bedeckt München 12°

München:Radieschen im Licht

Sabine Handschuck geht der Kunst sprichwörtlich an die Wurzel. In ihrer Schau "Radical Art" in der Borstei zeigt die Künstlerin Papierarbeiten, die sie aus hauchzarten Scheiben von Rettich, Rote Bete oder Kurkuma hergestellt hat

Von Nicole Graner

Überall in der Wohnung liegen sie. Bilder im Rahmen. Kleine und große. Auf dem Bett, der Couch. Auf dem Fußboden und dem Tisch. Es ist eine Werkschau. Nur noch nicht an Wänden. Dort werden sie bald hängen, aber zuvor will sich Sabine Handschuck einen Überblick verschaffen über all das, was sie in nur kurzer Zeit geschaffen hat. Will den Arbeiten nachspüren, um zu wissen, welche unbedingt in die winzige "Kleine Galerie" in der Borstei sollen, und wie sie gehängt wirken könnten. "Ich muss mich entscheiden", sagt sie, wiegt ihren Kopf ein bisschen hin und her und schweift mit ihrem Blick über ihre Arbeiten - Papierarbeiten mit einer sehr besonderen Ästhetik. Zart und filigran liegen schimmernde, helle Streifen an- und übereinander. Oder nicht ganz runde Kreise mit einem zarten roten Rand. Manche dieser Streifen wirken, als ob vorsichtig mit einem Pinsel purpurfarbene Bänder - einmal mit mehr Wasser, einmal mit wenig - über das Papier gefahren worden wäre.

So transparent, dass die Sonne durch das Papier scheint: Radieschen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das ist der erste Blick, doch dann beginnt der Betrachter die Struktur zu hinterfragen, die so zerbrechlich wirkt, so leicht und so spielerisch abstrakt. Und jetzt ist es gut, dass die Bilder noch nicht an der Wand hängen. Denn Handschuck, die ihr Alter nicht gerne verrät, nimmt eine der Arbeiten behutsam aus dem Rahmen heraus und beginnt das Geheimnis zu lüften: das Geheimnis der Wurzeln. Es sind Radieschen, Karotten oder Petersilienwurzeln. Es sind Rettich, Rote Bete oder Kurkuma, die den Arbeiten die Struktur geben. Hauchdünn ist das Papier, das sie in den Händen hält. Durchscheinend. Kaum wagt man es anzufassen. Die Künstlerin lächelt und erklärt dann, wie dieses Pflanzenpapier entstehen kann.

Rote Beete gibt dieser Arbeit der Künstlerin die Struktur.

(Foto: Stephan Rumpf)

Irgendwann liest sie in einem Kinderbuch von Botschaften auf Papier aus Karotten. Sie forscht nach. Eine Freundin bringt ihr eines Tages ein Rezeptur, die sie auf zwei Postkarten geschrieben hatte. Noch heute hat Sabine Handschuck beide Karten am Kühlschrank hängen. Auch, wenn diese Rezeptur nicht ganz funktioniere. Aber es sei eine Grundlage gewesen für alles Weitere. Zuerst schneidet sie die Wurzeln in ganz dünne Scheiben und legt sie ins Wasser. Solange, bis sie zu gären beginnen. Dann werde jedes "Fitzelchen", wie die Künstlerin sagt, gerollt und erneut ins Wasser gelegt. "Dieser Prozess dauert so ungefähr sechs Tage", erklärt sie weiter. Durch den Gärungsprozess bilden sich Bindungsstoffe. Danach werden die Scheiben in Zeitungspapier und Tücher gelegt, aufeinander gelegt und gepresst. Jeden Tag baut sie diesen "Turm" ab, und erneuert den feucht gewordenen Stoff - dann wird neu gestapelt. "Der Trocknungsprozess muss schnell gehen", sagt sie.

Handschucks Bilder brauchen Zeit und Muße.

(Foto: Stephan Rumpf)

Meditationsarbeit könne man diese erste Stufe nennen. Dann beginnt der schöpferische Prozess. Denn welche Wurzeln passen zusammen? Wie komponiert sie die hauchdünnen Karottenpapiere zu Geschichten? Das Thema Flucht hat sie zum Beispiel sehr beschäftigt. So entsteht ein Zyklus von Arbeiten. Die Menschen aus transparenten Karottenstreifen stehen da zusammen. Dicht an dicht. Trauernd oder Schutz suchend. Später löst sich Handschuck vom Figürlichen, findet in der Abstraktion ihre Ausdruckskraft.

Künstlerin Sabine Handschuck.

(Foto: Stephan Rumpf)

Was heißt später? Die meisten Arbeiten hat die Künstlerin in nur einem halben Jahr geschaffen. Zuvor war sie bis 2006 Beauftragte für interkulturelle Arbeit der Landeshauptstadt München, danach bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie selbständig. Viele Aufträge seien weggebrochen, und sie überlegte, für sich etwas zu tun. "Was mir gut tut", sagt Handschuck. Ein kleines Skizzenbuch beweist, dass sie schon länger mit ihrer Wurzelkunst experimentierte, aber ohne den Gedanken, es einmal zu perfektionieren. Jetzt ist ihre Kunst zu dem geworden, was ihr tatsächlich gut tut. Fast scheint es so, wenn man die Künstlerin über ihre Arbeiten sprechen hört, als hätte sie diese Ideen schon lange in sich getragen, schon lange im Herzen abgelegt. Denn diese Freude über das Experimentieren mit den Wurzeln, mit der Technik, ist ihr anzumerken.

Apropos Experimentieren: Handschuck findet heraus, dass Öko-Radieschen das Rötliche ihrer Schale behalten und dass die Faserdichte eine andere ist, genauso wie auch bei "Industriemöhren". Und dass Kartoffeln für ihre Kunst ungeeignet sind. "Sie stinken einfach", sagt sie. Und sie will weiter ausprobieren, vielleicht größere Bilder entstehen lassen, sie vielleicht einmal im doppelten Glasrahmen durchscheinen lassen. Und vielleicht schneidet sie auch einmal Ingwer in dünne Scheiben. "Das habe ich nämlich noch nicht probiert."

Alles hat eine Seele. Auch das, was wächst, was gedeiht und damit lebendig ist. Aristoteles, der griechische Philosoph der Antike, hat diese Seelenstruktur in seiner Schrift "De Anima" zu einer fundamentalphilosophischen Analyse des Lebendigen gemacht. Und sieht man die wunderbar filigranen Papierarbeiten von Sabine Handschuck, dann haben sie die Ästhetik des Lebendigen. Sie holen, wenn man so will, die Wurzeln des Lebens ans Licht. Zum zweiten Mal. Nach der Ernte, kommen sie vom Dunklen ins Helle. Handschuck macht das Innere des Lebendigen sichtbar, das Kleine transparent. Also all das, was auch das Leben selbst ausmachen müsste.

"Radical Art - Wurzelkunst": Papierarbeiten von Sabine Handschuck; "Kleine Galerie", Ladenstraße in der Borstei, Franz-Marc-Straße 8; zu sehen von Samstag, 3. Oktober an. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 16 bis 19 Uhr, Samstag 10 bis 13 Uhr.

© SZ vom 01.10.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite