Mode "What happens in the Biergarten, stays in the Biergarten"

Mit den München-T-Shirts hat alles angefangen: Julia Hartmann in ihrem Atelier in der Maxvorstadt.

(Foto: Florian Peljak)

Das Künstlerkollektiv FYFY entwirft bayerische Souvenirs. Ihr Motto: Heimatliebe mit unkonventionellem Anstrich. Statt Bierkrügen gibt es Gin in Flaschen.

Von Esther Diestelmann

Lebkuchenherzen, Plastiklederhosen, Masskrüge. Das sind klassische München-Souvenirs. "Trash", sagt Julia Hartmann dazu. Ihre Freunde hätten nie gewusst, was sie sich als Andenken an ihren München-Besuch hätten kaufen sollen. Hartmann überlegte, was man anders machen könne. "Ich wollte das tolle Lebensgefühl von München einfangen", sagt sie. So fing alles an. Zehn T-Shirts ließ Julia Hartmann deshalb 2012 bedrucken. Alle mit mehr oder minder starkem Münchenbezug. Auch Wiesn-Motive waren mit dabei, sagt die 32-jährige Grafik-Designerin. Die Shirts waren der Startschuss für Hartmanns Künstlerkollektiv FYFY. Ihre Vision: Mit anderen kreativen Köpfen und unterschiedlichen Stilen alternative Souvenirs für München zu entwerfen.

Die eigentliche Idee für die Shirts hatte der Kommunikationsdesigner Gabriel Holzner. Er hatte 2010 für seine Freunde unkonventionelle Wiesn-Shirts entworfen und sie bei Facebook hochgeladen. Seine Illustrationen mit Jamaika-Optik fielen auf, sie wurden in den sozialen Netzwerken häufig geteilt. Als Hartmann am Konzept für FYFY tüftelte, stieß sie darauf. Es war professionelle Liebe auf den ersten Blick. Zwei Tage nachdem sich Holzner und Hartmann kennenlernten, schloss er sich FYFY an. Ihr Kreativlabor liegt im Keller eines Hinterhofs in der Maxvorstadt: zwei hohe Räume, getrennt durch einen Zwischenraum, in der eine Badewanne als Blumentopf steht. Zwei alte Kamine sind umringt von Feuerholz, einer funktioniert. Viele Schreibtische, jeder einem anderen Künstler zugeordnet. Hier wird skizziert, gemalt, fotografiert und gemeinsam entworfen. Alle hier eint die Liebe zu ihrer Heimatstadt München. Inzwischen ist FYFY, das von Hartmann über die Jahre zusammengewürfelt wurde, auf 20 Mitglieder angewachsen.

Der begehrte Turnbeutel.

(Foto: Florian Peljak)

Künstler, die sich humorvoll mit München auseinandersetzen - diese Geschichte ist mindestens so alt wie die satirische Wochenschrift Simplicissimus, die 1896 erstmals erschien. Aber woher kommt die Renaissance der Auseinandersetzung mit der Heimat? "Der Hype entstand um die Jahrtausendwende", sagt Simone Egger vom Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck. Weil die Welt immer vernetzter werde, brauche es Kennzeichen, die den Menschen lokal verorte, und dafür brauche es international verständliche Zeichen und Bilder. Bayern und München im Speziellen sei schon immer Meister der Bilder, sagt Egger. Das erkannten schon die bayrischen Könige des Hauses Wittelsbach, die die Tracht nutzten, um Schwaben und Franken zu einer Nation zu vereinen. Auch Künstler wie Franz Marc und Wassily Kandinsky bedienten sich der starken Bilder, die Bayern bietet, sagt Egger. Lederhose, Biergarten, Landschaft. Mit diesen einprägsamen Bildern werde auf internationaler Ebene sogar ganz Deutschland verbunden.

Bei FYFY kennen sie die Macht der bayrischen Bilder. Ihr Kassenschlager ist ein Turnbeutel mit dem Schriftzug: "What happens in the Biergarten, stays in the Biergarten." Dass der so gut läuft, wundert Simone Egger nicht: "Biergärten verkörpern ein Lebensgefühl, das jeder erfahren kann, egal ob man aus Fischbachau oder aus Syrien kommt." Der Biergarten als vereinendes Element. Viele Einheimische, ob hier geboren oder nicht, erfüllt das mit Stolz. Beinah jeder, der hier wohnt, hat seinen Besuch schon einmal in einen Biergarten geschleppt und gutmütig erklärt, dass es Mass und nicht Maas heißt.

"In den letzten Jahren habe ich beobachtet, wie der Lokalpatriotismus wieder salonfähig wurde", sagt Julia Hartmann, die ihre blonden Haare zu einem Dutt gebunden hat. Verantwortlich dafür seien vor allem Künstler, sagt Egger. Lokalpatriotismus ja, aber ohne den konservativen Mantel, der gedanklich häufig in die Nähe der Mia-san-Mia-Mentalität gerückt wird. "Künstler verleihen der Heimatliebe einen unkonventionellen Anstrich", sagt Egger. Stocksteife Politiker seien schuld an dem negativen Wandel der bayrischen Bilder gewesen. In den Jahren von 1960 bis 1990 habe es nur wenige Künstler wie die Biermösl Blosn gegeben, die dem etwas entgegenzusetzen hatten. Das verändere sich aber seit einiger Zeit wieder.

Getreu dem Zeitgeist setzt FYFY auf individuelle Produkte, mit denen sich Käufer identifizieren können. "Eine Stadt ist da etwas sehr Dankbares", sagt Hartmann. Gleiches gelte für lokale Labels. Erst neulich feierte Hartmann mit ihrem Team den Release der Kunstedition von Duke Gin. Eine Gin Destillerie, die ihr Hochprozentiges in einem Münchner Hinterhof brennt. Gabriel Holzner ist einer von drei FYFY-Künstlern, der dem Szene-Gin ein neues Gesicht verleiht. Drei Künstler, drei unterschiedliche Stile, je zwei Flaschen. Gin des Lebens heißt das Flaschenpaar von Holzner. Auf der einen eine Frau, auf der anderen ein Mann kniend unter einem Baum - Adam- und Eva-Optik. Ein Münchner Barmann hat dazu Drinks kreiert. Genauso hat es sich Hartmann vor Jahren vorgestellt. Münchner Souvenirs mit Stil. Lokal, hip und vor allem: kein Trash.

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