Landwirtschaft Die Ziegenbarone von Andechs

Alle heißen Georg, alle lieben die Tiere: Seit drei Generationen hält die Familie Scheitz die Paarhufer, derzeit 300 Exemplare. Angefangen hat alles mit Allergien auf Kuhmilch

Von Astrid Becker, Andechs

714. Georg Scheitz junior nennt diese Zahl ohne Zögern. Vielleicht, weil es nicht einfach nur eine Zahl ist. Sondern eine Ziege. Eine besondere Ziege. Eine, die ihm wie ein Hund folge, sagt der 24-jährige Ziegenbauer aus Andechs. 714 sei deshalb seine derzeitige Lieblingsziege. Eine "Weiße Deutsche Edelziege", wie diese Rasse heißt. Es ist das einzige Tier auf dem Tannhof im Andechser Ortsteil Erling, das nach seiner Ohrmarke benannt ist: "Das hat sich so ergeben", sagt der junge Landwirt, der die Meisterschule für ökologischen Landbau in Weilheim besucht. "Wenn wir uns Namen einfallen lassen, dann sind das normalerweise andere, aber mei, da war es halt so", fügt er hinzu und grinst.

Überhaupt wird auf dem Biohof viel gelacht und geneckt. Der Junior ist, wie sein Vater, Starnbergs Vizelandrat Georg Scheitz, zwar kein Mann der großen Worte, aber wenn er etwas sagt, hat es Gehalt und wird nicht selten mit Humor garniert. Wahrscheinlich muss man den auch haben, wenn man mit Ziegen umgeht. Denn auch wenn jedes Tier einen eigenen Charakter hat, ist dieser Spezies sicherlich eines gemein: Sie liebt es, ihre Besitzer auszutricksen und ihren eigenen Kopf durchzusetzen. Davon erzählen auch Vater und Sohn vom Tannhof immer wieder und amüsieren sich darüber köstlich. Zum Beispiel über eine Geiß, die gar keinen Namen hat, aber nichts mehr liebt, als "Pfötchen" zu geben: "Dafür drückt sie so lange gegen die Tür im Stall, zwanzig Mal und mehr, bis sie aufgeht. Die Geiß läuft aber nicht weg, sondern einem hinterher, bis sie Pfötchen geben darf."

Vater und Sohn Scheitz gefallen solche Verhaltensweisen. Vielleicht, weil sie beide selbst ihren eigenen Kopf haben. Sie wissen genau, was sie wollen, wirken beharrlich dabei, aber trotzdem nicht verbissen und stur. Und sie gehen für die Verwirklichung ihrer Ideen auch mal ein Risiko ein. Das scheint in der Familie zu liegen, durch die sich über drei Generationen hinweg nicht nur der Vorname Georg und die Liebe zu den Ziegen zieht, sondern die feste Überzeugung, dass sich diese Tierspezies auch irgendwann wirtschaftlich lohnen wird und ihre Produkte immer mehr Menschen zu schätzen wissen.

Georg Scheitz, Vize-Landrat in Starnberg, ist Biobauer aus Leidenschaft. Der 51-Jährige hat nie daran gedacht, sich für den Chefposten im Landratsamt zu bewerben.

(Foto: Nila Thiel)

Aber zunächst fängt die Sache mit den Ziegen ganz klein an. Vor mehr als 40 Jahren trat der Vater des 51-jährigen Vizelandrats, Georg Scheitz senior, bereits dem Verband oberbayerischer Ziegenzüchter bei - obwohl er selbst zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Ziegen hielt. Er hatte, so erzählt es sein Sohn, nur eines Tages mal Ziegenmilch zu Käse verarbeitet - in der einstigen Molkerei, die seine Eltern vor mehr als 100 Jahren, 1908, mitten im Ort hinter der Kirche gegründet hatten und die er 1980 in einen Biobetrieb verwandelte. "Und er war begeistert, wie viel Käse aus der Milch herauskommt und wie gut der schmeckt", erzählt sein Sohn. Von diesem Moment an sind Ziegen ein Thema auf dem eigenen Hof außerhalb des kleinen Orts hoch über dem Ammersee, in den der Senior und seine Frau nach ihrer Heirat 1965 vom Ortszentrum ausgesiedelt waren. Eine kleine asphaltierte Straße schlängelt sich mittlerweile dorthin, linker Hand ist seit 1988 die Molkerei "Andechser Natur" hinter einem begrünten Wall zu erahnen, die seit mehr als 15 Jahren schon die Tochter von Georg Scheitz senior führt. Für den Sohn, den derzeitigen Vizelandrat, kam die Unternehmensleitung nicht in Frage. Auch hat er nie ernsthaft in Erwägung gezogen, sich nun, nachdem der amtierende Starnberger Landrat Karl Roth angekündigt hat, 2020 nicht mehr antreten zu wollen, als Kandidat für dessen Nachfolge zur Verfügung zu stellen: "Ich will mich lieber stärker für ökologischen Landbau engagieren, mehr Kollegen zum Mitmachen zu bewegen."

"Ich bin halt ein Ziegenbauer", sagt er und grinst. Und ein Mann, der über einige Flächen verfügen kann. Die Familie Scheitz bewirtschaftet etwa 65 Hektar, eine Hälfte ist Acker-, die andere Grünland. Deshalb kommen auch 1986 die ersten 30 Ziegen auf den Hof, auf dem bis dahin nur Schweine gehalten worden waren. "Wir wollten unser Grünland besser verwerten," sagt Scheitz. Die 30 Tiere seien zudem so eine Art Testlauf für die Molkerei gewesen, nicht nur des Käses wegen, sondern vor allem als Reaktion auf die Kuhmilchallergien gedacht, von denen damals immer mehr die Rede war.

Eine Kuhmilchallergie ist es denn auch, die seinen heute 24-jährigen Sohn zum ersten Mal mit Ziegen in Berührung bringt. Als kleiner Bub, "mit ein, zwei Jahren", wie sein Vater sagt, habe er fürchterlich an Asthma und ständig wiederkehrenden Atemwegserkrankungen gelitten. Es dauert eine Weile, bis man die Ursache dafür findet - eine Allergie gegen Kuhmilch. "Kaum haben wir auf Ziegenmilch umgestellt, ist es dem Bub gut gegangen - bis heute", erzählt Georg Scheitz. Ob die tiefe Faszination, die der jüngste Scheitz für Ziegen hegt, allein daher rührt, kann niemand auf dem Hof so recht beantworten. Er sei "einfach auch schon immer am liebsten bei den Ziegen gewesen", sagt der Vater. Und sein Sohn fügt hinzu: "Da gab's beispielsweise mal den Zacherl, ein Bock, der immer frei auf dem Hof herumgelaufen ist. Mir hat der so gefallen, weil er so lange Ohren hatte." Während er das erzählt, kramt sein Vater ein Foto aus dem Familienalbum heraus. Ein Ziegenbock der Rasse Anglo-Nubier ist es, pechschwarz mit weißen Hängeohren. Vielleicht sieben Jahre alt dürfte der Junior auf dem Bild sein, fest umschlungen hält er den Zacherl. "Wo der Bub war, war auch der Bock", sagt der Vater. Der Zacherl sei "ein ganz Lieber" gewesen, der auch bei der Kundschaft auf dem Hof recht beliebt gewesen sei. "Ja, und weil der so schön war, habe ich ihn immer zu unseren Damen gelassen, was man manchmal noch heute bei deren Nachkommen sieht", sagt sein Sohn.

Sohn Georg Scheitz junior züchtet die Strahlenziegen nicht wegen der Milch, sondern um die bedrohte Art zu erhalten.

(Foto: Nila Thiel)

Wenn man so will, könnte Zacherl der Auslöser dafür gewesen sein, dass der Junior auf dem Scheitz-Hof schon recht früh das Interesse für Vererbung und Züchtung entdeckt hat. Ein Interesse, das er später immer weiter ausbauen sollte. Denn wie bei seinem Vater auch, ist für ihn festgestanden, dass er Landwirt werden will. Nach dem Abitur beginnt er, Agrarwissenschaften zu studieren: "Aber das war mir viel zu theoretisch." Zwei Semester hält er durch, dann entschließt er sich, abzubrechen und lieber eine Ausbildung zum Landwirt zu absolvieren. "Wir haben lange nach einem Platz für ihn gesucht", erzählt sein Vater. Am Ende lernt er auf dem eigenen Hof, Scheitz ist schon lange ein Ausbildungsbetrieb. Praktika auf anderen Höfen gehören dazu - zum Beispiel in der Milchviehhaltung oder der Rindermast: "Für mich war da schnell klar, dass ich bei den Ziegen bleib'." Er lässt sich zum Zuchtrichter ausbilden, und wer sich heute nicht sicher ist, welche Rasse er vor sich hat, oder ob sich ein Tier zur Zucht eignet, ist bei Scheitz junior an der richtigen Adresse.

Eine große Liebe hegt er für alte, vom Aussterben bedrohte Hausziegenrassen: vor allem für die Bündner Strahlenziege. Eine eigene kleine Herde mit Tieren dieser seltenen Rasse hat er sich in den vergangenen Jahren aufgebaut, die nicht nur relativ große Hörner hat, sondern auch eine auffällig hübsche Gesichtszeichnung. Dafür hat er sogar eine andere alte Rasse, die Pfauenziege, eingezüchtet - aus genetischen Gründen. So ganz zufrieden ist er damit aber nicht gewesen. "Jetzt will ich zurück zu dem, was ich unter einer schönen Strahlenziege verstehe", sagt er und meint damit eine gewisse Größe des Tiere. Deshalb hält er im Moment nur acht "schöne" Strahlenziegen, die in einem anderen Stall als die Milchziegen des Vaters untergebracht sind und mit denen er eine neue Herde aufbauen will. Das ist, wenn man so will, sein Hobby, sein Beruf ist der des Ziegenbauern. Seine Lieblingsbeschäftigung ist nicht, mit dem Traktor zu fahren, sondern die Stallarbeit. Beim Melken etwa komme die Mensch-Tier-Beziehung recht deutlich zum Ausdruck: "Wenn wir beispielsweise nur ein bisserl zu spät oder zu früh anfangen, was manchmal passiert, ist das Gemeckere bei den Ziegen groß."

Wer den beiden Männern in die Ställe folgt, in denen die Ziegen nur in der kalten Jahreszeit untergebracht sind, sieht auch als Laie auf den ersten Blick, wie sauber die Tiere sind. Sehr sauber. "Weil sie genug Platz haben", wie Georg Scheitz, der Ältere, sagt. "Wollen'S auch unsere Schweine sehen?" Um die 200 sind es, die hier auf dem Hof stehen und, wenn das Wetter passt, ihren Stall verlassen: "Haben Sie gewusst, dass Schweine ein Wohnzimmer haben? Und ein Schlafzimmer und ein WC?" Auch die reinlichen Schweine, Schwäbisch-Hällische, die hier vor Vergnügen grunzen, sehen wie frisch geschrubbt aus. Ihre Bestimmung ist klar: Ein halbes Jahr dürfen sie bleiben, dann kommen sie zum Schlachter in der Nähe. Ihr Fleisch landet in Läden, in denen Herrmannsdorfer Erzeugnisse verkauft werden.

Anders ist es bei den Ziegen. Die meisten der etwa 300 Geißen dienen der Milchproduktion für die familieneigene Molkerei nebenan. Belohnt werden die Tiere für ihre Arbeit mit einem Wellness-Programm - in Form einer Bürste, an der sie sich täglich mehrmals schrubben. "Sie lieben das Ding, meine beste Investition", sagt Georg Scheitz. Natürlich gibt es auch ein paar wenige Böcke. Die meisten der männlichen Zicklein, die auf dem Hof geboren werden - alle zwei Jahre etwa 300 Tiere - landen jedoch auf den Tellern derer, die ihr Fleisch kennen und schätzen: "Leider sind das noch zu wenige, denn das Fleisch ist gesund und fettarm", wie die beiden Scheitz-Männer sagen. Doch die Hoffnung geben sie nicht auf, dass es irgendwann mehr werden, die dieses Fleisch gern essen. Und sie dann mehr Tiere halten können - in einem neuen Stall mit viel Platz, den sie gern schon gebaut hätten. Weil der Hof im Außenbereich liegt und an ein Flora-Fauna-Habitat-Gebiet grenzt, ist ihnen bislang aber die Baugenehmigung verwehrt worden: "Aber vielleicht ändert sich das ja mal", sagen sie. "Dann könnten wir unser gesamtes Grünland durch die Ziegen verwerten." Damit der Betrieb quasi wie ein geschlossenes System funktioniert? "Genau", sagt der Junior: "Das ist unser Traum."