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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Gedanken tanzen

Die in München geborene Musikerin und Autorin Mira Mann veröffentlichte 2019 den Lyrikband "Gedichte der Angst" und die EP "Ich mag das". Gerade arbeitet sie an einem Album.

(Foto: Mara Fischer)

Kultur-Lockdown, Tag 97: Mit diesen Zeilen lädt die Musikerin und Autorin zu einem Text-Sound-Experiment

Gastbeitrag von Mira Mann

Mein Name ist Mira Mann, ich mache Texte und Musik, mal getrennt voneinander, mal miteinander, so ähnlich wie Songs, ich mag es am liebsten, wenn die Dinge ganz weich und fluid werden beim Beschreiben, ich mag, wenn die Situationen und Bilder ganz nah ran kommen, Distanzlosigkeit als Risiko mit Riesenchance auf Überraschung, ich mag Intimität, ich schätze das Peinliche daran, das Verletzliche, das Unvorhersehbare, weil es interessant ist und Kraft generiert, Vorstellungskraft, weil sie uns dahin bringt, wo die Grenzen verschwimmen, ich finde es wichtig von Verletzlichkeit und Angst zu berichten, aus Solidarität, ja klar, aber auch für uns selber, weil es uns stärker macht und glücklicher, klassisches Empowerment, everybody struggles, ich finde wir sollten uns nahe kommen beim zuhören, beim zuschauen, ja, irgendwie auch im Alltag, ganz nahe find ich gut, Haut an Haut quasi, Spucke, Zähne, all das, aber das ist jetzt gerade ja nicht möglich und deswegen, dachte ich, ich versuchs jetzt hier für Sie mit diesem Text, Distanzlosigkeit auf Distanz, gewissermaßen, ich versuchs soft, und ich denke, ich brauche ihre Hilfe: Sie müssten den Text mehrmals lesen, nicht gleich beim ersten mal Lesen denken so ein Scheiß, next, vielleicht könnten Sie ihn laut vorlesen, oder Sie machen irgendeine Instrumentalmusik an, die Ihnen gefällt und sprechen ihn dazu, Sie können sich auch dazu bewegen, klar, aber das ist vielleicht etwas viel und glauben Sie mir, ich würde das alles sehr gerne für Sie übernehmen, Sie könnten mich in Ruhe anschauen, das wäre sehr schön, aber naja, jetzt gehts los:

Ich mag Natur, die Natur, meine Natur, deine Natur, unsere Natur, ich nütze meine Imagination, ich erkenne meinen Vorteil, mein Privileg, ich arbeite mit meinem Material, ich verlasse mich auf meine Instinkte, ich lege die Struktur frei, ich initiiere selbständige Mechanismen, ich tippe sie an, ich lasse sie laufen, ich spiele mit, ich spiele immer erstmal mit, Zeit ist keine Konstante, ich kombiniere munter, versuchsweise, oft, gerne mehr als zwei Komponenten gleichzeitig, ich misstraue linearen Plänen, zärtlich, offen, ermunternd, ich frage nach ihnen als Aspekten der Strategie und die Strategie, die stelle ich mir soft und spielerisch vor, ich erkenne ihren Plot, ich lasse Abwege und Fehler zu, ich geh mit, aufmerksam, ich konzentriere mich auf den Zusammenhang von Handlung und Auswirkung, ich plane nicht weit voraus, ein Schritt genügt, ich bevorzuge den Moment der Bewegung und Entwicklung, ich schütze Verbindlichkeit, meine Verbindlichkeit, deine Verbindlichkeit, unsere Verbindlichkeit, ich mach mich locker, that's a hard one, aber ja, ich versuche es aufrichtig, ausatmen, ausatmen, ausatmen, Hände locker, Fußsohlen im Kontakt mit dem Boden, Kiefer entspannt, ich weiß um den Zufall, und wenn ich ihn vergesse, lasse ich mich daran erinnern, ich vertraue auf das open end, für immer open end.

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© SZ vom 06.02.2021
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