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Abenteuer:Freeriden im Libanon: Liegt da überhaupt Schnee?

Zwei Münchner Freerider im Libanon: Lukas Bröll und Nico Brixle.

(Foto: NoComfort.Films)

Die beiden Münchner Studenten Lukas Bröll, 25, und Nico Brixle, 22, sind vermutlich die ersten, die das libanesische Hochplateau von Norden nach Süden überquert haben - auf Skiern.

Von Valérie Nowak

Mitten in einer weißen Berglandschaft zischt ein einzelner Skifahrer den Hang herunter. Eine Wolke aus Schnee staubt hinter ihm, während er mit rund 80 Stundenkilometern den steilen Hang hinunter rast. Gerade eben noch stand er ganz oben an der Klippe, um sich abzustoßen, sich abwechselnd in eine Links- und dann in eine Rechtskurve zu legen. Er wird immer schneller, springt über einen Felsvorsprung. Eine Drohne fliegt hoch über den Berggipfeln und filmt den Skifahrer, von Piste oder Skiliften keine Spur. Hinter der Szene stecken zwei Münchner Studenten, die leidenschaftlich abseits von Pisten fahren und denen für ein Abenteuer kein Weg zu weit ist: Denn die Berge, die auf den Filmaufnahmen an die Alpen erinnern, befinden sich im Libanon.

"Das Aufregende daran ist, dass jeder Hang anders ist und anders befahren werden kann - das macht Freeriden so besonders", sagt Lukas Bröll, 25. Der Medizintechnikstudent hat zusammen mit seinem Freund Nico Brixle, 22, im Februar das libanesische Hochplateau von Norden nach Süden überquert. Nico kommt aus München und studiert in Augsburg Wirtschaftsingenieurwesen, sein Auslandssemester machte er im Libanon, dort wanderte er in den Bergen. Damals entstand die Idee, hierher einmal zum Skifahren zurückzukommen. Die zwei Studenten sind vermutlich die ersten, die die ganze Route auf Skiern zurückgelegt haben. Sich selbst einen Weg den Berg hinunter zu suchen, abzuspringen, um kurz das Gefühl zu haben, zu fliegen - das treibt die jungen Sportler an.

Die meisten Freunde von Lukas und Nico waren über Pläne, im Libanon zu freeriden, erst einmal verwundert. Die häufigste Frage: "Liegt da überhaupt Schnee?" Tatsächlich gibt es im Libanon das größte Skigebiet im Nahen Osten, von dort starteten Nico und Lukas ihre Tour ins freie Gelände. Das Gebiet eignet sich gut zum Freeriden, denn es liegt weniger Schnee als in den Alpen, deswegen ist die Lawinengefahr auch geringer.

Es ist kein All-inclusive-Urlaub, den sich die zwei Studenten gebucht haben. Ein halbes Jahr lang planten sie ihre zehntägige Skitour: Erst einmal mussten sie Sponsoren für ihren Plan finden. Sie bewarben sich bei großen Sportherstellern - mit Erfolg. Um überhaupt eine Route im Gelände planen zu können, begaben sich die zwei auf die Suche nach Kartenmaterial. Fündig wurden sie beim Deutschen Alpenverein, mit den Karten in ihrer App navigierten sie digital durch den Libanon. 25 Kilo Ausrüstung auf dem Rücken schleppten sie jeden Tag mit.

Regel Nummer eins beim Planen: Gewicht einsparen. Kulinarisch bedeutet das: Babybrei als Pulver, von Grieß-Himbeer über Banane-Zwieback, Hafer-Apfel bis hin zu Früchten. Angerührt wird das Ganze mit Schnee, den sie erst einmal schmelzen müssen.

Die Welt auf Skiern zu bereisen und das Ganze mit der Kamera zu begleiten, dazu haben sie andere Freerider inspiriert: Max Kroneck und Jochen Mesle gehören seit langem zu den besten Freeridern Deutschlands und zählen zu Lukas' Vorbildern, die beiden haben in ihrem Film "Eis und Palmen" in 42 Stunden die Alpen von Deutschland nach Nizza überquert, fuhren dabei abwechselnd Fahrrad und Ski. Kurz vor dem Flug in den Libanon sah es allerdings noch so aus, als ob Lukas die Tour absagen müsste: Er riss sich sieben Wochen zuvor das Außenband, hatte einen Stauchungsbruch. Geflogen sind sie trotzdem.

Lukas und Nico haben ihre Leidenschaft zum Skifahren im Allgäu entdeckt, beide standen schon mit drei Jahren das erste Mal auf Brettern. Freeriden bedeutet für Nico eine Verbindung zur Natur zu haben: "Es ist die Freiheit, da zu fahren, wo man will. Das Gefühl, einen unbefahrenen Hang vor sich zu haben, ist einfach was Besonderes", sagt Nico. Er hat vergangenes Jahr seinen ersten 4000er in den Alpen mit den Skiern befahren, in Japan war er schon auf dem Vulkan Yotei unterwegs. Auch Lukas war schon in Japan Skifahren, in Kanada arbeitete er rund fünf Monate als Skiguide. Deswegen war für die beiden von Anfang an klar: Es geht nicht nur darum, das Fahren zu genießen, sie wollen diese Augenblicke auch teilen: Das Filmen ist ihr Hobby, über ihren Instagram-Account konnten nicht nur Familie und Freunde hautnah bei ihrem Abenteuer dabei sein, sondern auch andere Freerider ihre Reise verfolgen. Auf ihrem Kanal "No.Comfort Films" wollen sie ihren Libanonfilm im Herbst veröffentlichen, mit ihm wollen sie sich bei mehreren Filmfestivals bewerben, etwa beim Bavarian Outdoor Film Festival (BOFF) oder dem Freeride Film Festival.

Im Libanon warteten auf die Studenten einige Herausforderungen: Ständig schlug das Wetter um, plötzlich saßen sie im sogenannten "Whiteout" fest. Der Horizont schien zu verschwinden, der Schnee reflektierte das helle Licht und verringerte den Kontrast. Sie verloren die Orientierung. Ihre Navigation am Handy zeigte ihnen dann noch ihre Route. "Nebel ist einfach immer beängstigend", sagt Lukas. Auch die Temperaturen machten ihnen zu schaffen. Ähnlich wie in der Wüste ist es nachts sogar im Zelt minus acht Grad kalt, tagsüber wird es heiß, wenn die Sonne herunterbrennt.

Um so eine Tour stemmen zu können, muss man nicht nur körperlich fit sein. Erfahrung ist sehr wichtig, und "ein gutes Auge für die Line", sagt Lukas: "Man schaut sich den Hang ja nur von unten an, sucht sich aus, wo man lang fahren möchte. Man merkt sich anhand von markanten Felsen, Bäumen oder Geländeformen, wo man eventuell abbiegen muss oder springen will. Dann ist es die Kunst, das so von oben zu sehen und sich sicher sein, dass man richtig fährt, um nicht auf Felsen drauf zu springen", sagt Lukas.

"Früher wollte meine Mama gar nicht so genau wissen, wo ich so runterfahre, aber jetzt findet sie es auch interessant und hat selbst langsam Spaß daran, im Tiefschnee zu fahren", sagt Lukas. Auch Nicos Eltern zieht es in die Berge, gerade waren sie für eine Tour in Island. Sorgen sind dennoch nicht ganz unberechtigt: Ihr libanesischer Begleiter Halim etwa klagte tagelang über kalte Füße. Als er seine Skischuhe auszog, entdeckte er, dass das erste Drittel der Fußnägel seiner beiden großen Zehen schwarz war - Erfrierungen dritten Grades. Die Schmerzen kamen erst, als sie die Zehen langsam aufwärmten, bei jedem weiteren Schritt in den Skischuhen stieß er vorne an.

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Von ihrer Tour brachte sie das trotzdem nicht ab, ihr nächstes Ziel war der höchste Gipfel im Libanon. Auf dem Weg entdeckten sie Reste von Kanonen aus dem Bürgerkrieg, die Richtung Syrien zeigten. "Es war eine atemberaubende Fernsicht am Morgen, die Kriegsszenen an der syrischen Grenze kann man sich vorstellen", erzählt Lukas von seinen Eindrücken. Es sei ein komisches Gefühl gewesen, dort zu stehen.

Sie erreichten wieder Passstraßen und ein richtiges Skigebiet, nach mehr als einer Woche trafen sie wieder auf normale Skifahrer und fühlten sich erst einmal "wie Aliens". Schließlich erreichten sie endlich den Black Peak, der 3083 Meter hoch liegt. Dort oben genossen sie bei Sonnenaufgang die Aussicht: "Wir haben uns gefühlt wie die Könige der Welt", sagt Lukas.

© SZ vom 06.05.2019/huy
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