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Münchner Behindertenbeirat:"So wird Inklusion nicht funktionieren"

Johannes Messerschmid

Johannes Messerschmid.

(Foto: Moses Omeogo)

Johannes Messerschmid wundert sich über den zunehmenden Kostendruck im Sozialbereich

Er kommt mit dem Rollstuhl ins SZ-Hochhaus, weil er es so möchte. Und weil er kann: Im Rangieren hat Johannes Messerschmid ja nun schon Übung. Der 66-Jährige, der im Vorstand des Münchner Behindertenbeirats aktiv ist, erkrankte im sechsten Lebensjahr an Kinderlähmung. Er kann den Kopf bewegen, einige Finger, den restlichen Körper nicht. Trotzdem lebt er in seiner eigenen Wohnung.

SZ: Herr Messerschmid, wie kommen Sie zurecht im Leben?

Messerschmid: Eigentlich ganz gut. Dank meiner persönlichen Assistenz. Also den Menschen, die ich zu meiner Unterstützung beschäftige und die ich mir selbst gesucht habe.

In eine Einrichtung zu gehen, kam für Sie nicht in Frage?

Ich wollte immer in meiner eigenen Wohnung leben und seit 1987 tue ich das auch. Hier kann ich selbst steuern, in welcher Form ich unterstützt werden will: Wer etwas an mir tut, was er tut, wann, an welchem Ort und wie. Aber es ist schon viel Arbeit, das alles zu organisieren. Die Personalverwaltung, die Lohnabrechnungen, die Anleitung. Nicht nur kognitiv eingeschränkte Menschen brauchen hierfür in der Regel Unterstützung.

Sie sind jetzt mit einem Begleiter und dem Auto hergekommen. Warum nicht öffentlich?

Meine Mobilität ist eine ganz andere mit dem Auto. Ich bin viel flexibler, und während des Berufsverkehrs bekomme ich in der U-Bahn ohnehin keinen Platz - ich bin ja mit meinem Gefährt ein raumeinnehmendes Wesen. Gott sei Dank übernimmt der Bezirk die Kosten für das Auto. Der tut dies, weil ich ein Beatmungsgerät mitführen muss, früher mal ein Studium absolviert habe und berufstätig war und jetzt im Vorstand des Behindertenbeirats ehrenamtlich aktiv bin. Wegen der Schwere meiner Behinderung gelte ich als Härtefall. Auf jeden Fall muss man aber sozialhilfeberechtigt sein, um diese Kfz-Hilfe vom Bezirk zu bekommen. Auch die Mobilitätshilfepauschale ist hilfreich. Generell aber ist es ein Problem, dass man bei den Kostenträgern vieles erbetteln oder erkämpfen muss. Die tun schon oft so, als wäre es ihr eigenes Geld, das sie ausgeben. Dabei sind es Gelder, die uns Menschen mit Behinderungen zustehen, wenn der entsprechende Bedarf vorliegt.

Daran ändert sich offenbar seit Jahren nichts. Woran liegt das?

Am immer weiter zunehmenden Kostendruck im Sozialbereich. Es kommt aber auch auf die Sachbearbeiterin oder den Sachbearbeiter an, ob man sich als Bittsteller fühlen muss. Manche setzen sich sehr für einen ein. Aber auch der Sachbearbeiter muss seine Entscheidungen gegenüber seinem Vorgesetzten vertreten. Die sind ja alle angewiesen, wirtschaftlich zu arbeiten, das heißt immer: sparen. Und im Zweifelsfall geht das zu Lasten der Menschen, die selbstbestimmt zu Hause leben wollen.

Warum das?

Die öffentlichen Sozialetats sind zwar groß, aber viel davon geht an Einrichtungsträger. Der ambulante Bereich wird da gern vernachlässigt. Für die Kostenträger ist es eben einfacher, mit wenigen großen Einrichtungen zu verhandeln, als viele Einzelentscheidungen zu treffen. Bei Einzelpersonen ist immer eine individuelle Bedarfsabklärung nötig, das bedeutet viel mehr Aufwand. Und es ist halt auch ein typisch deutsches Phänomen, diese wohlorganisierte Behinderten-Verwaltung mit ihren Groß-Einrichtungen. Schon Ende des 19. Jahrhunderts hat man in Deutschland angefangen, Menschen, die besonders sind, in Einrichtungen gesammelt zu betreuen.

Was ist heute das Problem?

Alles steht unter Kostendruck. Obwohl wir so ein reiches Land sind. Nehmen Sie das neue Bundesteilhabegesetz, das von vielen Politikern gefeiert wird. Alle Neuerungen dort stehen aber unter dem Vorbehalt, dass, wie es so schön heißt, die Kostendynamik gebremst werden soll. Das ist ein Widerspruch in sich. Man kündigt neue und bessere Leistungen an, aber die dürfen nicht viel teurer werden als das, was man hat. So wird Inklusion nicht funktionieren.

Was kann die Stadt München tun, um Menschen mit Behinderungen das Leben leichter zu machen?

Die Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr ist für uns nach wie vor ein großes Thema. Die ist immer noch nicht gegeben, obwohl viele Menschen viel Arbeit reinstecken. Es geht häufig um Rollifahrer, aber nicht nur. Auch gehörlose Menschen, kognitiv eingeschränkte Menschen oder auch Eltern mit Kinderwagen oder Menschen mit Rollatoren brauchen barrierefreie öffentliche Verkehrsmittel. Und Fahrgast-Informationen, die für sie wahrnehmbar sind. Notwendig wäre, die bauliche Umgebung so zu gestalten, dass sie zur Höhe der Fahrzeugeinstiege passt. Ein anderes No-Go ist es, dass immer mal wieder Menschen mit Mobilitätseinschränkungen stehen gelassen werden, wenn es für den Fahrer grad hektisch ist.

Das sollte nicht sein.

Nein, natürlich nicht. Ist aber so. Wir machen eh schon Schulungen für die Mitarbeiter, die kommen auch sehr gut an, aber man erreicht nur einen Teil aller Beschäftigten. Und was uns auch stört: Wir müssen bei Unternehmen immer drängen, dass sie sich Informationen bei uns holen. Wir würden uns wünschen, dass Unternehmen von sich aus auf uns zukommen. Dann passiert vielleicht auch nicht mehr so ein Unsinn wie jetzt bei der Deutschen Bahn. Dort hat man gerade 18 neue Züge für 220 Millionen Euro in Auftrag gegeben. Und die sind nicht barrierefrei. Das geht doch eigentlich gar nicht mehr.

© SZ vom 21.12.2019
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