SZ-Serie: Bühne? Frei!:Der Stoff, aus dem die Masken sind

SZ-Serie: Bühne? Frei!: Nora Zapf ist Lyrikerin und Übersetzerin sowie Organisatorin der Reihe "meine drei lyrischen ichs". Für ihr lyrisches Werk erhielt sie 2019 den Bayerischen Kunstförderpreis.

Nora Zapf ist Lyrikerin und Übersetzerin sowie Organisatorin der Reihe "meine drei lyrischen ichs". Für ihr lyrisches Werk erhielt sie 2019 den Bayerischen Kunstförderpreis.

(Foto: Annalena Roters)

Kultur-Lockdown, Tag 87: Die Lyrikerin träumt sich in fantastische Welten

Gastbeitrag von Nora Zapf

Manchmal gebären kalte Jahre Monster. Ich denke an das Bild "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" des Malers Francisco de Goya. Es zeigt einen Künstlerkörper, Kopf auf dem Tisch abgelegt, schlafend, über ihm fliegen bedrohlich verwischt Fledermäuse, Eulen mit großen Augen, ein katzenartiges Wesen liegt umher. Wenn die Kunst wie jetzt schläft, gezwungenermaßen Winterschlaf hält, kann Fantastisches im doppelten Sinn entstehen. Einerseits Großartiges. Andererseits Bedrohliches, das Genre der Fantastik, das uns im Zweifel lässt, ob etwas geträumt oder wahr ist, das Unmögliches möglich und Unlogisches logisch wirken lässt. Im Jahr ohne Sommer 1816, als eine Vulkanwolke ganz Europa verdunkelte und es lang nicht hell wurde, erblühte gerade wegen dieser Dunkelheit die Schauerliteratur, und Mary Shelley erfand Frankenstein.

Im unfreiwilligen Ruhestand der Künste derzeit, bei Herabsetzung der Körpertemperatur und gedrosselter Pulsfrequenz braucht man Fettdepots, sonst bekommt man Hunger. Aber von uns Lyrikerinnen und Lyrikern sind schon vorher viele arg abgemagert gewesen wegen des garstigen Betriebs und der bitterbösen Kulturindustrie: Die Lyrik ist irgendwie immer ein Rand. Abende, die sonst verplant waren mit Veranstaltungen — ja, manchmal auch nervig wegen all der Vergleiche und Kämpfe um so wenig Aufmerksamkeit —, sie fehlen jetzt schmerzlich oder werden vor Bildschirmen im Zoom verbracht. Wo schauen die anderen Augen hin?

Es gibt eine Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe, die mich schon als Kind beeindruckt hat: "Die Maske des Roten Todes". Darin wird in Zeiten der Pest von Fürst Prospero ein Maskenball veranstaltet, als Rückzug und Protest und Verdrängung zugleich. In sieben Zimmern, die alle eine andere Farbe tragen, wirbeln Kostüme, Grimassen, Masken durcheinander, es gibt Tanz und Trank und Attraktion. Im hintersten Zimmer, gekleidet in schwarzen Samt, tickt wie aus dem Off bedrohlich eine hölzerne Uhr. Das Unvermeidliche tritt natürlich bald ein: der maskierte Rote Tod, den man draußen hatte halten wollen, berührt die Tanzenden und infiziert sie.

Träumen dürfen wir ja! Das ist ein Drittel unserer Zeit, auch jetzt. Werden im Schlaf unsere Zimmer größer, die Abstände kleiner zwischen uns?

Ein Gedankenexperiment, als Plädoyer für mehr Fantastisches in kalten Tagen (in Kunst, nicht Politik!): Traumhaft wäre ein "zügellos wollüstliches Schauspiel", wie es bei Poe in der Übersetzung von Wollschläger heißt. Ein "Großer Tag der Lyrik" in all ihrer Pracht, mit unseren Avataren in einer Art verrauchter virtueller Kneipe wie das Leipziger "Noch-besser-leben": Man gelangte durch einen Kühlschrank von einem Raum in den anderen, unsere Haare würden zum Portal. Ein Paar beobachtete Vögel, ahmte Laute nach: "bijö-biwit". Eine DJ spielte mit Musik, alle nickten mit den Köpfen. Jemand sauste auf: Es würden Klarnamen verschüttet, ein paar jagten sich mit Pizzateig und Wasserpistole über die Bühne. Am Klo stotterten Pflanzen mit Jandls Stimme traurig "schtzngrmm". Auf der Tanzfläche, manche suchten am Boden nach neuen Perspektiven, sie meinten, Kleinschreibung sei gleich Anarchie beziehungsweise Emanzipation. Prügelei! Ob oder nicht ein "ich" im Gedicht sitze. Wie viele Adjektive eine Zeile überfüllten, wo man Schluss machen muss? Dann: doch ein Zungenkuss (alle mit der Lyrik, nur Gedanken würden übertragen).

Aus diesem Stoff können auch Masken sein.

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© SZ vom 27.01.2021
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