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Georg Schramm im Interview:"Das ist Truppenbetreuung"

Kabarettist Georg Schramm über den Besuch bei einer Anti-Stuttgart-21-Demonstration, seinen Abschied aus der ZDF-Anstalt und sein neues Solo-Programm.

Thomas Becker

Georg Schramm, 61, ist neben dem immergrünen Dieter Hildebrandt die Instanz in Sachen politisches Kabarett. Vor dreieinhalb Jahren schuf er mit Urban Priol für das ZDF "Neues aus der Anstalt", die erfolgreichste Satire-Sendung seit dem "Scheibenwischer". Im Sommer zog er sich zurück, um sich einem neuen Solo-Programm zu widmen, mit dem er von Montag an im Lustspielhaus zu Gast ist. Ein Gespräch über Pelzig, Stuttgart 21 und das Loslassen-Können.

Georg Schramm, hat die ZDF-Anstalt im Sommer verlassen. Jetzt geht er mit einem neuen Solo-Programm auf Tour.

(Foto: Ulla Baumgart)

SZ: Herr Schramm, wie geht's Ihnen, so ganz ohne Anstaltsleiter Priol?

Georg Schramm: Prima. Ich war mit dem Hund schon eine Stunde draußen, die Sonne kommt gleich raus, die Blätter sind gelb - toll.

SZ: Klingt, als genössen Sie das Leben.

Schramm: Ach, da fehlt noch viel. Es gibt gerade so viele Vorschläge, was ich noch alles machen soll, und Nachfragen von Leuten, die mir sagen, ich wäre genau der Richtige für ihre Benefizveranstaltung. Man muss schon sehr hartnäckig absagen. Meine Frau hat jetzt die Agentur abgegeben - die neue ist aber genauso tüchtig im Abwimmeln.

SZ: Damit Sie sich in Ruhe auf Ihr neues Solo vorbereiten können.

Schramm: Ja, aber jetzt war ich mit Priol in Stuttgart bei der Montagsdemo - das hat uns beide sprachlos zurückgelassen. Die hatten mich vor Monaten schon gefragt, und Urban sagte auch: Wir müssen da jetzt mal hin. Das war toll. Die hatten um 15 Uhr noch keine Genehmigung für 18 Uhr, haben aber per einstweiliger Verfügung den Schlossplatz gekriegt. Da standen ein Lastwagen als Podium und ein Kran mit Lautsprechern, da waren um halb sechs zehn oder zwölf Leute. Sagt der Urban: Oje, oje. Und es war so schweinekalt! Aber dann, wie auf Knopfdruck, kamen sie von allen Seiten angeströmt, und dann waren es 25.000, innerhalb einer halben Stunde. Das hatte keiner von uns je erlebt. Die Leute sind entschlossener als je zuvor. Auf dem Weg zum Bahnhof haben uns unzählige Leute auf die Schulter geklopft. Wir könnten uns gar nicht vorstellen, wie wichtig das sei, dass Leute wie wir vorbeikommen, nur so könne man durchhalten. Das ist Truppenbetreuung. Marlene Dietrich. Da können wir zwar optisch nicht mithalten, aber im Prinzip ist das verbale Mobilmachung. Wir hatten das Gefühl: Jetzt haben wir mal wieder was Sinnvolles getan.

SZ: Können Sie im neuen Programm solch aktuelle Erlebnisse verarbeiten?

Schramm: Ich habe zu meinem Regisseur Rainer Pause gesagt: Es geht gar nicht anders, wir brauchen ein, zwei Plätze, wo man aktuelles Geschehen irgendwie unterschieben kann. Auf der anderen Seite suche ich die Grundthemen immer aus dem aus, was mich umtreibt, und das ist nicht irgendwas von einem anderen Stern, sondern etwas, das hier in der Luft liegt. Im neuen Programm war mein Ehrgeiz, eine möglichst geschlossene Form zu finden. Es sollte eine kleine Geschichte werden, die sich von Anfang bis Ende durcherzählt, wobei die Nummern praktisch in die zweite Reihe zurücktreten.

SZ: Gibt es ein Wiedersehen mit Ihren Kunstfiguren wie Dombrowski?

Schramm: Ja. In der Vorgeschichte hat Dombrowski den Vorsitz einer Selbsthilfegruppe von alten Leuten übernommen und möchte sie aus dem Apotheken-Rundschau-Milieu rausholen, damit nicht nur über Haifischknorpel und Dragees diskutiert wird, sondern hart und politisch. Auf keinen Fall darf die Stoßrichtung sein: Alt gegen Jung, wie es manche gerne hätten. Das ist ein Nebenkriegsschauplatz und verdeckt die wahre Front - und es gibt nur eine: Arm gegen Reich. Daran scheitert Dombrowski fatal, komplett. Unser Bestreben war, dass er nicht als gebrochener Held von der Bühne geht, sondern gebrochen, ohne Held.

SZ: Daher auch der defätistische Titel: "Meister Yodas Ende".

Schramm: Ich bin ja wie vernarrt darin! Wobei der Witz ist: Je älter die Zuschauer sind, desto weniger wissen, wer Meister Yoda ist. Das ist die Umkehrung des letzten Programms. Der Chef vom St.-Pauli-Theater, der viel Kabarett-Regie macht, fand den letzten Titel ("Thomas Bernhard hätte geschossen", d. Red.) toll. Thomas Bernhard: Kennt jeder. Hab' ich gesagt: Da täuschst du dich. Zwei Drittel der Zuschauer kennen Thomas Bernhard nicht. Das Programm funktionierte dennoch.

SZ: Ist der Stress vor Bühnenauftritten anders als vor einer Fernsehsendung?

Schramm: Beim Fernsehen ist es extrem schlimm, jedenfalls in der Situation, in der Urban und ich immer waren. Weil die Texte für uns neu waren und wir nicht wussten, wie die Zuschauer reagieren. Die waren nicht erprobt und abgeschliffen in 20 Vorstellungen. Dann sitzt dir beim Lernen die Zeit im Nacken, und es ist live, und du hast keinen Teleprompter - die Nervenanspannung ist schon arg. Das war ja auch einer der Gründe, warum ich aufgehört habe.

SZ: Und wie fühlt sich das neue Leben an?

Schramm: Deutlich ruhiger. Allein die Vorstellung, ich hätte nach meiner Premiere drei Tage Zeit und mich dann mit Urban für die nächste Sendung getroffen - wenn das alles so weitergegangen wäre, das hätte ich nicht geschafft. Dann hätte entweder meine Familie mich gar nicht mehr kennengelernt, oder ich hätte mich selber nicht mehr gekannt. Das habe ich gemerkt. Es gab deutliche Anzeichen, dass ich mich entscheiden muss. Die Leute schimpfen zwar, wenn ich unterwegs bin, dass das nicht geht, dass ich da weg bleibe, aber dann sag' ich: Dann hättest du mich heute hier nicht sehen können.

SZ: Also kein Heimweh nach der Anstalt?

Schramm: Ich hatte schweißnasse Hände bei der ersten Sendung mit Frank-Markus Barwasser. Aber je länger sie ging, desto entspannter habe ich am Wein genuckelt.

SZ: Und? Ging gut, oder?

Schramm: Ging gut. Frank-Markus war so nervös wie ich am Anfang, aber er wird das genauso ablegen. Ich bin auch nicht objektiv bei ihm, weil ich ihn für einen großen Könner halte.

© SZ vom 30.10.2010/tob

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