bedeckt München 29°

München:"Fürs Erzählen hatte man früher keine Zeit"

Im Jahr 1850 lässt eine Wöchnerin ein Körbchen auf den Stufen einer Kirche zurück. Mit dem Wimmern des ausgesetzten Babys beginnt die Geschichte einer Münchner Familie, die Eva M. Bauer im Roman "Findelkind" erzählt. Eine Spurensuche nach der Urgroßmutter

Von Nicole Graner

Anna-Maria Burgmaier. Nur diesen Namen. Mehr weiß Eva M. Bauer nicht. Selbst als sie an einem trüben Regentag vor einigen Jahren den alten Karton durchstöbert, in den ihre Mutter wahllos Fotos, Briefe und Dokumente hineingeworfen hatte. Sie sichtet alles genau. Auch die beiden alten Familienalben. Doch kein einziger Beleg zeugt davon, dass es Anna-Maria Burgmaier jemals gegeben hätte. Aber es hat sie gegeben. Denn sie war Eva M.Bauers Urgroßmutter - und ein Findelkind.

Vor einer Münchner Kirche abgelegt. Vermutlich um das Jahr 1850 und in einem Körbchen. Deswegen erhielt das Baby zunächst den Nachnamen Körblin. Wie es im 19. Jahrhundert üblich war, wurden ausgesetzte Kinder meist in die Obhut der Kirche gegeben, erhielten einen Namen und wurden getauft. "Der Nachname ergab sich oft aus dem Ort, an dem das Kind gefunden wurde", erzählt Eva M. Bauer, die sich intensiv mit der Geschichte der Findelkinder in München beschäftigt hat. Wie Fletz zum Beispiel, also im Stiegenhaus. Mit dem Baby Anna-Maria beginnt die Münchner Autorin und freie Journalistin auch die Geschichte ihrer Familie, die sie in ihrem Buch "Findelkind" aufgeschrieben hat und das Anfang März erschienen ist - eine Geschichte von Generationen, von starken Frauen, einer großen Liebe. Und eine Hommage an die "geliebte Stadt München", wie Bauer erklärt.

Eine fröhliche Familie: Oskar und Erna mit zwei von sechs Kindern beim Essen.

(Foto: Privat)

Wann ist der Punkt erreicht, seiner Herkunft nachzuspüren? Den eigenen Wurzeln. Und wann hat man das Bedürfnis, alle Gefühle in Worte zu verwandeln? Vielleicht dann, wenn man einen Teil seines Seins verliert: Vater oder Mutter. Vielleicht mag erst dann ein zukunftszugewandter, freier Blick wieder möglich sein, wenn sich die Vergangenheit wie ein wärmendes Kissen um einen legt. Ein bisschen muss es wohl bei Eva M. Bauer so gewesen sein. Denn die Idee, ihre Familiengeschichte aufzuschreiben, habe sie schon länger gehabt, sagt sie. Aber irgendwie nicht den richtigen Anfang. "Das Ganze linear runter zu erzählen, das wollte ich nicht", sagt die Autorin, die unter dem Namen Eva Marebu 2010 einen Fantasyroman veröffentlicht hat. Und wen sollte denn eine Münchner Familiengeschichte überhaupt interessieren? So dachte sie. Also verschwanden die schon geschriebenen Seiten in den Tiefen des PC.

Doch dann stirbt 2013 die so sehr geliebte Mutter: Ernestine Walburga Bauer, geborene Euringer. Die vielen Erinnerungen wurden lebendig, die große Familie tauschte sich aus, man erzählte, tauchte in die Vergangenheit ein. Und plötzlich war sie wieder da, diese Sehnsucht, alles Erlebte, alles Prägende aufzuschreiben. Zusammen mit ihren fünf Geschwistern hatte sie "Ernal", wie die Mutter früher liebevoll genannt wurde, jahrelang in einem Seniorenstift in Unterhaching abwechselnd besucht. Jeden Tag. Eva M. Bauer war immer mittwochs an der Reihe. Die vielen Gespräche, die sie mit Erna führte, auch als die Kraft der Erinnerungen schwer nachließ, hatte sie im Herzen bewahrt und stets aufgeschrieben. Diese "Mutter-Miniaturen", wie sie die kleinen Texte nennt, wurden die Basis für ihre Geschichte. "Sie wurden zum Bindeglied zwischen der Vergangenheit und dem Jetzt", sagt Bauer. Plötzlich war der Rahmen für die Geschichte gesteckt. So fragt sie einmal in einer der Miniaturen ihre Mutter nach dem Findelkind, nach Anna-Maria Burgmaier:

Mutter Erna, Eva M. Bauer, Roman "Findelkind"

Schon als Baby war Ernestine Walburga ein Wonneproppen mit großen braunen Augen.

(Foto: Privat)

"Ach, was Du alles wissen willst! Ich habe meine Großmutter doch eh kaum gekannt." "Und deine Mutter, was hat sie so erzählt?". "Fürs Erzählen hatte man früher keine Zeit."

Eva M. Bauer, jahrelang Lehrerin in München, blättert in einem Fotoalbum mit schwarzen Seiten in ihrer Münchner Wohnung in der Isarvorstadt. Und sie hält inne. Betrachtet ein Foto lang. Auf dem Fotos lacht ihre Mutter mit leicht welligem, dunklen Haar in die Kamera. Ein bisschen verschmitzt, aber auch nachdenklich. Ihre Nase mag vielleicht ein wenig zu breit geraten sein, aber Erna ist eine glückliche, junge Frau. Eva M. Bauer hat übrigens die gleichen dunklen Augen. "Wie alle in der Familie", sagt Bauer und lächelt. Fast so wie ihre Mutter.

Glücklich. Das war Ernal, geboren am 2. Mai 1920, nicht immer. Ihre Kindheit war nicht einfach, der Krieg hinterlässt Spuren, und die erste Ehe geht in die Brüche. Doch dann kommt Oskar. Sie lernen sic h 1953 bei einem der legendären Schwabinger Faschingsfeste kennen. Er wird ihre große Liebe.

"Schau mal, was ich gefunden habe." Ich hielt meiner Mutter die Karte entgegen. Die selbst gemalte Karte, die ihr mein Vater wohl geschickt hatte. Nach dem Fest. (...) Meine Mutter sagte: "Ja, die kenn ich. Ist die für mich?" (...) Dann ließ sie den Kopf sinken, traurig. "Aber ich weiß ja gar nichts mehr von ihm. Wie er so war..."

Ernestine Walburga arbeitete als junge Frau in einem Modesalon.

(Foto: Privat)

Auch wenn der Anfang nicht einfach war, die Liebe zwischen Erna und Oskar hielt, war die Basis für sechs Kinder. In einer 56 Quadratmeter großen Sozialwohnung in der Stuntzstraße wuchsen sie auf. Oskar, der Schreiner und Architekt war, baute Stockbetten in einem zwölf Quadratmeter großes Zimmer, das Schlafzimmer der Eltern war 8,5 Quadratmeter groß. Und wieder perlen die Erinnerungen. "Ja, unsere Eltern schenkten uns trotz der Enge eine tolle Kindheit. Wir durften immer die ganze Wohnung bespielen", erzählt die 64-jährige Autorin. Es wurden imaginäre Pferde mit Cornflakes gefüttert, Häuser aus Decken gebaut. Später bezog die Familie ein kleines Haus in Ottobrunn. Die Zeit der Enge war vorbei. Und sie spricht von der geliebten Schwester der Mutter, der "Tante Bali". "Sie wohnte in der Ohlmüllerstraße und war unser Ein und Alles. Weihnachten gab es bei ihr für uns Kinder immer Tee mit Milch."

Bauer holt ein weiteres Schwarz-Weiß- Foto hervor: Die Familie sitzt vermutlich um einen großen Tisch. Geschirr steht darauf. Zwei fröhliche Kinder sind im Ausschnitt zu sehen. Und Ernal und Oskar. Sie lächelt ihn an und er, mit einer Zeitung in der Hand, lächelt zurück. "Das haben beide wirklich gut hinbekommen", sagt Eva M. Bauer. "Die beiden haben eine schöne Ehe geführt. Einmal hat meine Mutter mir gesagt, dass sie immer ein bisschen aufgeregt sei, wenn Oskar komme. Und sie erzählt von der Leichtigkeit des Vaters, mit der er das Leben liebte und die Familie. Von der Mutter, die immer schicke Sachen für alle nähte, weil sie großen Wert auf ein adrettes Aussehen legte. Schließlich arbeitete sie im Münchner Modesalon der Gräfin von Wernberg. Und Bauer erinnert sich, dass die fünf Mädchen von ihr rosa-weiß karierte Kleidchen geschneidert bekamen. Wenn man zusammen sonntags in München spazieren ging, hätten Passanten die Mutter schon mal gefragt, ob das alles ihre Kinder seien.

Eva Bauer - Findelkind Foto: privatWill Familiengeschichte bewahren: Eva M. Bauer.

(Foto: Privat)

"Als ich meine Mutter einmal fragte: "Warum denn sechs Kinder?", sah sie mich erstaunt an. "Ja mei", sagte sie, "wegen der Liebe halt."

Viel zu früh, mit 65, stirbt der geliebte Ehemann und Vater.

"Der Oskar? Das war ein ganz Lieber. Und wo ist er jetzt?" "Sicher im Himmel droben", meinte ich schnell, "und wartet auf dich." Sie nickte. "Dann ist ja gut!"

Auch Eva M. Bauer ist glücklich, dass sie zwei, inzwischen erwachsene Kinder hat. Mit dem Schreiben sei ihr bewusst geworden, wie wichtig dieses Gefühl ist, Teil von etwas zu sein. Auch deswegen habe sie das Buch geschrieben. Damit ihre Kinder, die Kinder der Geschwister und die Enkelkinder auch Teil sein können. "Je älter ich werde, desto mehr sehe ich mich in einer Reihe mit den anderen und die Reihe geht weiter. Wir Ältere aber rutschen nur zurück."

Bauers Schwestern sind noch immer eine Einheit. Sie leben in München oder im Umkreis. Man trifft sich. Baut keine Decken-Häuser mehr, aber ist sich nah und tief verbunden. Wie damals. Und sie sind glücklich darüber, dass ihre gemeinsame Geschichte durch das Buch ihrer Schwester lebendig bleibt. Eine Münchner Geschichte, die mit Anna-Maria Burgmair begann - einem Münchner Findelkind.

Findelkind - Geschichte einer Münchner Familie: von Eva M. Bauer, Erschienen in der Stroux Edition, ISBN 978-3-948065-09-9, 22 Euro. Lesung: Live Round-Table mit Zoom-Schaltung, Mittwoch, 24. Juni, 19 Uhr. Erster Kulturbiergarten, Pantha Rhei Giesing, Untere Grasstraße 6. Anmeldung und Info: info@stroux-edition.de.

© SZ vom 20.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite