Mitten in Nymphenburg Schöngeister und Holzhacker

Von der Wucht der Gefühle und der Wucht der Natur

Von Sonja Niesmann

Da war jemand von seherischer Kraft. "Stürmischer Frühling" haben die "Schlosspark-Freunde Nymphenburg" bei ihrer Programmplanung als Titel gewählt für eine Veranstaltung, die am 10. April (15 Uhr) stattfinden wird: ein anderthalbstündiger "Spaziergang mit Gedichten". Stürmisch hat der Frühling sich wahrlich angekündigt. So stürmisch, dass der Schlosspark aus Sicherheitsgründen gesperrt werden musste, vier Tage lang. Erst am Karfreitag konnten Besucher wieder über die Wege wandeln und einigermaßen sicher sein, nicht von herabbrechenden Ästen oder umstürzenden Bäumen getroffen zu werden. Doch die Inspizierung des ganzen weitläufigen Parks und die Aufräumarbeiten werden weitere Wochen in Anspruch nehmen.

Nun hatten die Schlosspark-Freunde nicht so die Wucht der Natur im Sinn, sondern mehr die Wucht der Gefühle und Triebe, die dem Frühlingserwachen innewohnt. Ihre Einladung zum April-Spaziergang beschwört "die Blüten der Krokusse, die ersten Buschwindröschen, das nicht enden wollende Vogelkonzert im Streit um die Braut des Jahres". "Behutsame kulturelle Wiederbelebung des Parkes" ist eines der Ziele, die sich die Schlosspark-Freunde gesteckt haben, nachzulesen auf der Webseite des Vereins.

Vielleicht führt der Spaziergang auch vorbei an jenem fünf Hektar großen Waldstück, das der damalige bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser im Jahr 2003 dem neuen Verein überließ, in dem sich empörte Kritiker der staatlichen, ergo unsensiblen Parkpflege zusammengeschlossen hatten. Macht's doch erstmal besser, mag sich Faltlhauser damals gedacht haben - auf jenen fünf Hektar jedenfalls dürfen die Gärtner der staatlichen Schlösserverwaltung nichts tun ohne Rücksprache mit dem Verein. Aber so ein Sturm macht ja nicht halt vor einem Parkteil, wo die schöngeistig Gestimmten walten, die den Geist und die Gestaltung des Parkgründers Friedrich Ludwig von Sckell verteidigen "gegenüber kleinlicher oder von Zwängen eingeschränkter Betrachtung und Verwaltung" - auch das eines der Vereinsziele.

Möglicherweise sind also auch dort einige Aufräumarbeiten nötig, der ein oder andere geknickte Ast abzusägen. Da wären nun Joseph von Eichendorffs "Frühling", Theodor Storms "April" oder Goethes "Mailied" nicht die passende poetische Untermalung. Aber die Kunst birgt ja so viele Möglichkeiten, manchmal ist bloß ein Genre-Wechsel nötig. Böte sich in diesem Fall vielleicht Monty Pythons "Lumberjack Song" an? "Ich bin Holzfäller und fühl mich stark, ich schlaf' des Nachts und hack' am Tag . . . Ich fälle Bäume und hupf' und spring' und stecke Blumen in die Vas'." Aber bitte, Schlosspark-Freunde, nicht vergessen: Die vordere Reihe des Chores muss unbedingt in die Knie gehen, die hintere Reihe wirft sich in die Brust.