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München:Blicke der Nachbarn

Neuhauser Hausgemeinschaften treffen sich zum Reenactment von Alfred Hitchcocks "Das Fenster zum Hof"

Von Jutta Czeguhn

Sie hat sich hübsch gemacht, das Licht ist gedimmt, Kerzen auf dem Tisch, alles bereit für einen romantischen Abend zu zweit. Sie lächelt schüchtern, bittet ihren Gast, Platz zu nehmen, prostet ihm zu. Dann, mit einem Mal beginnt sie, bitterlich zu weinen, ihr Kopf sinkt auf die verschränkten Arme, die Schultern beben. Denn da ist niemand. Kein Gast. Kein Mann. Ihr Nachbar von gegenüber, Jeff, der Fotograf, hat dieses einsame Dinner durch sein Tele beobachtet, anfangs durchaus amüsiert, dann mit wachsendem Unbehagen, am Ende mit ehrlichem Mitgefühl für "Miss Lonely Heart". Und womöglich mit dem Gedanken, dass er dieses intime Drama wohl besser nicht hätte sehen sollen. Neun von zehn Menschen aber, davon war Alfred Hitchcock überzeugt, hätten hingeschaut wie Jeff, sein Protagonist im Klassiker "Das Fenster zum Hof" (1954). Und wie sein bis heute hingerissenes Publikum, das durch die blauen Augen von James Stewart, durch den manipulativen Blick der Kamera zum Hinterhof-Voyeur wird. "Ich spiel' mit dem Publikum wie mit einem Piano", lautet noch so ein Hitchcock-Bonmot.

Für Jochen Strodthoff ist "Rear Window" (Originaltitel) so etwas wie der Film der Stunde: "Aus dem Fenster werfen wir einen Blick auf die Urängste im menschlichen Zusammenleben und die Psyche der Großstadtbewohner." Für das Theater "Das Vinzenz" an der Elvirastraße entwickelt der Regisseur und Schauspieler gerade eine Art Remake des Hitchcock-Thrillers. Vinzenz-Chefin Barbara Kastner übernimmt die Dramaturgie. "Unsere Fenster zum Hof" lautet der Projektname - nicht nur aus Copyright-Gründen. Gespielt werden soll in Hinterhöfen, vor allem im Heimatbezirk des kleinen Theaters, in Neuhausen, aber auch in ganz München. Dort könnten, so Strodthoff, alle Hygieneregeln ideal eingehalten werden, leichter als im Vinzenz. Noch werden Höfe gesucht. Premiere ist am 7. August.

REAR WINDOW DAS FENSTER ZUM HOF Pressefotograf Jeffries JAMES STEWART ist durch einen Beinbruch

Leidenschaftlicher Beobachter: Fotograf Jeffries (James Stewart) in Alfred Hitchcocks "Das Fenster zum Hof" (1954).

(Foto: Imago Images/United Archives)

Das "Unsere " im Titel ist ziemlich ernst gemeint. Die Leute an den Fenstern, sagt der Regisseur, sollen nicht nur passive Beobachter sein wie Protagonist Jeff, den ein Gipsbein in seinem Apartment festgetackert hat, und der sich mit dem Tele die Alltagsdramen seiner Nachbarn heranzoomt. Die Hofbewohner aber, sie können sich bei dieser Performance aktiv einbringen. "Wir brauchen ihre Hilfe. Sie sind die Spezialisten ihres Innenhofes, sie haben viele Fenster zum Hof und können in die einzelnen Figuren schlüpfen und sie nachstellen", erklärt der Regisseur. Die Hausbewohner könnten dem Team auch bei der technischen Umsetzung helfen, Requisiten bedienen, den Hof mit ihren Taschenlampen erhellen oder abdunkeln. Perfektionist Hitchcock hatte in den Paramount-Studios eine hochspezialisierte Licht-Mannschaft, die in den Kulissenhinterhof Tag und Nacht und alles dazwischen zaubern konnte.

Jochen Strodthoff ist gespannt, auch für ihn ist so ein Konzept neu, allenfalls, sagt er, sei die Situation vergleichbar mit einem Filmdreh, bei dem eine Riesen-Komparserie beteiligt ist. "Vielleicht brüllt ja jemand herunter, weil er sich gestört fühlt, oder wirft einen Blumentopf." So weit sollte es aber eigentlich nicht kommen, denn für jeden Hinterhof, den das Ensemble bespielen will, sucht man nun Hofpaten, die das Projekt bei ihren Nachbarn bekannt machen, auch Infozettel wird es geben. Auf denen wird erklärt sein, dass man diesen komplexen Filmstoff, der viel über das Wesen des Kinos selbst erzählt, gar nicht herstellen kann. Was Strodthoff und Dramaturgin Kastner im Sinn haben, ist ein Reenactment, das an jedem der vier geplanten Abende aus der Situation und den Gegebenheiten neu entstehen wird. Im vollen Bewusstsein, dass das Publikum die ikonischen Hitchcock-Bilder nicht aus dem Kopf bekommen wird: nicht den hellblauen Schlafanzug von James Stewart, nicht die überirdische Eleganz von Grace Kelly, nicht den eigenwilligen Tanzstil von "Miss Torso", das Hündchen im Korb, den traurigen Komponisten, dessen Pianomusik der einzige Soundtrack des Films ist, auch nicht die Frischverliebten und - den Mörder. Sie alle werden irgendwie auftauchen, doch will Strodthoff "mit der Folie des Films spielen". Vier Schauspieler und ein Musiker - Thorsten Krohn, Lucca Züchner, Wowo Habdank, Georgia Stahl und Wolfi Schlick - sollen die Hinterhofdramen erzählen, den Film befragen und ihn nachstellen. Das Publikum wird quasi beim "Making-of" dabei sein, einem Wechselspiel von Wirklichkeitsebenen, das darin gipfelt, dass der Meister selbst, Alfred Hitchcock, zugegen sein wird, hartnäckig befragt von einem anderen Genie der Filmgeschichte, François Truffaut, ohne dessen Interview-Buch "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?" das Leben eines Cinephilen möglich, aber sinnlos ist.

Regisseur Schauspieler Jochen Strodthoff

Regisseur Jochen Strodthoff.

(Foto: Florian Bachmeier/oh)

"Unsere Fenster zum Hof", sagt Jochen Strodthoff, werde sich letztlich auch mit den Themen beschäftigen, "die uns in den letzten Monaten intensiv vereinnahmt haben - Isolation, Einsamkeit, Voyeurismus, Paranoia, Existenzangst". Das Projekt, glaubt er, habe auch Potenzial, die sozialen Beziehungen von Hausgemeinschaften langfristig zu stärken.

Etwas, was die Hundebesitzerin im Film bitter vermisst, nachdem ihr geliebtes Tier umgebracht im Hof liegt: "Ihr kennt die Bedeutung des Wortes ,Nachbar' nicht. Nachbarn mögen einander - sprechen miteinander - kümmern sich darum, ob jemand lebt oder stirbt. Aber keiner von euch tut es!"

"Unsere Fenster zum Hof" (Remake, D 2020), Premiere: 7. August, Vorstellungen: 8., 14. und 15. August, die Spielorte werden noch bekannt gegeben. Hofgemeinschaften, die teilnehmen wollen, melden sich unter info@dasvinzenz.de.

© SZ vom 11.07.2020

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