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Meine Woche:Frau unter Männern

Foto: Alessandra Schellnegger

Stefanie Kabisch leitet das Heim für Wohnungslose an der Pilgersheimer Straße

Für gewöhnlich wird Stefanie Kabisch morgens an ihrem Arbeitsplatz von ein paar Dutzend Männern empfangen. An der Pforte zum Haus an der Pilgersheimer Straße, dem Unterkunftsheim für wohnungslose Männer, stehen von 8 Uhr morgens an die Wartenden in der Schlange und hoffen auf Bettenmarken. Jetzt hat die 39-Jährige die Leitung der Einrichtung des Katholischen Männerfürsorgevereins München übernommen - ihr Vorgänger Gerhard Baier, 64, ging Ende September nach gut 20 Jahren in den Ruhestand.

Ein Generationswechsel im Haus an der Pilgersheimer Straße: "Natürlich gibt es Sachen, die ich anders mitbringe", sagt Kabisch, "aber es gibt nichts, wo ich denke: Das muss jetzt unbedingt anders werden." Sie und Baier seien sich gerade mit Blick auf das christliche Leitbild und den Umgang mit den Klienten sehr ähnlich.

Unbekannt ist die studierte Sozialpädagogin dem Katholischen Männerfürsorgeverein nicht gewesen: Fünf Jahre zuvor war Kabisch stellvertretende Leiterin des Ambulanten Fachdienstes Wohnen, angefangen hatte ihre Karriere im Jahr 2000 mit einem Praktikum in der "Teestube 'komm'-Streetwork" - einer Tageseinrichtung für obdachlose Männer, die auf der Straße direkt angesprochen werden.

Diese Arbeit auf der Straße war für Kabischs Laufbahn eine wichtige Grundlage: Dort lerne man, den Männern auf Augenhöhe zu begegnen - "ganz unabhängig davon, wie jemand zum Beispiel riecht". Anfangs sei sie nicht alleine auf größere Männergruppen zugegangen, doch mit der Zeit wisse man, die Obdachlosen richtig einzuschätzen: "Wenn ich heute in einer anderen Stadt oder im Urlaub von Wohnungslosen angesprochen werde, begegne ich ihnen ganz anders als Menschen, die keine oder wenig Berührungspunkte haben." Im Umgang mit den Männern hat sie noch nie irgendwelche Schwierigkeiten empfunden. "Dabei denken sich viele: Oh Gott, als Frau ist das sicher nicht immer einfach."

In ihrer neuen Position als Einrichtungsleiterin ist Kabisch nicht die erste Frau - "glücklicherweise nicht", wie sie sagt: "Das dürfen Frauen hier schon länger, und es steht dem Verein richtig gut." 1995 gab es die erste weibliche Heimleitung, heute sind in den 20 Einrichtungen fünf Frauen in Führungspositionen. Dass bisher jede berufliche Station von Kabisch mit wohnungslosen Männern zu tun hatte, "ist Zufall". In ihrer freien Zeit sitzt sie ehrenamtlich im Vorstand von SIAF, einem Münchner Frauenverein für Gleichberechtigung und Gleichstellung. "Das ist mein Ausgleich zu den Männern", sagt sie und lacht.

© SZ vom 19.10.2015

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