Wahlbeobachter:Kommunalpolitik ist wichtiger

Wahlbeobachter: Ann Schmid.

Ann Schmid.

(Foto: Claus Schunk)

Ann Schmid ist froh, dass sie sich nicht entscheiden muss

Protokoll von Daniela Bode, Neubiberg

Ann Schmid hat 1968 England verlassen, um in Kenia zu unterrichten. Mit ihrem damaligen deutschen Mann kam sie 1977 nach Deutschland. Seitdem lebt die heute 79-jährige Britin in Neubiberg. Dort leitete sie an der Volkshochschule Südost 26 Jahre lang den Fachbereich Sprachen.

Ich bin so froh, dass ich im September nicht wählen muss. Ich habe mir die Wahlprogramme angesehen: Die CDU/CSU will sich für mehr Klimaschutz einsetzen, die SPD auch, die Grünen auch. Die einen wollen Steuern erhöhen, die anderen wollen sie senken. Es ist alles zu undurchsichtig. Wenn ich könnte, würde ich wahrscheinlich die Grünen wählen. Ich habe aber nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Erst habe ich es verpasst, den deutschen Pass zu beantragen. Als der Brexit anstand, wollte ich mich nicht einbürgern lassen, da ich meine britische Staatsbürgerschaft sonst verloren hätte.

Es stört mich nicht, dass ich bei der Bundestagswahl noch nie wählen durfte. Vielleicht habe ich auch Kohl und Schröder nicht gemocht und mich deshalb nicht bemüht, wählen zu können. In England habe ich auch seit 1968 nicht mehr gewählt. Ich wüsste auch nicht, für wen ich mich entscheiden würde. Über Premierminister Boris Johnson ärgert man sich nur. Seine Corona-Politik ist unglaublich - fast alle Maßnahmen werden aufgehoben, obwohl die Zahlen stark ansteigen.

Was um mich herum passiert, hat mich immer sehr interessiert. Als Günter Heyland zum ersten Mal als Bürgermeister kandidierte, bin ich bei den Freien Wählern in Neubiberg Mitglied geworden, weil ich ihn unterstützten wollte. Wir kannten uns von der Volkshochschule. Ich habe Flyer in die Briefkästen geworfen. Mittlerweile bin ich dort kein Mitglied mehr. Ich habe auch immer bei den Kommunalwahlen meine Stimme abgegeben, das durfte ich ja als EU-Bürgerin. Das ist anders als bei der Bundestagswahl. Da sieht man gleich den Effekt dessen, was die Politiker tun.

Wünsche an die neue Bundesregierung habe ich schon. Der Umgang mit den Flüchtlingen vor Ort muss noch besser organisiert werden, beispielsweise wo und mit wem sie wohnen können. Außerdem hoffe ich, dass die AfD nicht wieder in den Bundestag kommt. Sie sieht in ihrem Wahlprogramm vor, dass die Familien der Flüchtlinge nicht mehr nachkommen sollen und dass das Waffenrecht geändert wird, damit man leichter Waffen kaufen kann. Das ist unglaublich.

Fast ein Fünftel der Bevölkerung im Landkreis München sind keine deutschen Staatsbürger. Viele dieser Menschen leben schon lange hier, zahlen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Doch selbst wenn sie EU-Bürger sind, dürfen sie in Deutschland auf nationaler Ebene nicht wählen. An dieser Stelle erzählen in den nächsten Wochen einige von ihnen, wie sie auf die Bundestagswahl blicken.

© SZ vom 30.08.2021
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