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"Mea Culpa" in München:Der Schlussapplaus kann warten

Der krebskranke Christoph Schlingensief hat einen Rückfall erlitten. Bei seinem Gastspiel in München zeigt er sich voller Energie - es gibt noch so viel zu tun.

Als Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier gerade die ersten Fragen beantworten, erinnert sich Christoph Schlingensief an sein geplantes Festspielhaus in Afrika und schöpft dadurch neue Kraft. Es ist Sonntagabend, 20.30 Uhr. In Berlin findet das TV-Duell zur Bundestagswahl statt, an der Münchner Oper geht gerade der erste Akt des Schlingensief-Stücks "Mea Culpa" zu Ende. Politisches Theater versus gespieltes Theater also. Doch mehr mit der Realität hat in diesem Fall eindeutig Zweiteres zu tun.

"Mea Culpa", der letzte Teil von Schlingensiefs autobiografischer Trilogie über seine Krebserkrankung, ist als Gastspiel des Wiener Burgtheaters am Sonntag- und Montagabend zur Spielzeiteröffnung in München zu sehen.

Der 48-Jährige beschreibt in der Opern-Collage die Hochs und Tiefs während seiner Erkrankung, offenbart seine Gefühle und Träume, gibt Einblick in seine innere Zerrissenheit und nimmt Bezug auf frühere Arbeiten, wie die umstrittene Inszenierung von Wagners "Parsifal" bei den Bayreuther Festspielen 2004.

Die Musik von Wagner zieht sich wie ein roter Faden durch das Stück. Aber man hört auch Schoenberg, Schubert, Schumann. Es wimmelt zudem von Rückgriffen auf Goethe, Nietzsche, Joseph Beuys oder Elfriede Jelinek. Zwischendurch werden Filmsequenzen eingeblendet. Joachim Meyerhoff spielt Schlingensiefs Alter Ego, Fritzi Haberlandt seine Freundin, die in dem Stück zugleich die junge Witwe von Jörg Immendorff ist.

Schlingensief schrieb "Mea Culpa" im vergangenen Jahr, als es ihm wieder besser ging, die Metastasen verschwanden und er seine Pläne für ein Festspielhauses in Afrika wieder in Angriff nehmen konnte. "Mea Culpa" ist ein Blick nach vorne, ein heiteres Stück, das berührt.

Vergangene Woche machte jedoch die Nachricht die Runde, dass der Künstler einen Rückfall erlitten habe. Das Ergebnis der letzten Untersuchung sei "traurig" gewesen, sagte Schlingensief. Dennoch tritt er am Sonntag im zweiten Akt auch selber auf die Bühne.

In München ist Schlingensief ein alter Bekannter. 1981 kam er nach München, um Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte zu studieren. Er wohnte im Westend in einem Haus, in dem es chaotisch zuging. Mit ihm hausten dort Prostituierte und abgestürzte Gestalten. Vor einigen Jahren sagte Schlingensief einmal: "Das war ein ideales Biotop für meine Sucht nach Desastern." Seine Karriere als Filmregisseur begann zu dieser Zeit.

Zuletzt war im Jahr 2007 im Haus der Kunst Schlingensiefs Film-Installation "18 Bilder pro Sekunde" zu sehen. Und 2008 sprach er am gleichen Ort gemeinsam mit Patti Smith über Kunst und Religion.

Im Münchner Opernhaus tritt Schlingensief zum ersten Mal auf. Einmal lässt er an diesem Abend seinen Blick durch den mächtigen Saal kreisen, fast ehrfürchtig blickt er hinauf zu den Rängen. Es sind nicht nur Schlingensief-Fans gekommen, sondern auch viele Opernstammgäste. Musikalisch sind diese natürlich anderes gewohnt, doch sie zeigen sich von der Inszenierung angetan.

Früher galt Schlingensief als Provokateur. Heute geht es bei seinen Stücken nicht nur schrill zu, sondern auch still. Früher wurden seine Stücke von Kritikern zerrissen, heute werden sie bejubelt. Früher verließen die Zuschauer bei seinen Stücken geschockt den Saal, heute sind sie ergriffen und klatschen frenetisch.

Dabei macht Schlingensief im Grunde nichts anders als noch vor ein paar Jahren. Sein Leben und die Kunst hat Schlingensief noch nie getrennt - und seit 2008 bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert wurde, hatte sich daran nichts geändert. In der Folge der Krankheit mussten dem Künstler ein Lungenflügel und ein Teil des Zwerchfells entfernt werden. Mit "So schön wie hier kann es im Himmel gar nicht sein!" hat er sogar ein Tagebuch über seine Erkrankung veröffentlicht.

Im zweiten Akt lässt Schlingensief sich stellenweise nicht von Meyerhoff spielen, sondern erscheint selbst auf der Bühne. Er fuchtelt mit den Händen in der Luft, und beklagt sich, dass Kranke in der Gesellschaft meist ausgegrenzt werden. Dann ruft er den Zuschauern zu: "Und wenn Sie selbst Krebs kriegen oder etwas anderes Schlimmes, schreiben Sie es doch auf, ich lese es gern."

Der dritte Akt spielt in Afrika. Der Künstler hat es fast geschafft, sein Opernhaus steht kurz vor der Eröffnung. Schlingensief - nun wieder gespielt von Meyerhoff - sagt: "Ich bin froh, dass ich noch hier bin. Es gibt noch so viel zu tun."

Zum Schlussapplaus müssen die Darsteller den Regisseur dann regelrecht auf die Bühne zerren. Denn den Schlussapplaus, den will Schlingensief doch noch gar nicht hören. Es gibt noch so viel zu tun.

"Mea Culpa" ist am heutigen Montag noch einmal an der Staatsoper in München zu sehen, Beginn ist um 19:30 Uhr, es gibt nur noch wenige Restkarten an der Abendkasse.