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Musik ohne Grenzen:Mit allen und allem

Jörg Widmoser und seine Gruppe "Radio Europa" vermischen Stile und Kulturen. Ihre neue Platte macht richtig Spaß

Von Oliver Hochkeppel

Seit 1984 gibt es "Radio Europa" auf den Kanaren, ein deutschsprachiger Sender, der den vielen deutschen Touristen gewissermaßen die Heimat auf die spanischen Inseln holen will. Seit 2005 gibt es aber auch die bayerische Band Radio Europa, die bei ihrer Namensgebung bestimmt nicht an die Malle-Beschaller dachte, ist ihr Konzept doch so ziemlich das Gegenteil: Die ganze europäische Musik, die sie auf zahllosen Reisen und Begegnungen eingesammelt haben, wollen sie in der Heimat hochleben lassen, nach dem Motto: Musik überwindet alle Grenzen.

Treibende Kraft hinter dem Quintett ist der Geiger Jörg Widmoser, der längst die gleiche Popularität etwa einer Anne-Sophie Mutter verdient hätte, ist er doch nicht nur gleichfalls ein großer Virtuose seines Instruments, sondern vielleicht der vielseitigste Violinist der Republik. Als Primarius des - übrigens genau wie der spanisch-deutsche Radiosender 1984 gegründeten - Modern String Quartets gehört er zur Speerspitze der genre- und stilüberschreitenden klassischen Streichquartette. Parallel dazu beackerte Widmoser sein angestammtes Metier als Jazzgeiger, im Duo mit dem viel zu früh verstorbenen Violin-Kollegen Hajo Hoffmann beispielsweise, als Solist an der Seite von US-Stars wie Phil Woods, Tony Williams oder Adam Rodgers, mit dem eigenen Trio oder zuletzt bei einem Charlie-Parker-Projekt mit Stefan Holstein. Dabei gehörte er nicht zuletzt zu den Pionieren der E-Geige. Radio Europa schließlich deckt seine poppige, straßen- und weltmusikalische Seite ab.

Radio Europa

Musikalische Völkerverständigung betreibt "Radio Europa" um den Geiger, Arrangeur und Komponisten Jörg Widmoser (zweiter von rechts).

(Foto: Radio Europa)

Wie das klingt, kann man auf dem neuen Album "Mit allen und scharf" hören, einer teilweise noch vor Corona live aufgenommenen Bestandsaufnahme dessen, was man in den letzten Jahren gemeinsam weiterentwickelt hat, Widmoser und seine nicht minder qualifizierten, gleichberechtigten Begleiter. Jeder bringt andere Schwerpunkte mit, schon wegen des biografischen Hintergrunds. Der Münchner Widmoser hat österreichische Eltern, der in Nürnberg lebende Gitarrist Andreas Wiersich ist bayerisch verwurzelt. Akkordeonist Wolfgang Lell hat russische Vorfahren, Schlagzeuger Roland Duckarm ist ungarisch-deutscher Abstammung und in Rumänien aufgewachsen, Strammbassist Alex Bayer verbrachte seine Kindheitsjahre in Stockholm und Mailand, der ihn hier weitgehend vertretende Uli Fiedler ist auch ein erfahrener Musical- und Theatermusiker und Produzent.

Und so geht es vom rasenden Gypsy-Swing-Reißer "Ghost Dance" über das Mac Laughlin-artige "Spanish Fly" und den Klezmer "Drey Dreydl" bis zu französischer Musette ("La Bourrasque", in das freilich auch Alpenländisches und Spanisches einfließt), südosteuropäischen Rhythmus-Verknotern (wie dem bulgarischen "Isni Pestrev") oder "The Fiddlers of Ireland". Fast alles ist von Jörg Widmoser arrangiert, wenn nicht komponiert. Wie herausragend er auch das kann, veranschaulicht besonders gut "La Stravaganza", wo er Vivaldi in swingenden Hardbop überführt. Und natürlich die "Radio Europa Hymne", Beethovens hier von Jazz bis Rock umspielter "An die Freude", gewissermaßen ein programmatischer Wink mit dem Zaunpfahl.

Musik sowohl "mit allen" wie mit allem, und "scharf" ist's auch, vor allem, was das staunenswerte Tempo angeht. Radio Europa sind beileibe nicht die ersten und einzigen, die traditionelle Volksmusik in neuem Gewand präsentieren. Aber sie gehören zu denen, bei denen das richtig Spaß macht.

Radio Europa: Mit allen und scharf, Upsolute Music Records, www.radio-europa.eu

© SZ vom 27.02.2021
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