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Mitten im Westend:Seele erkunden auf Distanz

Wenn die Psyche Hilfe braucht, hilft eine Videoonferenz mitunter nur bedingt - Pandemie hin oder her

Es ist selten leicht, sich einzugestehen, dass man etwas alleine nicht schafft. Wenn es dabei dann nicht um den Schraubverschluss des Essiggurkenglases, sondern um die eigene Psyche geht, ist es noch schwerer. Aber der Kummer ist zu groß, die Zweifel zu stark, der Gemütszustand zu düster. Es hilft nichts. Für solche Fälle steht die Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse (MAP) bereit. Während einer Pandemie läuft aber auch hier einiges anders.

Zuerst füllt man online einen Fragebogen aus, später soll ein Erstgespräch zur Einschätzung des mentalen Zustands folgen. Schon die Terminvereinbarung ist eine Herausforderung. Eigentlich finden die Unterhaltungen in den Räumen der MAP statt. Im Moment ein No-Go wegen der Infektionsgefahr. Doch wenn man einschätzen will, welche seelischen Leiden einen Menschen plagen, muss man ihn sehen. Ein Telefonat reicht da kaum.

Die Therapeutin stellt zur Wahl: Videoanruf oder doch Besuch in der Praxis. Man einigt sich auf ihr Sprechzimmer im Westend. Es folgt eine Frage, die vor ein paar Monaten noch absurd gewesen wäre: Ob man sich denn mit Mundschutz oder ohne wohler fühle? Bald darauf steht man vor der Tür. Kaum ist man drin, wird einem das Badezimmer zum Händewaschen gezeigt. Warten muss man nicht. Die meisten Patienten ziehen Videogespräche vor. Im Therapiezimmer selbst gilt das derzeit höchste Gebot: den Sicherheitsabstand wahren. Die Psychologin nimmt Platz, die Patientin knapp drei Meter entfernt. Am Anfang ist die Distanz ungewohnt. Später fühlt es sich an, als wäre sie gar nicht schlecht, wenn man das Innerste nach außen kehrt.

Der Diagnose folgt die Aussicht: Wegen der aktuellen Situation könne es sich ziehen, bis die Therapie anfängt. Schade ist das, hat man doch endlich den Mut aufgebracht. Richtig schlimm ist's nicht, der erste Schritt ist immerhin getan. Während man wartet, kann man ja schon mal anfangen, Ordnung im Kopf zu schaffen. Wenn man eh zu Hause bleiben muss, hilft das wenigstens gegen Langeweile.

© SZ vom 29.05.2020

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