bedeckt München 14°

Leute:Der Spaßmacher meint es ernst

Seit drei Jahren arbeitet Viktor Schenkel als Hausmeister in der Mohr-Villa.

(Foto: Catherina Hess)

Viktor Schenkel war Schauspieler und Clown, er hatte Fernsehrollen bei Café Meineid und Auftritte im Circus Roncalli. Berühmt war er nie. Heute arbeitet er als Hausmeister und leitet das Theater "Grenzenlos": Mittelschüler treten hier mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen auf

Von Gerhard Fischer

Ein Mann mit einem sehr bunten Hemd steht auf einer Staffelei und putzt die Fensterscheibe eines Ladens. Dazu läuft das Lied "Like Ice in the Sunshine." Ein Mädchen mit einem sehr bunten Armreif kommt ins Bild, guckt in die Auslage - und patscht ihr Eis gegen die Scheibe. Der Fensterputzer reißt die Augen weit auf. Dann geht das Licht im Kino an. Die Frauen und Männer mit den Eistaschen kommen in den Raum. So war es früher im Kino.

Wer das Gesicht des Fensterputzers damals - vor mehr als 30 Jahren - auf der Leinwand gesehen hat, vergisst es nicht mehr: rot-blonde Haare. Grüne Augen. Markante Nase. Kräftiges Kinn. Ein Woody-Allen-Gesicht. Aber wer kennt seinen Namen?

Der Mann heißt Viktor Schenkel. Er war Schauspieler, er hatte Rollen bei Café Meineid oder Anwalt Abel. Aber er ist nie berühmt geworden. Wenn Schenkel über seine Karriere spricht, sagt er: "Ich hatte gute und schlechte Jahre." Oder: Sein berufliches Leben sei "nicht ganz rund" gewesen.

Heute arbeitet Viktor Schenkel, 62, als Hausmeister in der Mohr-Villa, einem Kulturzentrum in Freimann. Und er leitet dort ein ungewöhnliches Theater, das Theater "Grenzenlos": Mittelschüler treten mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen auf. Momentan proben sie für ihr drittes Stück. Im März soll es in der Mohr-Villa Premiere haben, bei den "Internationalen Wochen gegen Rassismus".

Schenkel hat vorgeschlagen, sich im Café in der Alten Pinakothek zu treffen. Da sei es ruhig. Er setzt sich und sagt, er habe hier ein Jahr auf 450-Euro-Basis gearbeitet, das sei gar nicht lange her. Schenkel hat gedübelt, die Bilder aufgehängt, sie wieder im Keller verstaut. Es hat ihm nicht gefallen. "Die Kuratoren schweben meist einen Meter über dem Boden und nehmen nur bestimmte Herrschaften wahr", sagt er. Schenkel mag den Dünkel nicht. Und er hat vielleicht ein Problem damit, nicht wahrgenommen zu werden.

Das Geld reichte nicht zum Leben

Viktor Schenkel ist in Brannenburg bei Rosenheim geboren, zwischen Nußdorf am Inn und Flintsbach am Inn. Die Mutter ist Russin, der Vater Deutscher. Er wächst in Ingolstadt auf, macht nach der Schule eine Grafik-Ausbildung - und geht dann für ein Jahr zum Circus Roncalli nach Wien. Er hilft dort bei den Umbauten, schleppt die Gitter der Tierkäfige. Aber in seinem Wohnwagen übt er Clown-Stücke ein. Er hofft, als Pausenclown auftreten zu können. Aber dann geht Roncalli in Konkurs und wird erst später neu gegründet. Schenkel zieht zurück nach Ingolstadt und arbeitet als Grafiker. Es bleibt der Wunsch, ein Künstlerleben zu führen. Als der Circus Roncalli nach Ingolstadt kommt, arbeitet Schenkel wieder mit. Dann lernt er seine spätere Frau kennen, Linde Scheringer. Er gründet mit ihr das Clown-Kabarett "Uno Duo", in dem auch sein Freund, der Kabarettist Günter Grünwald, ein paar Mal mitspielt. Das klappt aber nicht. "Günter und ich sind unterschiedliche Spielernaturen", sagt Schenkel.

Irgendwann beschließt er, sein Gesicht zu verleihen. "Rent a face" heißt sein Projekt. "Ich habe als Model für markante und witzige Werbung gearbeitet", sagt Schenkel. Sein erster Auftritt ist für die Zentis Konfitüre, dann kommen Langnese und der Kino-Sketch. Und einmal hockt er leicht bekleidet auf einer Waschmaschine und redet über "die kleinen Unterschiede"; es geht um die Wassermenge.

Manchmal reicht es nicht zum Leben. Dann übernimmt er Jobs, die gerade kommen. Einmal arbeitet er als Wirtschaftsjournalist für den Verlag eines Freundes. Angestellt ist er nur einmal in seinem Leben: bei einer Agentur. Ein Jahr lang. Ansonsten folgt er seinen Leidenschaften. "Ich realisiere die Dinge, die in mir stecken", sagt er. "Für Menschen mit Sicherheitsbedürfnis ist das nichts - und eine Frau mit Sicherheitsbedürfnis könnte mit mir auch nicht zusammen sein." Seine Frau ist selbst Künstlerin. Linde Scheringer arbeitet als Puppenspielerin, Märchenerzählerin und Geschichtenerfinderin. Mit ihr tritt er dann auch mal im Circus Roncalli auf - als Clown.

Viktor Schenkel ist höflich und achtsam. Er blickt dem Gegenüber in die Augen, redet schnell, aber deutlich und bemüht sich um Struktur, als er von seinem bunten Leben erzählt. "Film ist ein Haifischbecken", sagt Schenkel, "da gibt es viele Lippenbekenntnisse." Es seien ihm schon öfters Rollen versprochen worden, bekommen hat er sie aber nicht. Schenkels Schauspielkarriere kam jedenfalls nie richtig in Fahrt - obwohl er, wie er sagt, "nach jedem dritten Film gefragt wurde", wo er sich bisher versteckt hatte. Schenkel antwortete stets: nirgends. Vielleicht waren es die unwägbaren Mechanismen des Gewerbes. Vielleicht war es einfach Pech. Vielleicht verkauft er sich aber auch zu schlecht. Viktor Schenkel trumpft nicht auf, er erzählt die Dinge bedächtig. Er wirkt weder bestimmend noch abgeklärt, eher ein wenig unsicher.

"Ich habe alle zwei Monate gedacht, ich werfe es hin"

Vor drei Jahren hat er als Hausmeister in der Mohr-Villa angefangen. Seine Frau hatte ihm die Stellenanzeige vorgelegt. "Ich antwortete muffig: Hausmeister!", sagt Schenkel. Aber seine Frau meinte, er solle das machen. Viktor Schenkel hat dann in der Mohr-Villa angefangen und festgestellt, dass sie zwischen einer Mittelschule und einem Ankunftsheim für minderjährige Flüchtlinge steht. "Ich hatte die Idee, das zusammenzubringen, Grenzen in den Köpfen zu verschieben", sagt Schenkel. Es war nicht leicht, die Jugendlichen zu motivieren. Schenkel sagt "oooh" und verdreht die Augen. "Ich habe alle zwei Monate gedacht, ich werfe es hin", sagt er. "Manchmal waren sechs oder sieben da - und dann waren es plötzlich nur noch zwei." Schenkel versteht das. "Die jungen Flüchtlinge sind eingeschüchterte Menschen", sagt er, "sie sind traumatisiert."

Schenkel erzählt von einem damals 14-jährigen Mädchen, das aus Somalia floh, weil sie mit einem alten Mann im Nachbarort zwangsverheiratet werden sollte; ihre Flucht nach Deutschland dauerte zwei Jahre - man mag sich nicht ausmalen, was sie dabei alles erleben musste. Schenkel erzählt von Jugendlichen, die auf der Flucht ins Gefängnis gesteckt wurden; und denen angedroht wurde, dass sie den nächsten Tag nicht erleben würden. Er erzählt von einem jungen Afghanen, dessen Vater seit zwei Jahren verschollen sei. Und der selbst von den Taliban rekrutiert werden sollte. Seine Mutter hat ihm dann gesagt, er solle fliehen. Seit er in Deutschland ist, telefoniert er einmal im Monat mit ihr; die Mutter muss immer auf einen Hügel gehen, um mit ihm zu reden, weil der Empfang so schlecht ist. "Der Junge leidet wahnsinnig darunter, dass er seine Mutter und seinen kleinen Bruder nicht sehen kann."

Schenkel erzählt die Geschichten unaufgeregt. Er dramatisiert sie nicht. Dass sie ihn trotzdem bewegen, ist keine Frage. Er kümmert sich ja um die jungen Migranten.

Viktor Schenkel war hartnäckig, als die Jugendlichen am Anfang weggeblieben sind. Er ging in die Einrichtungen, hakte nach, sprach mit ihnen, überzeugte sie. "Ich habe sie mit einem gewinnenden Lächeln dazu gebracht, wiederzukommen", sagt Schenkel und lächelt. Außerdem habe ihm der Junge aus Afghanistan geholfen; er habe eine Art Führungsrolle übernommen und den anderen gesagt: "Komm, wir machen bei Viktor weiter."

Mittlerweile macht ein Stamm von zehn Jugendlichen mit, die Geflüchteten sind in der Mehrheit. Jeder hat seinen Part, Haupt- und Nebenrollen gibt es nicht. Sie proben mittwochs und manchmal an den Wochenenden.

"Wir haben keine Vorlagen", sagt Schenkel, "wir entwickeln die Stücke selbst, sie entstehen durch Improvisation." Es sei "die reine Form des Theatermachens, eine emotionale, aus dem Herzen und dem Bauch heraus." Sie erzählten die Geschichte der Flucht und der Flüchtlinge. "Ich kenne die Kritik der Journalisten, dass jetzt jedes Theater Fluchtgeschichten inszeniert", sagt Schenkel. "Aber die machen das aus der intellektuellen Sicht des deutschen Regisseurs - bei uns machen es die Geflüchteten selbst."

Im dritten Stück, das sie gerade einüben, gehe es "um die Erschaffung ihrer neuen Welt" in Deutschland. "Um Freundschaft, Geborgenheit und Nestbauen - sie sind ja von der Jugend ins Erwachsenwerden fast hinübergespült worden", sagt Schenkel. Anfangs musste Schenkel noch mehr anschieben, dirigieren, Hilfestellung leisten. Er habe "sehr, sehr viel Geduld" gehabt, sagt er. Dann wurden die jungen Darsteller selbstbewusster, fanden, so Schenkel, die "Balance zwischen Disziplin und Freude am Spiel". Das erste Stück haben sie als Schattentheater aufgeführt, beim zweiten trugen die Darsteller Masken, nun sind sie weiß geschminkt. "Ich will diese Menschen ja nicht ausstellen und vorführen", sagt Schenkel, "sie sind schutzbedürftig."

Er selbst spielt nicht mit. "Die Bühne soll den Jugendlichen gehören", sagt Schenkel. Er wolle sich nicht dem Vorwurf aussetzen, dass er ins Rampenlicht treten wolle und die Jugendlichen dazu benutze. Er lächelt wieder. "Außerdem: Wenn ich mit meiner markanten Nase beim Schattentheater mitgemacht hätte, dann hätte es sicher großes Gelächter gegeben", sagt er.

Er sei jetzt angekommen, sagt Viktor Schenkel. Er könne nun "das Kreative mit dem Sinnvollen verbinden". Und er sei nicht mehr von anderen abhängig. Dass sie ihm Rollen geben. Aufträge verschaffen. Es sei ein Marionetten-Dasein gewesen. "Früher musste ich ins Land hinausschreien: Ich will Schauspieler werden." Jetzt mache er sein Theater selbst.

Schenkels Traum ist es nun, ein eigenes Theater zu haben, für sich und seine jungen Darsteller. Einen festen Raum. Deshalb gründe er einen Verein: Theater Grenzenlos e.V. Dieser werde weiterhin in Kooperation mit der Mohr-Villa arbeiten. Schenkel braucht nun Spendengelder, und er braucht die Öffentlichkeit. Konstantin Wecker übernimmt schon mal die Schirmherrschaft. Schenkel kennt Wecker von den Dreharbeiten zu "Gipfelsturm", in dem es um die Besteigung der Zugspitze ging. Wecker spielte den Bürgermeister, Schenkel den Gemeindediener.

© SZ vom 25.10.2017
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema