"München verliert den Anschluss" Höher, schneller, immer

Bayerischer Supermann (links) und fränkischer Start-upper (rechts). Andreas Bruckschlögl mit dem Maskottchen seiner Firma, die er 2012 startete.

(Foto: Stephan Rumpf)

Andreas Bruckschlögl hat vom Sport gelernt, wie man erfolgreich wird: das ganze Leben auf ein Ziel ausrichten. Der 26-Jährige betreibt mit der Web-Optimierungs-Firma Onpage ein rasant wachsendes Start-up. Genauso schnell steigen die Teilnehmerzahlen seiner Gründerkonferenz "Bits & Pretzels", mittlerweile kommen 5000 Interessierte

Von Philipp Crone

Mit zwölf hat er das Geschäft seiner Mutter gerettet. Andreas Bruckschlögl bot die Waren zusätzlich bei Ebay an, als einer der ersten Einzelhändler, und nicht mehr nur im kleinen Taschen-Laden im mittelfränkischen Thalmässing. Bis zu 40 verkauften sie täglich. Der Junge saß in jeder freien Minute vor dem Rechner, verkaufte, optimierte. Was macht so etwas mit einem Zwölfjährigen?

Mit 17 hat Bruckschlögl einen weiteren Online-Shop, diesmal für Mode, aufgebaut und in den Sand gesetzt, "kurz vor dem Konkurs". Was macht so etwas mit einem Jugendlichen?

Äußerlich nicht viel. Bruckschlögl ist 26 Jahre alt und sieht aus wie ein Abiturient. Wer Start-upper grundsätzlich blöd findet, wird sagen: wie ein PC-süchtiger Vollnerd, mit seiner Gymnasiastenbrille und der fein gescheitelten Milhouse-Frisur. 100 Stunden Arbeit die Woche, keine Freundin, früher Triathlet, joggen jeden Morgen um kurz nach sechs, "work hard, party hard"-Posts auf Facebook, kaum mal zehn Minuten offline im Chat.

Wer hingegen zunächst einmal keine Ahnung hat, wie er einen Gründer wie diesen täuschend echt aussehenden Strebertyp finden soll, fährt zu Onpage am Hauptbahnhof, der Firma von Bruckschlögl. Die bietet eine ausgeklügelte Software zur Verbesserung von Webseiten an und wächst so irre schnell, dass offenbar keine Zeit bleibt, die Schildchen von den neuen Bürostühlen abzunehmen. Ein Beispiel dafür, dass es auch in München möglich ist, dem Silicon Valley etwas entgegenzusetzen.

Ein mannshoher Supermann in weißblauer Flagge steht da auf dunklem Holzboden des Hinterhauses an der Paul-Heyse-Straße 27. "Das Gebäude war eine Schule und der Raum hier eine alte Turnhalle", sagt Bruckschlögl, schaut über sein noch recht neues Reich: 42 Mitarbeiter sitzen an Arbeitsplätzen, die Apple nicht besser in eine Werbung packen könnte, weiß, minimalistisch, Tastaturen, Bildschirme, Tisch, Stuhl, Mülleimer, fertig. Daneben drei graue Kabinen wie überdimensionierte Telefonzellen, für kleine Konferenzen oder einen Anruf daheim, eher bei Mutter als bei der Frau, älter als 30 sind die wenigsten. "Familiäre Atmosphäre soll es sein, wir haben alle ein gemeinsames Ziel." Bruckschlögl lässt die Worte frängisch weich in den Raum sinken. Familie, Ziel, wie man eben redet als Gründer, oder? Wer sich Gründer nennt, ist es schon gewohnt, gegen Klischees zu kämpfen. Oder sie sind einem egal, weil es läuft wie im Sport: Wer gewinnt, hat Recht. Wen die Bayerische Wirtschaftsministerin lobpreist, ohnehin.

Ilse Aigner hat seine Konferenz "Bits & Pretzels" besucht und Bruckschlögls Firma und seine Mitgründer. Sie lobt ihn, wann immer es geht. Und es geht oft. Onpage ist bislang elf Mal ausgezeichnet worden. Und die Gründerkonferenz wächst. Im September 2014 kamen 1400 Teilnehmern, ein Jahr später 3500, in diesem Jahr werden es 5000.

Bruckschlögl spricht mit Vorständen der Deutschen Bank, erklärt ihnen, dass ihre Webseite eine Katastrophe ist und von seiner Software aktualisiert gehört, oder mit den Top-Ten-Investoren im Silicon Valley, die ihm sagen: Die Idee von Onpage ist derart gut, dass sie doch gefälligst München verlassen und im Valley daraus ein richtig großes Ding machen sollen. Er sagt dann mit einem Lächeln: Nein.

Ihr Ding, das Bruckschlögl mit Merlin Jacob, Niels Doerje und Marcus Tandler 2012 gegründet hat, nennt sich: SEO, search engine optimization. Sie optimieren Webseiten. Das machen zwar andere Anbieter auch schon länger, die meisten haben aber nicht so eine ausgereifte Software. "Man kann sich das wie bei einer Stadt vorstellen mit Gebäuden und Straßen. So ist das Netz mit seinen Webseiten, und überall wird dauernd gebaut. Manchmal passieren dabei Fehler, und die finden wir." Internet-Bauaufsicht also: tote Seiten, leere Links, hohe Ladezeiten, schlecht Google-erreichbar, so etwas erkennen und optimieren die Onpager. "Wir hatten nach 24 Stunden einhundert Abos zu 90 Euro verkauft." Schnell brauchten sie Buchhalter, Controller, Marketing-Menschen. "Du machst alles selbst und zum ersten Mal, mit Investoren reden, mit Politikern, Mitarbeiter einstellen, Internationalisieren, die Lernkurve ist unheimlich steil." Und die Gehaltskurve?

"Ich beziehe ein normales Managergehalt, aber mein Stundenlohn liegt unter dem Mindestlohn", sagt Bruckschlögl. Bei 110 Stunden Arbeit die Woche. "Aber wer ein Start-up gründet, um Millionär zu werden, wird es sicher nicht." Schon gar nicht in Deutschland. "Ich kenne den Satz auswendig: Das geht nur in Amerika. Stimmt nicht!" Eigentlich sei München auch gar kein schlechter Standort. "Das Venture Capital sitzt hier." Aber eben auch BMW, oder Siemens. "Bei diesen Firmen sind ja bis zu 200 Stellen ausgeschrieben", und der Münchner Hochpotenzialist geht dann eben doch noch lieber zu BMW. 38,5 Stunden statt 110, Privatleben statt Arbeitsleben. Merlin Jacob, der die Software für Onpage entwickelt hat, oder Niels Doerje, ein ehemaliger Google-Manager, sie sind ebenfalls viele Stunden täglich im Büro.

Natürlich wird in einer Firma, die Marketing-Menschen beschäftigt, von Familie gesprochen, wenn es um die Atmosphäre geht. In der alten Turnhalle wird gearbeitet, gekocht, gelebt. Man duzt sich, die Feelgood-Managerin hat einen Hund, Mitarbeiter bekommen Leckerli zum Austeilen. Start-up-Standard. Kann natürlich Schönfärbe-Geblubber sein. Andererseits: Vielleicht auch nicht, bei Menschen, die genau ihre Idee verwirklichen von morgens um acht bis nachts um zwölf, die mit ihrer Idee vor vier Jahren mit 1600 Euro angefangen haben, seitdem ihre eigene Vorstellung einer Firma entwickeln und jeden Tag den bayerischen Supermann im Blick haben.

Und dann noch die Gründerkonferenz. Eine Idee dreier Männer, von 150 bis 2400 Euro Gebühr pro Person, um Größen wie Herbert Hainer von Adidas oder Phil Libin von Evernote zuzuhören. "Mein Ziel ist Elon Musk", sagt Bruckschlögl. Musk ist Milliardär und Gründer des Elektroauto-Herstellers Tesla. Bruckschlögl sagt auch: "München verliert den Anschluss." Weil hier zu viel Wohlstand herrsche und die Leute um die 25 und mit guten Abschlüssen nicht gefordert würden. Oder dass Tesla eine große Gefahr für deutsche Autobauer ist. Er sagt das, und man nimmt ihn ernst. Einen Mann, der zwar jünglich aussieht, aber genau weiß, was er draufhat. Der sich auch wehren muss, gegen Neid. Neulich schrieb er für eine Webseite seinen Tagesablauf auf: Um 6.20 Uhr war er joggen, sieben Kilometer in 25 Minuten. Es gab boshafte Kommentare: So schnell laufe doch keiner. Bruckschlögl schon, er war als Jugendlicher bayerischer Vizemeister im Triathlon.

Bruckschlögl wirkt noch immer wie ein Leistungssportler. Sich ein Ziel setzen und alles danach ausrichten. Nur dass es nicht um Medaillen geht, sondern um Software. "Natürlich, in der Branche muss man sich auch verkaufen können." Sich, und seine Ware. Das Verkaufen liegt in der Familie. Der Opa war Raumausstatter, "und hat sonntags die Buchhaltung gemacht", seine Mutter mit dem Taschenladen, der Vater Bauunternehmer. Alle selbstständig. Machen, auch wenn es mal schiefgeht, so lief das in der Familie, so läuft es in der Firma. "Die Amerikaner sind ja ganz anders, wenn man scheitert. Die fragen nicht, ob du noch geeignet bist für eine Investition, sondern, was du daraus gelernt hast." Bruckschlögl lernt, wie ein besessener Sportler rennt. Ende des Jahres wird er noch immer sieben Kilometer in 25 Minuten laufen, und seine Firma 60 Mitarbeiter beschäftigen.

Das macht so etwas aus einem Zwölfjährigen.