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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Wunder des Blühens

Uli Schaarschmidt

Uli Schaarschmidt lebt als Maler und Formgestalter in München. Von ihm stammt unter anderem das Kunstprojekt "Die Verwunderung des Betrachters beim Zeitung lesen".

(Foto: Uli Schaarschmidt)

Kultur-Lockdown, Tag 125: Der Maler und Formgestalter will Kastanien in Sendling retten

Gastbeitrag von Uli Schaarschmidt

Mein Tag beginnt mit einem besorgten Blick vom Balkon in der Johann-Clanze-Straße in Sendling. Sind die Greifer, Zangen und Sägen schon wieder da, um an sich starke Bäume aus dem Leben zu reißen? Von Winterruhe will ich gar nicht sprechen, weil ihnen mit Macheten und Stangen erhebliche Rinde abgeschlagen wurde. Im Namen der Sicherheit.

Ein rebellischer Student war ich, der eine exzellente Ausbildung in Berlin-Weissensee bekam. Ich bin ein Pleinairmaler, der auf seinem Balkon in München arbeitet. Dort von oben studiere ich jedes Jahr im Mai das Wunder des Blühens der Kastanien in unserer Straße, bin auf Augenhöhe mit ihnen und habe sie in unzähligen Skizzen festgehalten. Doch diese unschuldigen und nicht sprechenden Wesen sind jetzt bedroht. Diese grünen Dome sind lebendige soziale Skulpturen (laut Joseph Beuys). Mütter wandeln unter ihnen mit ihren Kindern im Schatten heisser Sommer, Paare verweilen gern, Nachbarn reden miteinander, Vögel, Eichhörnchen, Hundeliebhaber sind auch Naturfreunde. Die Zuschriften, Unterstützungen, die neuesten wissenschaftlichen Fakten, unter anderen von Volker Meng, Forstwissenschaftliches Institut der Universität Göttingen, spornten mich seit September im Lockdown an, mit einem Kunstprojekt die Kastanien zu retten und auf ihre Resistenzen aufmerksam zu machen. Mit dieser Überzeugung agiere und lerne ich, wie die Verwaltung reagiert: nicht auf Neues einlassen, stur mit Gutachten wiederholen, was schon viele Bäumen das Leben kostete. Daraus entsteht eine erweiterte soziale Skulptur. Schlüsselerlebnis war der Eichendorffplatz. Joseph von Eichendorff war ein Reiter in den Befreiungskriegen. Die Verwalter denken nicht nach, dass jedes Lebewesen ungeahnte Immunkräfte hat. So wurde den Bäumen zu lange ein schlechtes Image angehängt: krank, kaputt, weg.

Daher appelliere ich an die freiheitliche Presse und an die klugen Köpfe, mir beim Erhalt der Kastanien zu helfen. Die unseligen Wiederholungen, krank, kaputt, durch wissenschaftliche Fakten und Methoden zu ersetzen und ein neues Kapitel aufzuschlagen: "Wir Kastanien haben Resistenzen und wachsen auch mit Motten, Bakterien, Pilzen noch 100 Jahre, wenn der Mensch uns nur lässt. In der Stadt kann er uns Wasser und Nährstoffe an die Wurzeln geben."

Auf meiner Website schaarschmidt.it hab ich das alles verarbeitet und Schlussfolgerungen aus den Fakten der Wissenschaftler gezogen. Jetzt braucht es nur offene Geister, die sich das anschauen und danach handeln. Das ist mein künstlerischer Ausdruck zur aktuellen Situation. Wind, Regen und Schnee wehten meine Baum-Notizen ab, es kamen neue hinzu. Freude erfasst mich, wenn Frauen den Maler auf der Gasse ansprechen und das Engagement gut finden.

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© SZ vom 06.03.2021
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