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Mordermittler geht in Rente:"Ich bin leichenfest"

Die erste Leiche? Eichner erinnert sich nicht mehr. "Es waren einfach zu viele." Wobei er sich selbst als "leichenfest" bezeichnet. "Ich war 14, als ich als Schlosser bei der Bahn angefangen hab. Da gab's ständig tödliche Betriebsunfälle. Eine Leiche war nichts ungewöhnliches." Wobei - bei der Mordkommission "wurd's dann schon heftiger".

"Ein bewegtes Jahr", sagt Raimund Eichner heute trocken über seinen Einstieg bei der Polizei. Als er 1968 anfing, waren die Studentenunruhen in Schwabing in vollem Gang. Eichner stand als Neuling in der ersten Reihe, wurde mit Steinen beworfen.

(Foto: Foto: dpa)

Im Juli 1996 gerät die Welt von Raimund Eichner gehörig ins Wanken: In einem Waldstück finden Spaziergänger zwei Leichen, beide enthauptet und ohne Hände. Tatverdächtig ist ein Kollege von Eichner, ein 36-jähriger Polizist, Kontaktbeamter am Schwabinger Revier. Eichner ermittelt und hat erst einmal alle Kollegen gegen sich: "Keiner hat sich vorstellen können, dass der nette und lustige Kollege ein kaltblütiger Doppelmörder sein sollte."

Doch dann verwickelt sich der Beamte in Widersprüche, bricht weinend zusammen, "der hat sich nur selbst leid getan", sagt Eichner kühl. Der Mann legt ein Geständnis ab. Er hatte seine Ex-Freundin und deren neuen Lebensgefährten aus Habgier ermordet. Kopf und Hände hatte er abgetrennt, um den Kollegen die Identifizierung der Körper zu erschweren. Und er hatte sich lange überlegt, ob er die Köpfe und Hände vor dem Vergraben in Plastiktüten packen sollte, "aus Umweltschutzgründen".

"Normalerweise stell' ich die Fragen"

Menschen, sagt Eichner, haben schon immer gemordet und werden es immer tun - aus Habgier, Eifersucht, aus sexuellen Motiven heraus oder um eine Straftat zu vertuschen. Egal ob der Täter unter der Brücke lebt oder in einem Penthouse, Eichner weiß morgens nie, was ihn erwartet. "Wenn einer anständig behandelt wird", das ist ein Nebensatz, der im Interview des öfteren fällt. "Wenn einer anständig behandelt wird, dann erinnert er sich vielleicht im Knast mal daran" - und nimmt mit Eichner Kontakt auf, auch um Informationen loszuwerden.

Auf der Seite der Opfer aber ist die Beziehung natürlich eine noch intensivere: "Wir erleben die Menschen in einer Ausnahmesituation, in völliger Hilflosigkeit und Schwäche." Da entstehen Kontakte, die teilweise über Jahre gehen: "Die Leute klammern sich an dich." Da gibt es Angehörige von Opfern, die Eichner auch nach 15 Jahren noch immer anrufen.

Das Büro von Raimund Eichner im so genannten Posteck des Polizeipräsidiums ist recht karg eingerichtet. Kaum private Fotos, an der Pinnwand zwei Blätter, der Schreibtisch aufgeräumt. "Die, die hier sitzen, sollen sich nicht unbedingt wohl fühlen", sagt er und grinst ein bisschen. Es fällt ihm nicht leicht, über sein Leben zu sprechen. "Normalerweise stell' ich die Fragen", meint er dann. "Ja, ich fahr halt raus und red' mit den Leuten und schau, was passiert ist."

DNS-Abgleich, Gendatei, elektronischer Fingerabdruckspeicher

Richard Thiess, Chef der MK5, hat lange dabei gesessen und geschwiegen zu den bescheidenen Ausführungen seines Kollegen, aber jetzt ist Schluss: "Wenn der an einen Tatort kommt, registriert er alles blitzschnell." Wie ist der Schließzustand der Wohnungstüre, befindet sich die Leiche in einer merkwürdigen Lage, wer hat wann verständigt, was stimmt nicht in dem Auffindungsraum? Ganz zu schweigen von Eichners Menschenkenntnis: "Er kann nach ein paar Minuten sagen: 'Der lügt, der weiß mehr als er sagt, oder der hat Angst'."

30 Jahre bei der Kripo - heute lebt Eichner in einem neuen kriminaltechnischen Zeitalter: DNS-Abgleich, Gendatei, elektronischer Fingerabdruckspeicher. Was bleibt da von der klassischen Ermittlungsarbeit? Viel, glaubt Eichner, der die Hightech-Revolution mit gemischten Gefühlen sieht. Der Kern der Ermittlungsarbeit, sagt Eichner, hat sich nämlich auch in 30 Jahren nicht geändert.

Vieles ist technischer geworden, "nicht immer zum Vorteil für die Ermittler". Der DNS-Beiweis beispielsweise: "Für einen Mordermittler sehr hilfreich, er kann aber auch fatale Folgen haben, wenn man nicht vorsichtig damit umgeht." Wenn er einen Altfall von damals aufrollt, hat er etwa 60 Seiten auf dem Schreibtisch. Heute werde kein Fall "unter fünf Leitz-Ordnern Minimum" bearbeitet. Es gibt unzählige Nebenschauplätze, an denen die Ermittler zu kämpfen hätten.

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