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Nina Hagen in München:Gott sei Punk

Nina Hagen macht im Münchner Prinzregententheater die Gospel-Show. Sie kiekst, schnurrt und gurrt, zitiert dazwischen Goethe und Fontane. Und löst beim Publikum alles andere als Unbehagen aus.

Vor einem Vierteljahrhundert kam der Heilige Geist auf sie nieder. Vermutlich. Es war 1985, als Nina Hagen mit bunter Mähne ein Kreuz schwenkte, damit über die Bühne hüpfte und röhrte: "I got a friend in Jesus". Youtube sei Dank können auch wir Zu-spät-Geborenen uns davon ein Bild machen. Das war also Nina Hagen, die Frau aus Ostberlin, die Ende der siebziger Jahre in Deutschland mit Nina Hagen Band und Unbehagen Punk-Geschichte geschrieben hatte.

Nina Hagen

Nina Hagen, Neu-Christin und einstige verlorene Tocher, rockt und eint die Fangemeinde im Münchner Prinzregententheater.

(Foto: ap)

Es gab einige Aussetzer im deutschen TV, die auch wir Jüngeren mitbekommen haben. Als Ufo-Botschafterin bei Sandra Maischberger etwa, oder als Punk-Mutti in der Pro-Sieben-Castingshow Popstars. Nun knüpft Nina Hagen an die Thematik an, die sie ihr ganzes Künstlerleben beschäftigt hat: das Spirituelle. Nach Außerirdischem, Ufos und Esoterischem widmet sie sich wieder dem christlichen Glauben.

Personal Jesus heißt das neue, in den Feuilletons hochgelobte Album, das sie an diesem Mittwoch im Prinzregententheater in München vorstellt. Nina Hagen, inzwischen 55 Jahre alt, erscheint als schwarze Fee in einem Ballerina-Kleid, dazu trägt sie schwarze Leggins. Auf der Bühne wirkt sie klein, zierlich, mit sehr blassem Teint, das Scheinwerferlicht lässt ihre Wangenknochen noch spitzer als sonst hervortreten. Um die Hüfte hat sie ein violettes Tuch gebunden, dazu farblich passend die hochhackigen Schuhe und ihre Schleifchen im Haar. Violett, die liturgische Farbe der Umkehr.

Nina Hagen kommt auf die Bühne, schlägt ein Buch auf und zitiert zum Auftakt ihres Konzerts erst einmal einen Brief des Apostels Paulus an die Römer: "Haltet mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, sondern überlasst es Eurem Schöpfer." Da steht also diese zierliche Frau und füllt den Raum mit ihrer gewaltvollen Stimme und der Botschaft vom Rachegott. Nina Hagen, die Predigerin, die Schamanin mit den dunkel angestrichenen Augenlidern und den spitzen Wangenknochen.

Die Botschaft der verlorenen Tochter

Dann stimmt sie Personal Jesus an. Und auch wenn dieser Depeche-Mode-Song auf ihrem neuen Album zu den Schwächeren gehören soll, an diesem Abend hat sich Nina Hagen wohl zum Ziel gesetzt, Country-Großmeister Johnny Cash und alle anderen zu übertrumpfen, die sich mit diesem Lied versucht haben. Die Stimme dazu hat sie. "He's you're own ... personal ... Jesus", brummt Hagen ins Mikrofon, groovt, zieht dabei eine Schnute, wippt mit der Hüfte mit und grinst spitzbübisch ins Publikum.

Die einstige Punk-Prinzessin ist Neu-Christin, im August 2009 getauft. Und die im Prinzregententheater in München versammelte Gemeinde nimmt die Botschaft der verlorenen Tochter gerne auf. Das Publikum ist so bunt wie das Künstlerleben der Frau auf der Bühne. Da sind ältere Damen, die bei den Liedern mit dem Fuß mitwippen, da sind junge Frauen mit bunten Strähnen und teilweise kahlrasierten Köpfen, aufgeklebten Wimpern und Netzstrümpfen. Da sind Herren in Karohemden mit Rucksäcken, wie man sie auf dem Ökumenischen Kirchentag vermuten würde. Einer, der das Konzert stehend vom Rand der Bühne aus beobachtet, breitet die Arme selbst wie ein Prediger aus und ruft irgendwann dazwischen: "Nina forever."

Nina Hagen selber lächelt. Ob das den Fans vor ihr oder höheren Mächten gilt, bleibt offen. Auf jeden Fall fühlt sie sich an diesem Abend sehr wohl in ihrem Universum, das so bunt ist wie ihr Publikum.

Sie kiekst, brummelt, gurrt, röhrt, greift selbst zur Gitarre, spielt Help Me von Elvis Presley, rollt dabei ihr typisches Nina-Hagen-Rrrrrrr, legt die Gitarre wieder weg, plappert, rappt, "es ist, was es ist und es ist wieder wahr", ruft "Gitarren statt Knarren", springt auf, salutiert, marschiert, stimmt Wolf Biermann an, "Soldat, Soldat, das ist kein Spiel ... ", trägt Theodor Fontanes Das Trauerspiel von Afghanistan vor: "Die hören sollen, sie hören nicht mehr/Vernichtet ist das ganze Heer/Mit dreizehntausend der Zug begann/Einer kam heim aus Afghanistan."

Dann setzt sich Nina Hagen als Das Veilchen von Goethe in Szene, um dann wiederum nahtlos überzuleiten auf ein traditionelles Gospel-Spiritual, The lilly of the valley. Nina Hagen singt "These shoes I wear are the gospel shoes, oh my Lawd", und auch hier kiekst sie noch, bremst dann ihre aufgekratzte Art ein, setzt sich züchtig auf ihren Barhocker und singt "I once was lost in sin, but Jesus took me in". Dabei spielt sie mit dieser wunderbaren Stimme so gekonnt, als hätte sie nie etwas anderes gesungen als Gospel.

Großes Theater im Münchner Prinzregententheater, im Tempel des August Everding. Er wird auch gelächelt haben.

In Niederbayern würden sie "Satansmesse" sagen

Ja, der Lord wird an diesem Abend von Frau Hagen sehr penetrant gepriesen. Und auch wenn sie zwischen den Liedern immer wieder gern von der frohen Botschaft Jesu redet und mit ihrer kraftvollen Stimme zweifellos zur Predigerin taugt, ein strenggläubiges Publikum im erzkatholischen Niederbayern würde ein solches Konzert nach wie vor als außerirdisches Werk des Teufels abtun, vermutlich als Satansmesse.

Aber Nina Hagen ist ja auch nicht nach Niederbayern gereist, um ihr neues Album vorzustellen. Im Großstadtpublikum lösen die neuen und alten Lieder der Punk-Diva in zwei Stunden sehr viel Wohlbehagen aus. Zwei ältere Damen sind sichtlich gerührt, als die Sängerin ihre Version des Ave Maria anstimmt und dabei das Weiße in ihren Augen blitzen lässt. Dann bekreuzigt sich Frau Hagen und sagt: "Jesus, Glory to His Name. Yabadabadoooooooo!" Schönen Gruß an Familie Feuerstein.

Nina Hagen ist noch immer eine Bühnenattraktion. Punk sei Dank.

© sueddeutsche.de/jja
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