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Unterhaching:Das Leben der anderen

Jérôme Geo Labrunerie malt Bilder nach Fotos, die er heimlich auf der Straße oder in Bars macht. Er zeigt dabei Szenen einer Gesellschaft, aus der er sich selbst ausgeschlossen fühlt

Wenn Jérôme Geo Labrunerie mit seiner kleinen Kamera durch die Straßen geht, bemerken ihn die Menschen, meist nicht. Er fotografiert Frauen und Männer, die in Cafés, in Kneipen, in Museen und auf Parkbänken sitzen, die lachen, lesen, trinken, streiten, träumen und die dann später, zusammengesetzt aus vielen Farben, auf einer seiner Leinwänden landen. Der 54-Jährige drückt auf den Auslöser, ohne sie anzusehen, dann wählt er Ausschnitte aus, malt sie ab. Es sind zufällige Momente aus dem Leben Fremder in Straßen von Großstädten wie Paris und München, die Labrunerie festhält und die noch bis Dienstag, 1. Oktober, im Kubiz in Unterhaching zu sehen sind. Der Maler fängt Szenen der Gesellschaft ein. Doch er selbst, sagt er, sei kein Teil davon.

Labrunerie wuchs in Paris auf, dann führte ihn als junger Mann die Liebe nach Deutschland, wo er nun seit fast 30 Jahren lebt, die meiste Zeit davon in München. Labrunerie arbeitete als freiberuflicher Cutter für das Fernsehen, in Zeiten, in denen sich in der Filmbranche, wie er selbst sagt, noch viel Geld verdienen ließ, manchmal bis zu 10 000 Euro im Monat. Oft habe er Nächte lang durchgeschnitten, sei eine "Diva" gewesen und habe künstlerisch, manchmal avantgardistisch gearbeitet.

Die Bilder zeigen Ausschnitte aus dem Leben, das der Künstler auf der Straße und in Kneipen beobachtet.

(Foto: Claus Schunk)

Doch als Anfang der Nullerjahre die Kirch-Gruppe, damals einer der größten deutschen Medienkonzerne, pleite ging, bekam auch Labrunerie immer weniger Aufträge, für immer weniger Geld, die er aber in einer immer kürzeren Zeit erledigen sollte. "Arbeit wie am Fließband", sagt Labrunerie, auf einem Tisch in seiner Ausstellung sitzend, um ihn herum seine Malereien, von denen viele aussehen, als hätte bloß jemand in einem Film die Stopp-Taste gedrückt: die Frau, die den Mittelfinger hebt, der Straßenkünstler, der seine Nase schminkt, der Kellner, der in einem Café eine Flasche vom Tisch abräumt - flüchtige Szenen, die in der nächsten Sekunde schon vorübergezogen und unbemerkt geblieben wären, hätte sie Labrunerie nicht mit seiner Kamera eingefroren.

Als Labrunerie schließlich die Hoffnung aufgab, dass sich die Zeiten im Filmgeschäft noch einmal bessern könnten, fing er an, Taxi zu fahren. Doch es sei keine Nacht vergangen, in der ihn nicht Fahrgäste beleidigten, beschimpften, schlugen oder sich betrunken in seinem Auto übergaben. Zuvor hatte sich Labrunerie von seiner Frau, der Mutter von drei seiner vier Kinder, getrennt und geriet in eine große Krise. Aus der hat ihn die Kunst gerettet, wie er sagt. Schon früher habe er Porträts seiner Kinder angefertigt. "Doch plötzlich hatte ich die Vision, dass ich Maler sein will", sagt Labrunerie. Also begann er jeden Tag in seinem Wohnzimmer von früh bis spät nichts anderes zu tun als zu malen.

Der Künstler selbst ist nicht Teil der Szenen, die er malt.

(Foto: Claus Schunk)

Seit 2016 seien so 100 Bilder entstanden, erzählt er. Seinen Stil bezeichnet Labrunerie als "Imprealismus" - eine Mischung aus Impressionismus und Realismus. Weil er einerseits wie die französischen Maler Mitte des 19. Jahrhunderts viele Flecken und Tupfen zu einem Bild zusammensetzt. Und weil er das andererseits auf eine realistischere Art und Weise als diese tut. Seine Bilder zeigen nicht nur Stimmungen und Atmosphären, sondern auch Details: Fotos, die in Kneipen an den Wänden hängen, Flaschen, die in den Bars stehen, Muster und Falten auf den Kleidern der Menschen. Gleichzeitig erhebt Labrunerie keinen Anspruch auf Perfektion - manche Linien sind nicht ganz gerade, manche Proportion nicht ganz korrekt.

Labrunerie besuchte nie eine Akademie oder auch nur einen Malkurs, er hatte keinen Lehrer oder Mentor, sondern brachte sich alles selbst bei, indem er Museen besuchte, Bücher las und vor allem, indem er malte. Der 54-Jährige verwendet ausschließlich Ölfarben, die er nicht mit Wasser mischt, und so dick aufträgt, dass sie zum Trocknen Wochen brauchen. Leisten kann er sich diesen aufwendigen Malstil nur, weil eine Freundin, die an ihn glaubt, seine Farben bezahlt. Labrunerie ist arbeitslos, geht zur Tafel, einen Abend mit Kneipen- oder Restaurantbesuch, wie ihn die Leute erleben, die er malt, könne er sich gar nicht leisten. "Ich lebe abseits der Gesellschaft", sagt Labrunerie. Oft fühle er sich einsam, weil er nicht teilhaben könne. Der Lärm der Großstadt bedeute für ihn Stress. Am liebsten würde er in einem großen Atelier mit viel Licht auf dem Land leben. Gleichzeitig könne er sich nichts Langweiligeres vorstellen, als Landschaften zu malen. Die Momente, die er festhalte, seien einmalig, flüchtig - der Berg, das Meer, die Wiese, der Wald seien für jeden beliebig oft reproduzierbar.

"Imprealismus" nennt Jérôme Geo Labrunerie den Stil seiner Bilder, die derzeit im Kubiz in Unterhaching ausgestellt sind.

(Foto: Claus Schunk)

Labrunerie sagt, er hoffe und kämpfe dafür, eines Tages von seiner Kunst zu leben. Tatsächlich sind all seine Bilder - neben den Straßenszenen, gibt es noch Porträtmalereien berühmter Menschen wie Marlon Brando - hübsch anzuschauen. Jedes einzelne könnte man sich ins Wohnzimmer hängen, und kein Gast wäre jemals erschüttert. Ihm gefalle nur, was ästhetisch sei, sagt Labrunerie. Mit der modernen Malerei, wie sie in vielen Museen gefeiert werde, könne er nichts anfangen. Und so bleibt seine Kunst frei von Abgründigem, frei von Momenten, die ins Hässliche zu kippen drohen und Spannung erzeugen. Es sind Bilder, die leicht gefallen, und man spürt, dass Labrunerie sie gern hat. Wenn er durch seine Ausstellung geht, bleibt er vor ihnen stehen, fährt mit der Handfläche über die Leinwände. Dann sieht es aus, als würde er sie streicheln.

Die Ausstellung "Tranches de vie"/Lebensmomente von Jérôme Geo Labrunerie ist noch bis Dienstag, 1. Oktober, im Kubiz an der Jahnstraße 1 in Unterhaching zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag von 9 bis 22 Uhr sowie Samstag von 9 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.