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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Solange die Seuche seucht

Der Lyriker Nikolai Vogel ist 1971 in München geboren. 1993 gründete er gemeinsam mit Kilian Fitzpatrick den Black Ink Verlag. Zudem schreibt er den Blog nachwort.de.

(Foto: Marian Wilhelm)

Kultur-Lockdown, Tag: 114: Der Lyriker schreibt über die neue Seltsamkeit des Alltags

Gastbeitrag von Nikolai Vogel

Die Isoliertheit. Die Einkommenssituation. Die familiären Dramen. Die lange nicht gesehenen Bekannten. Die Gestorbenen. Das ist alles nicht lustig. Das ist alles unerwartet. Das hätten wir alles längst wissen können. So an und für sich. Aber real war es nicht. Real ist es jetzt.

Darüber ist viel gesagt. Viel geschrieben. Ja, es ist schwierig geworden, als Künstler zu leben. Also für mich. Wer kann so ganz allgemein sprechen? Nicht, dass es vorher einfach gewesen wäre. Aber diese Zeit jetzt. Seit März vorigen Jahres. Dieses Zurückgeworfensein.

Als Autor war ich das schon gewohnt. Aber nicht so. Noch mehr in der Höhle. Was nach außen dringt? Einen Quarantäneroman, den ich schon vorher geschrieben hatte, als Video eingelesen, 40 Tage oder Nächte lang. Ins Internet. Ist das in der Welt? Die Klicks. Und das Teilen. Und die Hashtags. Und diese Daumen und Herzen. Bart gewachsen. Zopf ab. Selbst geschnitten. Und im Januar ein langes Gedicht als Video hinterher, 2520 Verse, das ganze Buch. Vor meinem offenen Schrank. Mit Hemden darin, die ich ewig nicht anhatte. Auch Erbstücke darunter.

Durch die Wohnung tigern. Silke und ich. Keine Kinder. Kein Homeschooling. Stress trotzdem. Wie weiter? Was kommt? Wer denkt jetzt auch noch Unsinn? Noch nie so viel gekocht. Dinge neu entdecken. Eine Art Stillleben. Und Musik machen. Also eigentlich macht sie mehr mein Kollege Kilian Fitzpatrick. Ich nehme Stimmspuren auf und schicke sie ihm. Im Video weht ein Leintuch am Apfelbaum. Und dann wieder das Zimmereck. Wie raus kommen? Telefonieren? So viel telefoniert habe ich mein Leben nicht. Kontakt halten. Stimmen hören. Ich mag Stimmen!

Und dann wieder die Ruhe. Bei sich sein. Seiten umblättern. Lektüre. So eine seltsame Stimmung noch nie. Als fehle der Gegenpol. Als falle alles ins Blatt. Alles schon Geschichte? Und noch nie so viel spazieren gegangen. Wann Kunst wieder analog und unter Leuten? Dass Kunst lebendig macht. Sie muss nicht gleichzeitig sein. Sie muss nicht sofort reagieren. Wir haben Bücher, Bilder, Musik, Filme. Wir können zurückgreifen. Das sind keine Lebensmittel. Aber Vorräte. Überlebensration. Eine ganz merkwürdige Kommunikation mit dem Leben anderer. Die gelebt haben. Als wären sie noch da.

Was ich mir wünsche? Weniger Bildschirm! So sesshaft jetzt. Und Sehnsucht nach Meer. An den Ufern der Isar. Was bleibt? Solange die Seuche seucht? Das Warten - und mir mein nächstes langes Gedicht, an dem ich die letzten Monate sehr intensiv geschrieben habe. Es hat drei Teile. Der dritte wird "Ohne Uns" heißen - und ihm fehlt ein lyrisches Ich, die Rolle des Menschen geht darin verloren - freilich Sprache ist noch da.

Warten wir. Und dann, wie seltsam wird das werden. Wie eigenartig. Fast wie Traumzustand. Wieder ausgehen. Wieder Partys feiern. Wer weiß, wie lange. Wir wissen es. Wir wollen es nicht wahr haben. Das Meer wird steigen.

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© SZ vom 23.02.2021
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