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Max Bronski:"Für Verbrecher in Loden gibt es Nachholbedarf"

Max Bronski über faule Autoren, bayerische Krimis, sein neues Buch "Schampanninger" und das Geheimnis um seine Identität.

Mit seinen für das saubere München erstaunlich schmuddeligen Krimis wie "München Blues" wurde Max Bronski über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Seine Bücher führen den Leser tief ins Schlachthofviertel, wo man "in der Trainingshose, mit einem Adelskrone-Pils ums Arbeitsamt schleicht und abends seine Frau verprügelt". Aber auch das Versteckspiel um die Identität des Autors liest sich fast wie ein Krimi: Max Bronski ist ein Pseudonym, angeblich hat der Autor ein abgebrochenes Theologiestudium hinter sich und seine Heimatstadt nie verlassen - sonst ist kaum etwas über ihn bekannt. Die Lesungen hält Schauspieler Michael Fitz, manche glauben deshalb, er stecke hinter dem Pseudonym Bronski. Auch beim Interview bleibt der Autor inkognito - die Fragen leitet ihm sein Verlag schriftlich weiter, die Antworten kommen eines Morgens per Mail. Je persönlicher die Fragen, desto schmallippiger werden auch die Antworten ...

Wilhelm Gossecs dritter Fall konfrontiert den Münchner Trödelhändler mit den Schönen und Reichen.

(Foto: Foto: Kunstmann/oh)

sueddeutsche.de: Herr Bronski, mit "Schampanninger" haben Sie gerade Ihren dritten München-Krimi vorgelegt. Nachdem Sie bislang die einfachen Leute im Schlachthofviertel im Visier hatten, beschäftigen Sie sich diesmal mit der Schickeria. Was ist das Besondere an der Bussi-Gesellschaft in München?

Max Bronski: Dass sie von denen, die nicht dazu gehören, nichts wissen wollen. Man bleibt lieber unter sich. Ein Hamburger Geldsack führt gerne mal ein gepflegtes Gespräch. Wer dagegen in München reich geworden ist, dem sind Leute suspekt, die etwas im Kopf haben. Der Künstler in München, nicht faul, wird zum Bohemien und treibt sich in Lokalitäten herum, zu denen Reiche keinen Zutritt haben. Also: In München tut man sich mit Seinesgleichen zusammen, was sich außerhalb so herumtreibt, das sind nur Deppen.

sueddeutsche.de: Lieblingsfeind von Trödelhändler Wilhelm Gossec, der Protagonist in Ihren Krimis, ist diesmal Berni Berghammer, "Sternekoch, geschäftlicher Tausendsassa, skrupelloses Schlitzohr und Liebling der Münchner Schickeria". Hatten Sie da reale Personen im Sinn?

Bronski: Aber ja, mindestens zwei! Namen nenne ich nur, wenn die Süddeutsche Zeitung die Prozesskosten übernimmt.

sueddeutsche.de: Die bayerische Krimi-Szene mit Lokalkolorit boomt derzeit mit Autoren wie Ihnen, Friedrich Ani, Volker Klüpfel oder Andrea Maria Schenkel. Eignet sich denn der Bayer besonders für so eine Erzählform?

Bronski: Für den Verbrecher in Loden gibt es gehörig Nachholbedarf! Früher mussten Kriminelle noch weltläufig im Nadelstreif tätig sein, denn alles außerhalb von Paris, London oder New York war piefig und provinziell. Heute sind Figuren wie der Gentleman-Gauner oder Scotland-Yard-Inspektor einfach abgefeiert, da kann man höchstens noch eine Komödie daraus machen. Seit diese Märchenstunden zu Ende sind, ist das Bedürfnis nach realen Schauplätzen und Charakteren gewachsen. Wenn man das weiterdenkt, kommt man zwangsläufig zu regionalen Sujets. Eine entscheidende Zutat fehlt noch: Maj Sjöwall hat gesagt, dass ein Krimi immer da ansetzt, wo etwas mit einer Gesellschaft nicht in Ordnung ist - Ausdruck dieser Anomalie ist das Verbrechen.

sueddeutsche.de: Ein Literaturkritiker hat einmal geschrieben: "Münchner Krimischaffende sind zu beneiden. Fällt ihnen stofflich partout nichts ein, erinnern sie sich an die Schickeria, die ortsansässige Bussi-Gesellschaft mit ihren Stärken (Geld) und Schwächen (Koks)." Was sagen Sie zu dem Vorwurf?

Bronski: Stimmt! Seit Oskar Maria Graf (Anmerkung der Redaktion: Graf ist einer der wichtigsten bayerischen Schriftsteller Anfang des 20. Jahrhunderts) reibt man sich an unserer feinen Gesellschaft. Wir kriegen sie partout nicht weg, deswegen kommen wir immer wieder darauf zurück. Wir Münchner Krimischaffenden erlauben uns jedoch darauf hinzuweisen, dass sich der Rest der Republik auch nicht gerade in erzählerische Unkosten stürzt. Wenn denen nichts einfällt, ziehen sie eine Leiche aus dem Zylinder. Oder sie kommen uns mit dieser abgegriffenen Geschichte von wegen "Mann liebt Frau". Der Autor an sich ist offenbar faul und beschäftigt sich immer nur mit dem Nächstliegenden.

sueddeutsche.de: In "Schampanninger" heißt es einmal: "Die Innenstadt hat der Unterdurchschnittsverdiener schon lange aufgegeben - und die Lederhose sowieso." Auch ein Verweis auf die CSU und das Programm "Laptop und Lederhose"?

Bronski: Nein. Nur ein Hinweis darauf, dass sich mit Hartz IV keine Lodendessous oder Landhausmoden finanzieren lassen.

sueddeutsche.de: Statt um Politik und die Wiesn, Thema ihres zweiten Krimis "München Blues", dreht sich "Schampanninger" um die Vorweihnachtszeit, in der selbst "der grantigste bayerische Mensch in eine friedliche Stimmung gerät". Aber Gossec ist trotz Adventstimmung ein ziemlich brutaler Typ, der gerne auch einmal den Totschläger sprechen lässt ...

Bronski: Stimmt, er kann sich einfach nicht am Riemen reißen. Man sollte ihm aber zugutehalten, dass er frei nach Augustinus handelt: "Liebe und tu, was du willst!" Aus Jux und Dollerei bekommt keiner etwas von ihm auf die Rübe. Und damit wird er dann doch Weihnachten in einem höheren Sinn gerecht.

sueddeutsche.de: Außer ihrem abgebrochenen Theologiestudium ist ja eher wenig über Sie bekannt. Sie schreiben unter einem Pseudonym. Warum das Versteckspiel?

Bronski: Hinter dem eigenen Text zu verschwinden, ist, glaube ich, der Traum jedes Autors. Ich hoffe, dass mir das noch eine ganze Weile lang gelingt.

sueddeutsche.de: Leben Sie denn wirklich im Schlachthofviertel, dessen Milieu Sie samt Bierwampe, Trainingshose und Arbeitsamt immer sehr genau beschreiben?

Bronski: In etwa fünf Minuten bin ich am Schlachthof. Jetzt lassen wir mal offen, ob zu Fuß oder mit dem Rad.

sueddeutsche.de: Und wo sind Sie in München unterwegs, um zu recherchieren?

Bronski: Muss ich nicht. Ich lebe schon so lange hier und kenne mich aus. Der Rest ist Zeitungslesen.

sueddeutsche.de: Es heißt ja auch, Sie hätten München noch nie verlassen. Was fasziniert Sie denn so sehr an dieser Stadt?

Bronski: Das kann man nur wienerisch beantworten: Dass sich Liebe und Hass so exakt die Waage halten.

Max Bronski: "Schampanninger", Kriminalroman, 16,90 Euro, 176 Seiten, Antje Kunstmann Verlag. Mehr Informationen unter www.kunstmann.de

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