieß mit dem Auto zusammen, in dem Joachim Gauck saß.

Fast zwei Jahre nach dem Unfall plagen Ferhat Akdere vor allem Sorgen um seine berufliche Zukunft.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Jetzt, kurz bevor dieser Joachim Gauck wohl zum Bundespräsidenten gewählt wird, sitzt Akdere vor einem Lokal im Lehel, "Leib und Seele" heißt es, nicht weit weg vom Unfallort. Es ist der erste warme Frühlingstag, der Radfahrer von damals ist jetzt 31 Jahre alt, und fasst die vergangenen beiden Jahre so zusammen: "Das einzige Licht im Dunkeln seither war meine Hochzeit im vergangenen Jahr." Völlig aus der Bahn habe ihn der Unfall geworfen. Es sitzt ein gedrückt, ja, deprimiert wirkender junger Mann vor einem. Wenn er lächelt, dann fast unmerklich.

Gewiss, er hatte Glück an jenem Mittag, als er, so schilderte es die Polizei damals, mit seinem Mountainbike kurz nach zwölf die Wagmüllerstraße im Lehel überqueren wollte. Er war auf dem Radweg wohl in falscher Richtung unterwegs, und als er auf die Fahrbahn fuhr, da kam Gaucks Wagen. Sein Chauffeur hatte keine Chance, dem Zusammenstoß auszuweichen. Akdere trug keinen Helm.

Mehrere Knochen waren gebrochen, dreimal wurde er operiert, an seinem Kopf sieht man Narben, noch immer hat er Stahlplatten im Körper. Gauck ist danach ins Krankenhaus geeilt, wovon Akdere aber nichts mitbekam, weil er mehrere Tage im Koma lag. Gauck, wer würde daran zweifeln, soll sehr froh gewesen sein, als die Ärzte vermeldeten, dass der Radfahrer überleben wird.

Ferhat Akdere war an diesem Juni-Tag gerade auf dem Weg zu einem Gespräch mit einer Brauerei, für seine Pizzeria. Wie es zu dem Unfall kam, kann er sich nicht erklären, er erinnert sich kaum. Dass er mehrere Meter durch die Luft geschleudert worden sein soll, hat er später in den Zeitungen gelesen. Er war fortan nicht einfach einer von vielen Radlern, die, je nach Perspektive, Pech oder Glück hatten. Er war der Radfahrer, der mit dem Auto des Joachim Gauck zusammengestoßen war. Durch die Prominenz des Manns auf der Rückbank ist auch Ferhat Akdere irgendwie berühmt geworden. "Alle reden davon. Ich habe davon aber keine Vorteile." Er ist seither nicht wieder mit dem Rad gefahren.

Akderes Eltern stammen aus der Türkei, sie waren vor 50 Jahren unter den ersten Gastarbeitern, die nach Deutschland kamen. Sieben Kinder haben sie, ihr jüngster Sohn Ferhat kam in Nordrhein-Westfalen zur Welt, mit 18 zog er nach Bayern. Eigentlich wollte Akdere im Oktober 2010 seine Pizzeria aufmachen, aber wegen der langen Wochen im Krankenhaus habe er den Start auf Weihnachten verschieben müssen. Zuerst seien viele Gäste gekommen, aus Neugierde, wegen des Unfalls. Dann kamen Januar und Februar, eine schlechte Zeit, um ein Lokal einzuführen. Außerdem sei sein Erspartes wegen der Verzögerung dahingeschmolzen, und ein halbes Jahr nach der Eröffnung machte er wieder zu, er habe Angst vor noch mehr Schulden gehabt. Heute plagen ihn, neben immer wiederkehrenden Beschwerden, die Sorgen um seine berufliche Zukunft. Zuletzt arbeitete er wieder in seinem Beruf als Speditionskaufmann, jetzt sucht er was Neues. "Ich bin in alle Richtungen offen".

Ferhat Akdere hat, als er im Krankenhaus lag, Blumen und eine Karte von Markus Rinderspacher bekommen, dem Chef der SPD-Landtagsfraktion, die Gauck an jenem Juni-Tag besucht hatte. Es war auch ein Fahrer der SPD, der Gauck chauffierte. Die Geste Rinderspachers hat Akdere sehr gefreut.

Joachim Gauck hat er erst diese Woche kennengelernt, als er wieder im Landtag war, um sich vorzustellen. Über einen Bekannten ist Akdere ins Maximilianeum gekommen, die SPD habe dann spontan ein Gespräch mit Gauck eingefädelt, ein paar Minuten habe es gedauert. Gauck habe versucht, ihm Mut zu machen, weil er doch noch so jung sei, er könne wieder aufstehen.

Das mit dem Aufstehen, sagt Akdere, werde noch lange dauern, viele Jahre. Er habe Herrn Gauck dann alles Gute gewünscht, und Herr Gauck habe ihm auch das Beste gewünscht. Ferhat Akdere sagt, er habe Herrn Gauck, den keine Schuld an dem Unfall trifft, unbedingt treffen wollen, vielleicht könne er nun besser abschließen. Er wolle jetzt auch in Kontakt mit ihm bleiben.

Oft überlege er, wo er jetzt stünde, wenn er an jenem Tag ein paar Sekunden früher oder später dran gewesen wäre. Ja, er hadert mit seinem Schicksal. Und das Glück? "Ich weiß es zu schätzen", sagt Ferhat Akdere. "So ein Glück, so einen Unfall zu überleben, haben nicht viele." Er will, das hat er sich vorgenommen, bald wieder anfangen zu radeln.