SZ-Serie: "Münchner Seiten" Bürger an die Macht

Architekt Karl Klühspies kämpfte jahrzehntelang für mehr Mitsprache in der Stadtplanung. Jetzt hat er ein Buch über die Kraft des Widerstands geschrieben

Von Stefan Mühleisen

Man will sich die Schimpfwörter gar nicht ausmalen, die in den Amtsstuben über Karl Klühspies ausgespien wurden. "Querulant" oder "Wichtigmacher" werden noch die harmloseren gewesen sein. Einen besseren Leumund hatte der Architekt und Stadtplaner in den Redaktionen der Lokalzeitungen. "Verdienter Münchner auf dem Abstellgleis", titelte die tz am 6. April 1982, als Karl Klühspies als Hauptamtlicher des Münchner Forums ausschied. Die Süddeutsche Zeitung nannte ihn einen "unbequemen Streiter" und zählte ihn zu jenen Kritikern, die unentbehrlich sind, "so sehr man sie auch oft dorthin wünscht, wo der Pfeffer wächst".

Verhasst bei den Behörden, geschätzt von der Presse, verehrt von Bürgern und Kollegen - Karl Klühspies war lange eine bekannte und geachtete Figur in der Stadtgesellschaft, die im Stadtgedächtnis allerdings nur noch als Fußnote vorkommt. Das mag daran liegen, dass die Pionierarbeit, die er leistete, als selbstverständlich gilt: dass Bürger mitreden dürfen bei der Stadtgestaltung und der Stadtplanung. Der Dialog zwischen Behörden, Politik und Bürger gilt heute als selbstverständlich - das war nicht immer so.

1976 wehrten sich Bürger gegen die Umgestaltung des Nikolaiplatzes; auch der spätere OB Christian Ude war mit dabei (rechts mit gelbem Schild).

(Foto: Franz Schiermeier Verlag München)

1963 dachten sich städtische Planer den aus heutiger Sicht unfassbar rigorosen "Stadtentwicklungsplan" aus, der etwa alle Land- und Bundesstraßen als Stadtautobahnen ins Zentrum hinein zum Altstadtring führen wollte. Klühspies war das Sturmgeschütz des bürgerschaftlichen Widerstands gegen diese und viele andere Umgestaltungspläne. Doch die Erinnerung an erbitterte - und oft erfolgreiche - Widerstände engagierter Münchner Bürger gegen drastische Eingriffe ist heute verblasst. Das liegt daran, dass es niemand systematisch aufgeschrieben und veröffentlicht hat. Und da kommt wieder Karl Klühspies ins Spiel: Mit inzwischen 88 Jahren hat er nun eine Geschichte der bürgerschaftlichen Kämpfe gegen Großprojekte der Stadtplanung vorgelegt. "München nicht wie geplant" (Franz Schiermeier Verlag), herausgegeben vom Münchner Forum, erzählt und dokumentiert mit einer Fülle von Fotos, Plänen, Zeitungsartikeln den Aufstand der Münchner gegen schier zerstörerische Planungspolitik; er zeichnet zudem ein akribisches, freilich kritisches Bild der Münchner Planungshistorie der vergangenen 50 Jahre.

Es ist ein gewichtiges Werk geworden, nicht nur wegen seines Umfangs: Knapp zwei Kilogramm wiegt das faktenreiche Kompendium. Wären alle Quellen-Dokumente der beigelegten CD abgedruckt worden, es wäre mindestens doppelt so dick geworden. Gerade deshalb ist dieses Buch verdienstvoll, denn es füllt eine Lücke in der Stadtgeschichtsschreibung: die der Stadtentwicklung aus Sicht versierter, aber widerborstiger Bürger und Fachleute. "Die Bürgerbewegungen", so schreibt Stadtbaurätin Elisabeth Merk im Vorwort, "haben damals zu Recht gegen die Verödung, die Nivellierung und die Verunstaltung opponiert".

Veto von der Straße: Karl Klühspies führte bei Widerständen gegen städtische Planungen das Wort.

(Foto: Franz Schiermeier Verlag München)

Die Anfänge fallen in die Zeit des fortgesetzten Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg: Der Generalverkehrsplan von 1958 und der Stadtentwicklungsplan von 1963 waren vom Leitgedanken erfüllt, die Stadt für das Zeitalter des Automobils zurechtzustutzen. Das gipfelte darin, die Straßenbahn abzuschaffen. Breite Schneisen sollten durch die Innenstadtviertel gepflügt und eine Masse an Bausubstanz geopfert werden. Im Sommer 1966 lag der Bebauungsplan Nr. 280 Altstadtring Nord-Ost öffentlich aus - und die Öffentlichkeit erhob sich in wütendem Protest. Es ging um einen Tunnel unter dem Prinz-Carl-Palais, einer "nicht wieder gut zu machenden Zerstörung eines schönen Stadtbildes", wie es in einer Protestnote hieß. Speerspitze der Auflehnung war der Verein Münchner Bauforum, eine Bürgerinitiative gegründet von Münchner Architekten, darunter Karl Klühspies, Kim Wallenborn, Helmut Borcherdt und Karl Assmann. Zum Erstaunen der Stadtspitze strömten in der Folge Menschen aller Milieus zu den Veranstaltungen der Architekten-Riege. Derartigen Eigensinn gegen amtliche Pläne hatte es bis dahin noch nicht gegeben. Der damalige OB Hans-Jochen Vogel sah sich - auch wegen des wohlwollenden Presseechos - genötigt, den Wortführern als "Mitprojektanten" adäquate Mitsprache zu ermöglichen.

Den Altstadttunnel konnte die Initiative nicht verhindern - aber krasse Auswüchse abwehren. So wurden etwa nicht - wie geplant - die Treppen am Haus der Kunst abgetragen, um eine zusätzliche Fahrspur an die Rampe zu legen. Vor allem erreichten die Aufmüpfigen jedoch, dass die Stadt Anfechtungen ihrer Pläne nicht mehr ignorieren konnte. Eine kritische, unbequem kundige Öffentlichkeit war etabliert und wurde sogar institutionalisiert mit dem "Münchner Diskussionsforum für Entwicklungsfragen", aus dem dann das Münchner Forum hervorging, das es bis heute gibt. Beliebt machten sich die Beteiligten bei der Stadt damit nicht. Als "eine Art natürliche Feinde" seien sie von der Stadtplanung angesehen worden, erinnert sich Karl Klühspies im Buch.

Bürger demonstrieren gegen städtische Planungen.

(Foto: Franz Schiermeier Verlag München)

Indes gab es viele Fälle in den vergangenen Jahrzehnten, die Anlass gaben für teils grimmige Auseinandersetzungen. Im Lehel, in Haidhausen, in der Maxvorstadt, in Schwabing - überall marschierten Bürger auf, blockierten Straßen mit bunten Plakaten, widersetzten sich dem Abriss von Wohnungen und Baudenkmälern, erhoben sich gegen die Zubetonierung der Isarpromenade oder gegen das drohende Verschwinden des Finanzgartens. Oft hatten sie damit Erfolg, es musste umgeplant werden.

Das ist Karl Klühspies noch immer eine Genugtuung, denn mit der Wonne des Aktivisten-Veteranen freut er sich über die Erfolge angesichts von "Planungs-Absolutismus" und "unbeweglicher Machtstrukturen" der damaligen Verwaltung. Ohnehin ist das Buch eine voluminöse Replik auf eine Ausstellung des Planungsreferats im Jahr 2004, die den Titel "München wie geplant" trug. Indes hätte es wohl nicht geschadet, wenn Klühspies seinen Kampfschrift-Duktus etwas gezügelt hätte, bei allem berechtigten Haare-Raufen über die Pläne. Zu vermissen ist auch, dass Klühspies seinen Blick nur in Randbemerkungen in die Zukunft richtet. Ein Kapitel mit Gedanken über die Herausforderungen einer prosperierenden Metropole und ihrer Planungsexperten, die das Wachstum der Stadt in den Griff bekommen müssen, wäre schön gewesen.

Künstler Ali Mitgutsch mischte sich mit illustrierten Plakaten zu städtischen Planungen ein.

(Foto: Franz Schiermeier Verlag München)

Doch das schmälert die Leistung nicht von diesem "verdammt zähen Hund", wie Alt-OB Christian Ude unlängst Klühspies charakterisierte. Es war eine Würdigung voller Zuneigung für das lange Wirken eines Weggefährten, "länger als jedes Schlachtross in der Stadtverwaltung, das ich mit Freude in den Ruhestand versetzen durfte", so Udes Worte.

Karl Klühspies: "München nicht wie geplant. Stadtpolitik, Bürgerwille und die Macht der Medien", Franz Schiermeier Verlag München, 24,50 Euro