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Mitten in Thalkirchen:Schwimmen auf der Nostalgie-Welle

An einem frühsommerlichen Tag im Maria-Einsiedel-Bad kann man Beobachtungen für einen heiteren Roman sammeln und dabei beruhigt die Flossen hochlegen.

Glosse von Jürgen Wolfram

Man wird Corona keine Träne nachweinen. Möge das Virus absaufen wie ein vom Floß gekippter Maßkrug. Einziger Lichtblick in der Flut des Schreckens: die Begrenzung der Besucherzahl in den Freibädern, verbunden mit erwartungsfroher Online-Voranmeldung und toröffnendem Wedeln mit dem QR-Code. Im städtischen Naturbad Maria Einsiedel erobert sich der Gast bei Befolgung dieser Regularien plus der üblichen Maskerade vorm Aufsetzen der Taucherbrille einen Traumtag. Wenig Aufwand, aber ein Feeling wie am Gardasee. Und erstaunlich schnell kommt Wasser in Sicht, kein Becken verschwindet hinter einer Wand aus Leibern.

Drunten an der Zentralländstraße sprudelt ein weiterer Quell der Freizeitfreude, er besteht aus purer Nostalgie. Die dunkle Holzkonstruktion der Kasse, Umkleiden und Sanitäranlagen, der lebhafte Kiosk mit den zeitlosen Erfrischungen, die spitzen Schreie der kältegeschockten Warmduscher - alles wie seit Jahrzehnten. An den Ritualen jugendlicher Badegäste ändert sich wenig. Die meisten Mädchen vertiefen sich, scheinbar, in kluge Bücher. Um sie herum spielt sich derweil ab, was das Pop-Duo Sonny & Cher trefflich besang: "Boys keep chasing girls to get a kiss." Uralte Bädergeschichten, unvergänglich wie die Freischwimmer-Prüfung.

Erkennbar bewährt hat sich die klare Trennung der Schwimmer- und Nichtschwimmer-Bereiche. Sie trägt wie die Limitierung der Gästezahl entscheidend dazu bei, dass der unfeine Beiname der grüngesäumten Freizeitanlage allmählich verblasst. Wegen hoher Kleinkinderdichte im Niedrigwasser lief die Oase bei Lästermäulern lange als "Maria-Reinbiesel-Bad". Die sollen sich was schämen.

Geplanscht wird wie gehabt, bis der Schwimmflügel lahmt. Bedenklich grassiert der Sonnenbrand. Bei noch ernsteren Problemen sind die Bademeister in einem Tempo zur Stelle, als dienten sie nebenberuflich der Feuerwehr. Geduldet werden weder Streit noch Tollkühnheit. Und wehe, böse Buben hänseln kleine Mädchen wegen zögerlicher Annäherung ans nasse Element. Oder muss es, korrekt gegendert, greteln heißen? Egal, an einem frühsommerlichen Tag im Maria-Einsiedel-Bad kann man Beobachtungen für einen heiteren Roman sammeln und dabei beruhigt die Flossen hochlegen. Vorsicht nur vorm Sonnenstich.

© SZ vom 15.06.2021
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