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Literatur und Sachbuch:Der Widersprecher und das Brodelphänomen

Bei den Bayerischen Buchpreisen siegen Jens Malte Fischers Karl-Kraus-Biografie und Ulrike Draesners "Schwitters"-Roman

Von Antje Weber

Wie würde Twitter auf Karl Kraus reagieren? Auf diesen "Meister der aggressiven Polemik", der vor einem Jahrhundert von "Gefühlsschlampen" schrieb oder den verurteilten Sexualstraftäter Adolf Loos verteidigte - ihn erinnere das an den heutigen Fall Siegfried Mauser, sagt Juror Knut Cordsen, der all diese Assoziationen in die Diskussion um die Bayerischen Buchpreise einbringt. Er ist sich mit seinen Mitjuroren einig: In seiner Kraus-Biografie habe es der Autor Jens Malte Fischer verstanden, immer wieder einen Bogen in unsere Gegenwart zu schlagen.

Am Ende einer halbstündigen Diskussion ist daher schnell klar: Der Widersprecher Karl Kraus erntet am wenigsten Widerspruch - und erhält den Bayerischen Buchpreis 2020 in der Kategorie Sachbuch. Was die Anbindung an die Gegenwart angeht, ist auch die Preisverleihung selbst bemerkenswert: Pandemiebedingt debattieren Cordsen und die neuen Mitjuroren Sonja Zekri und Rainer Moritz in einer fast leeren Allerheiligen Hofkirche, ohne nominierte Autoren, ohne Publikum; und wenn die Moderatorin Judith Heitkamp und der bayerische Börsenvereinsvorsitzende Michael Then erste Dialoge führen, hört man bei der Live-Radioübertragung mitunter, wie es hallt.

Als Audio-Format funktioniert der Abend dennoch überraschend gut. Auch wenn man sich etwas gedulden muss, bis ein neuer Bayern-2-Publikumspreis für Monika Helfers Roman "Die Bagage" vergeben ist. Auch wenn die vom Vortag aus der Staatskanzlei eingespielte Ehrenpreis-Vergabe später ebenfalls als etwas kurios im Gedächtnis widerhallt; Ministerpräsident Markus Söder preist den Wissenschaftler und Autor Harald Lesch da unter anderem als "Universalgenie". Das reiht sich jedenfalls gut ein an einem Abend, der insbesondere die Biografien bedeutender Männer in den Vordergrund rückt.

Doch erst wird diskutiert, auch in diesem siebten Jahr live. In der Kategorie Sachbuch stößt die nominierte Hedwig Richter mit ihren Thesen zur "Demokratie" als einer "Affäre" nicht nur auf Gegenliebe, Zekri etwa erscheint das Buch in seinem optimistischen Grundton zu affirmativ. Max Czolleks Streitschrift "Gegenwartsbewältigung" wiederum geißelt Cordsen vehement als "billige Polemik". In der lebhaften Debatte der drei schön gegensätzlichen Juroren heißt der gemeinsame Nenner also: Fischer mit Sprachkritiker Kraus, dem auch die "Trockenlegung des Phrasensumpfes" ein Anliegen war.

Auch in der Belletristik sind die Vorlieben unterschiedlich. Dorothee Elmigers Recherche "Aus der Zuckerfabrik" etwa hinterlässt Cordsen "lost". Und Iris Wolffs "Die Unschärfe der Welt" gefällt zwar nicht nur Moritz in der Verflechtung von Privatem und Politischem, doch bei der Abstimmung gewinnt in letzter Minute Ulrike Draesner: Die Schriftstellerin habe sich in ihrem biografischen Roman "Schwitters" dem Dadaisten nicht nur in seiner Einsamkeit und seinem Egoismus angenähert, wie Cordsen und Zekri loben, sondern für Kurt Schwitters als "Brodelphänomen" auch eine ganz besondere Sprache gefunden. Brodelkollege Kraus hätte vielleicht mit einem Aphorismus angemerkt: "In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige."

© SZ vom 21.11.2020

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