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Leute:"Ich habe alle zwei Monate gedacht, ich werfe es hin"

Vor drei Jahren hat er als Hausmeister in der Mohr-Villa angefangen. Seine Frau hatte ihm die Stellenanzeige vorgelegt. "Ich antwortete muffig: Hausmeister!", sagt Schenkel. Aber seine Frau meinte, er solle das machen. Viktor Schenkel hat dann in der Mohr-Villa angefangen und festgestellt, dass sie zwischen einer Mittelschule und einem Ankunftsheim für minderjährige Flüchtlinge steht. "Ich hatte die Idee, das zusammenzubringen, Grenzen in den Köpfen zu verschieben", sagt Schenkel. Es war nicht leicht, die Jugendlichen zu motivieren. Schenkel sagt "oooh" und verdreht die Augen. "Ich habe alle zwei Monate gedacht, ich werfe es hin", sagt er. "Manchmal waren sechs oder sieben da - und dann waren es plötzlich nur noch zwei." Schenkel versteht das. "Die jungen Flüchtlinge sind eingeschüchterte Menschen", sagt er, "sie sind traumatisiert."

Schenkel erzählt von einem damals 14-jährigen Mädchen, das aus Somalia floh, weil sie mit einem alten Mann im Nachbarort zwangsverheiratet werden sollte; ihre Flucht nach Deutschland dauerte zwei Jahre - man mag sich nicht ausmalen, was sie dabei alles erleben musste. Schenkel erzählt von Jugendlichen, die auf der Flucht ins Gefängnis gesteckt wurden; und denen angedroht wurde, dass sie den nächsten Tag nicht erleben würden. Er erzählt von einem jungen Afghanen, dessen Vater seit zwei Jahren verschollen sei. Und der selbst von den Taliban rekrutiert werden sollte. Seine Mutter hat ihm dann gesagt, er solle fliehen. Seit er in Deutschland ist, telefoniert er einmal im Monat mit ihr; die Mutter muss immer auf einen Hügel gehen, um mit ihm zu reden, weil der Empfang so schlecht ist. "Der Junge leidet wahnsinnig darunter, dass er seine Mutter und seinen kleinen Bruder nicht sehen kann."

Schenkel erzählt die Geschichten unaufgeregt. Er dramatisiert sie nicht. Dass sie ihn trotzdem bewegen, ist keine Frage. Er kümmert sich ja um die jungen Migranten.

Viktor Schenkel war hartnäckig, als die Jugendlichen am Anfang weggeblieben sind. Er ging in die Einrichtungen, hakte nach, sprach mit ihnen, überzeugte sie. "Ich habe sie mit einem gewinnenden Lächeln dazu gebracht, wiederzukommen", sagt Schenkel und lächelt. Außerdem habe ihm der Junge aus Afghanistan geholfen; er habe eine Art Führungsrolle übernommen und den anderen gesagt: "Komm, wir machen bei Viktor weiter."

Mittlerweile macht ein Stamm von zehn Jugendlichen mit, die Geflüchteten sind in der Mehrheit. Jeder hat seinen Part, Haupt- und Nebenrollen gibt es nicht. Sie proben mittwochs und manchmal an den Wochenenden.

"Wir haben keine Vorlagen", sagt Schenkel, "wir entwickeln die Stücke selbst, sie entstehen durch Improvisation." Es sei "die reine Form des Theatermachens, eine emotionale, aus dem Herzen und dem Bauch heraus." Sie erzählten die Geschichte der Flucht und der Flüchtlinge. "Ich kenne die Kritik der Journalisten, dass jetzt jedes Theater Fluchtgeschichten inszeniert", sagt Schenkel. "Aber die machen das aus der intellektuellen Sicht des deutschen Regisseurs - bei uns machen es die Geflüchteten selbst."

Im dritten Stück, das sie gerade einüben, gehe es "um die Erschaffung ihrer neuen Welt" in Deutschland. "Um Freundschaft, Geborgenheit und Nestbauen - sie sind ja von der Jugend ins Erwachsenwerden fast hinübergespült worden", sagt Schenkel. Anfangs musste Schenkel noch mehr anschieben, dirigieren, Hilfestellung leisten. Er habe "sehr, sehr viel Geduld" gehabt, sagt er. Dann wurden die jungen Darsteller selbstbewusster, fanden, so Schenkel, die "Balance zwischen Disziplin und Freude am Spiel". Das erste Stück haben sie als Schattentheater aufgeführt, beim zweiten trugen die Darsteller Masken, nun sind sie weiß geschminkt. "Ich will diese Menschen ja nicht ausstellen und vorführen", sagt Schenkel, "sie sind schutzbedürftig."

Er selbst spielt nicht mit. "Die Bühne soll den Jugendlichen gehören", sagt Schenkel. Er wolle sich nicht dem Vorwurf aussetzen, dass er ins Rampenlicht treten wolle und die Jugendlichen dazu benutze. Er lächelt wieder. "Außerdem: Wenn ich mit meiner markanten Nase beim Schattentheater mitgemacht hätte, dann hätte es sicher großes Gelächter gegeben", sagt er.

Er sei jetzt angekommen, sagt Viktor Schenkel. Er könne nun "das Kreative mit dem Sinnvollen verbinden". Und er sei nicht mehr von anderen abhängig. Dass sie ihm Rollen geben. Aufträge verschaffen. Es sei ein Marionetten-Dasein gewesen. "Früher musste ich ins Land hinausschreien: Ich will Schauspieler werden." Jetzt mache er sein Theater selbst.

Schenkels Traum ist es nun, ein eigenes Theater zu haben, für sich und seine jungen Darsteller. Einen festen Raum. Deshalb gründe er einen Verein: Theater Grenzenlos e.V. Dieser werde weiterhin in Kooperation mit der Mohr-Villa arbeiten. Schenkel braucht nun Spendengelder, und er braucht die Öffentlichkeit. Konstantin Wecker übernimmt schon mal die Schirmherrschaft. Schenkel kennt Wecker von den Dreharbeiten zu "Gipfelsturm", in dem es um die Besteigung der Zugspitze ging. Wecker spielte den Bürgermeister, Schenkel den Gemeindediener.

© SZ vom 25.10.2017
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