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München:Lernen mit der digitalen Tafel

Weil viele Kurse ausgefallen sind, fehlen der Münchner Volkshochschule neun Millionen Euro. Viele Dozenten klagten über finanzielle Verluste. Doch es geht aufwärts. Für das kommende Semester gibt es Onlinekurse und Präsenzlehre

Von Kilian Beck

Corona reißt auch bei der Münchner Volkshochschule (MVHS) finanzielle Löcher: Wegen der ausgefallen Kurse fehlen neun Millionen Euro Teilnehmerbeiträge in der Kasse. Dieses Defizit sei aber "nicht existenzbedrohend", da die Stadt zugesichert habe, mehrere Millionen Euro abzufedern, versichert MVHS-Managementdirektor Klaus Meisel. Außerdem sei man bereits in Kurzarbeit und versuche, den finanziellen Schaden so gering wie möglich zu halten. Im Wintersemester 2021 strebt Meisel aber wieder schwarze Zahlen an; er selbst geht Ende Oktober dieses Jahres in den Ruhestand.

Seit dem 1. September läuft die Anmeldung für das Herbst-/Wintersemester an der Münchner Volkshochschule. Online und - unter Hygieneauflagen - vor Ort haben sich bisher 40000 Teilnehmende eingeschrieben. Das sind mehr als der VHS-Managementdirektor erwartet hat.

(Foto: Gino Dambrowski)

Besonders schwierig ist es vor allem aber seit Beginn der Pandemie für die Dozenten. Bei vielen brach der Verdienst ein, weil Kurse ausgesetzt oder ganz abgesagt wurden, manchen fiel auch der Umstieg in die virtuelle Welt nicht leicht. "Mir hat die technische Umstellung einige graue Haare beschert", sagt Dorothee Prenissl, die in der VHS Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Sie hat sich einen neuen Computer angeschafft, diesen und die Videokonferenzplattform einzurichten, sei eine Herausforderung gewesen, resümiert sie. Und fügt gleich an: "Ohne meinen technik-affinen Ehemann hätte das nicht geklappt." Auch einige ihrer Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer müssen technische Hürden nehmen: Denn viele verfolgten den Kurs mit dem Handy, andere verlören die Internetverbindung oder würden einfach abgelenkt. "Das macht es schwer, mehr als zwölf Leute gleichzeitig bei Laune zu halten", sagt Prenissl. Andrej Murašov, ebenfalls Dozent für Deutsch als Fremdsprache, fühlte sich in der digitalen Welt schon vorher wohl, viel Zeit habe ihn die Umstellung daher nicht gekostet, sagt er. Nach den Osterferien "ging alles ganz schnell und wir konnten online weitermachen". Seine Art des Unterrichtens allerdings haber er schon verändern müssen, erklärt der Literaturwissenschaftler: "Gruppenarbeiten funktionieren auf dem Bildschirm einfach nicht so wie in Präsenz." Vieles habe sich verschriftlicht, über die Chat-Funktion der Videokonferenzplattform oder eine digitale Tafel, an die alle etwas schreiben können. Dorothee Prenissl bedauert, dass das Sprechen zu kurz komme, da Aussprachekorrektur durch schlechte Tonqualität und fehlende Gruppenarbeiten schwierig sei. Besonders die schwächeren Schüler blieben deswegen zurück, erzählt sie. "Online ist es sehr schwer, sie dann aufzufangen".

Während die Deutsch- und Integrationskurse so gut wie möglich weiterliefen, da laut Meisel "für die Teilnehmenden oft sehr viel daran hängt", ist anderes unter den Tisch gefallen. Gesangslehrerin Mafalda de Lemos-Schedl beispielsweise hat nur ein fünfzigprozentiges Ausfallhonorar für drei Sitzungen vor den Sommerferien erhalten. Wie auch sollte sie Gesang online unterrichten? "Hätte mein Ehemann nicht weiter unterrichtet, wäre es eng geworden", sagt sie. Klaus Schedl, der ebenfalls Deutschkurse gibt, kann seit den Osterferien wieder unterrichten und bekommt Honorare. "Durch die schnelle Umstellung war es für mich jetzt doch noch ein normales Jahr", erläutert er seine finanzielle Situation. Für seinen Kollegen Murašov ist es nicht so reibungslos gelaufen: "Über Ostern habe ich den Gürtel enger geschnallt und mit etwas Geld geliehen, danach ging es", erzählt er.

Dieses Semester gilt in der VHS ein umfangreiches Hygienekonzept.

(Foto: Gino Dambrowski)

Im Juli und August hat die VHS die Sommerakademie mit Präsenzkursen abgehalten. Die strikten Hygienevorschriften verkleinerten die Kurse, aber "der Testlauf hat funktioniert", bilanziert Meisel. Im kommenden Herbst-/Wintersemester soll es zum Teil in Präsenzlehre weitergehen, einige Kurse werden aber weiterhin virtuell stattfinden. Im Vortragsprogramm werden die Einschränkungen wohl erheblich sein: Da statt normalerweise 120 Zuhörerinnen und Zuhörer nur noch 24 in einen Vortragssaal dürfen, werden nun alle Vorträge auch live gestreamt - samt Interaktionsmöglichkeit für die Zuschauer im Netz, kündigt Meisel an. Die drei Deutschdozenten unterrichten inzwischen wieder teilweise in Präsenz. Murašov ist "heilfroh" darüber. Für Abendkurse allerdings sieht er einen Vorteil darin, online zu lehren: "Das spart einfach Zeit." Schedl sieht das ähnlich. Wie Murašov freut sich auch Dorothee Prenissl auf kleinere Lerngruppen, die sie unterrichten wird.

"Nichts soll während der Krise verloren gehen", betont Klaus Meisel. Die kleinen Fächer, wie Lemon-Schedls Gesangskurse, möchte er "konzentrieren", anstatt sie zu streichen: So sei es leichter, nach der Krise den Betrieb wieder hochzufahren. Gerade in diesen Zeiten sei es besonders wichtig, die Volkshochschule zu erhalten, da sie ein wichtiger Ort des Gedankenaustauschs ist, findet der VHS-Direktor. Für das kommende Semester hätten sich, so Meisel, bereits 30 000 Menschen angemeldet. Im Vorjahr hatten sich zu diesem Zeitpunkt circa 40 000 Teilnehmende eingeschrieben. "Wir haben Schlimmeres befürchtet", sagt Klaus Meisel.

© SZ vom 18.09.2020

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