Mitten in Giesing:Perfekte Tarnung

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Früher konnte man Fahrkartenkontrolleure auf einen Kilometer gegen den Wind erkennten. Heute kommen sie so verkleidet daher, als hätten sie sich aus dem Fundus des Bayerischen Staatstheaters bedient

Von Michael Morosow

Unglaublich, welches Volk sich mitunter auf den Bahnsteigen herumtreibt. So etwa am Montagabend die drei Kerle am Giesinger Bahnhof. Der eine, von den Monsterwadln bis zum Stiernacken ein einziges Muskelpaket, sieht aus wie Conan der Barbar. Wahrscheinlich könnte er mit einer Hand den Stempelautomaten aus der Verankerung reißen und bis in den Perlacher Forst schleudern. Nur ein enges T-Shirt bedeckt seinen herkulischen Oberkörper, sodass der Blick frei ist auf das riesige Tattoo auf seinem rechten Oberarm, der in etwa den gleichen Umfang hat wie die Oberschenkel seiner Begleiter. Jetzt breitet Conan seine Arme aus und lässt sich von einem seiner Vasallen den Rücken massieren. Ein großer Auftritt, der einen fast vergessen lässt, den Fahrschein in den Stempelautomaten zu schieben, solange der noch steht.

Die S 2 in Richtung Holzkirchen öffnet ihre Türen, das seltsame Trio steigt ein, und Conan mustert die Fahrgesellschaft mit einem strengen Blick. Jetzt bloß freundlich zurückschauen, denkt man. Aber dann: Der Muskelmann steuert zielstrebig auf einen zu. Wahrscheinlich wird er jetzt sagen: "Steht auf, du Opfer, gleich gibt's einen Seitkick auf die Fresse." Aber er hat ein anderes Anliegen und sagt: "Den Fahrschein vorzeigen, bitte!" Conan, der Barbar, ist ein Fahrkartenkontrolleur!

Das ist nun wirklich ein harter Schlag für einen, der in seiner Jugend gerne damit geprahlt hat, Fahrkartenkontrolleure aus einem Kilometer gegen den Wind zu wittern. Nun gut, früher erkannte man die Kontrolleure mit etwas Übung tatsächlich auf den ersten Blick. Eine Frau und zwei Männer waren es meist, wobei sich vor allem die Männer verrieten durch aus der Mode geratene Blousons, die bis zum Bauchnabel hochgeschobene Hosen und ihre Handtaschen, die sie über die Schulter hängten.

Eines Tages aber hat wohl die Kreativabteilung des MVV eine Art Theatergruppe gegründet mit einer Kostümauswahl wie das Bayerische Staatstheater. Seither fragen Trachtler nach Fahrscheinen, Typen im Freizeitlook, Hausfrauen mit Einkaufstaschen, Banker im Anzug, Muskelmänner. Wann kommen Müllfahrer und Krankenschwestern? Wann kommt Rambo? The show must go on.

© SZ vom 21.06.2017 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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