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Unterföhring:"Tiefe Aversion gegen das Vernünftige"

Ursula Münch in der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, 2019

Mahnende Stimme: Ursula Münch.

(Foto: Georgine Treybal)

Die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch spricht beim CSU-Empfang über Vor- und Nachteile der Digitalisierung

Sie gehört zu den renommiertesten Politikwissenschaftlerinnen: Ursula Münch, 58, seit 1999 Professorin an der Universität der Bundeswehr München in Neubiberg und seit 2011 Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Beim Neujahrsempfang der Unterföhringer CSU am Donnerstagabend im Foyer des Bürgerhauses spricht sie vor gut hundert Gästen über ein Thema, das derzeit viele umtreibt. Es geht um die Demokratieerziehung und die Wertevermittlung im Zeitalter der Digitalisierung. Was sich liest wie ein Ratgeber für geplagte Eltern, deren Kinder den lieben langen Tag am Smartphone hängen, ist viel mehr - die Digitalisierung wirkt sich auf alle und alles aus: auf jeden Menschen, auf die Gesellschaft, auf politische Parteien, auf die Institutionen des Staates und letztlich auf die freiheitliche Demokratie.

Münch wählt bei ihrem Vortrag deutliche Worte. Die rechtsstaatliche Demokratie gerate durch Populisten immer mehr unter Druck. Dass die Zahl derer steige, die Nachrichten nicht mehr über Qualitätsmedien bezögen, sondern sich diese auf Online-Plattformen besorgten, ginge vielen Menschen die Orientierung verloren. Es gebe keine "Gatekeeper" mehr, also Journalisten, die Quellen prüfen, Aussagen gegenschneiden und "wie Leitplanken" fungierten. Durch das Internet und den freien Zugang zu Informationen habe man viele Freiheiten dazugewonnen, sagt Münch, dies öffne jedoch auch die Tür zu Manipulation. Sie erinnerte an Häme und Beleidigungen, die offen zur Schau getragene Institutionsfeindlichkeit und die enorme Abwertung von Menschen und Einrichtungen. Als Beispiele nannte die Wissenschaftlerin US-Präsident Donald Trump, der kurz nach seinem Wahlsieg Washington als Kloake bezeichnet habe, und Umgang des britischen Premiers Boris Johnson mit dem Parlament. Wenn sich schon die politischen Eliten derartig verächtlich äußern würden, dann habe das Folgen für einen Teil der Bürger.

Diese hätten ohnehin teilweise zu hohe Erwartungen an die Politik. Würden diese nicht erfüllt, weil die Forderungen gar nicht umgesetzt werden könnten, gehe Vertrauen verloren und es kämen Erosionsprozesse in Gang. Den Parteien liefen die Mitglieder davon und sie büßten an Relevanz ein. In diese Lücken stoßen populistische Kräfte, wie Münch berichtet. Und diese schürten den Vertrauensverlust in die Politik, in das politische System und in die Demokratie immer weiter - Stichwort: Verbreitung von Falschmeldungen bis hin zur Desinformation. Es sei eine große Herausforderung für alle, darauf zu reagieren, zum Beispiel mit Umsicht und Zivilcourage. Was in einer freiheitlichen Demokratie gelingen könne, während die Menschen in autoritären Systemen diesen Entwicklungen ausgeliefert seien.

"Warum lassen wir das zu?", fragt die Professorin und gibt sich gleich die Antworten: Der Prozess habe viel mit der menschlichen Natur zu tun, mit der "Lust am Spektakel", wie Münch es nennt. Dazu kämen die "Sucht nach sozialer Bestätigung" und eine "tiefe Aversion gegen das Vernünftige".

Selbstverständlich habe das Digitale Vorzüge, könne Positives bewirken. Münch ist überzeugt davon, dass es "Fridays for Future" sonst nicht geben würde. Und dann ist da noch der Zugriff auf Wissen. Habe man sich früher im Studium mühsam Bücher ausleihen und Geduld aufbringen müssen, wenn sie vergriffen waren, "so ärgere ich mich heute, wenn das E-Book nicht innerhalb von zwei Minuten geladen ist".

© SZ vom 25.01.2020
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