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Unterföhring:Leiser Abschied

Georg Ziethe

Für Georg Ziethe ist "Kirchenmusik ein gleichberechtigter Teil der Verkündigung".

(Foto: Nicolas Lagassé, oh)

28 Jahre lang hat Georg Ziethe als Dekanatskantor die evangelische Kirchenmusik im Münchner Osten geprägt. Jetzt geht der Unterföhringer in den Ruhestand - ganz ohne Konzert und Worte der Würdigung

Von Angela Boschert, Unterföhring

Den Applaus für die Aufführung des "Weihnachtsoratoriums" von Johann Sebastian Bach hat Georg Ziethe noch in den Ohren. Es war sein "schönstes" - und wegen Corona sein letztes - großes Konzert in mehr als 30 Jahren Tätigkeit als Kirchenmusiker. Im Dezember vergangenen Jahres hat es der Dekanatskantor München-Ost mit seinem Chor aufgeführt. Ein Jahr später, am 1. Januar 2021, tritt er nun in den vorzeitigen Ruhestand, gesundheitshalber.

Ziethe, der 1993 aus Hamburg-Bramfeld als Kantor an die Bogenhausener Dreieinigkeitskirche, dem Sitz des Prodekanats München-Ost, kam, war sofort auch für die kirchenmusikalischen Angelegenheiten der evangelischen Kirchen in Kirchheim, Zorneding, Feldkirchen, Ismaning, Haar, Baldham sowie weiteren vier Münchner Kirchengemeinden verantwortlich. Und er packte es an. Nicht nur dort bei Kantorenprüfungen und Stellenbesetzungen, nein, auch in seiner Dienstkirche.

Der Niedersachse, der in Unterföhring wohnt, baute die Chor- und Kirchenmusik an der Dreieinigkeitskirche auf, er schob an, er initiierte, er drängelte auch manches Mal. Immer, weil für ihn "Kirchenmusik ein gleichberechtigter Teil der Verkündigung ist". Landeskirchenmusikdirektor Ulrich Knörr bescheinigt Ziethe, in den 28 Jahren als Dekanatskantor eine "herausragende kirchenmusikalische Arbeit aufgebaut" und "die Dreieinigkeits-Kirche zu einem kirchenmusikalischen Anziehungspunkt" gemacht zu haben.

Dass Ziethe mit 62 Jahren in den Ruhestand geht, ist den Folgen eines Herzinfarkts geschuldet. Er verabschiedet sich mit einem "ambivalenten Gefühlshaushalt", wie er es selbst ausdrückt. "Einerseits bin ich traurig, dass ich aufhören muss und die lebendige Kirchenmusik zurücklasse, andererseits bin ich froh, weil ich loslassen und mehr auf mich achten kann", sagte er mit fester Stimme. Sie klingt nach wie vor zupackend, nach vorne gerichtet, nüchtern-realistisch. Spürbar emotional wird sie erst, wenn man ihn auf Ensemblearbeit, auf Chor- und Orchesterkonzerte anspricht. Vielen Menschen hat Ziethe Chormusik schmackhaft gemacht, hat auch Besonderheiten zur Aufführung gebracht, etwa "L'Enfance du Christ" von Hector Berlioz, dessen Keimzelle, der Hirtenchor, aus einer Laune heraus entstand und trotz der neutestamentarischen Handlung in einem Konzertsaal, nicht aber in einer Kirche aufgeführt gehört. Ebenso nennt Ziethe die schelmenhafte "Petite messe solennelle" des Opernkomponisten Gioacchino Rossini sowie viele Orgelkonzerte "musikalische Höhepunkte, für die ich dankbar bin". Im Gespräch betont er mehrmals, der Kirchenvorstand habe ihn immer unterstützt und ohne den Förderverein wäre vieles nicht möglich gewesen.

Die von Ziethe gleich zu Amtsantritt gegründeten Bogenhausener Kirchenmusiktage bieten zwischen Volkstrauertag und viertem Advent vielfältige Konzerte und sind zugleich - aber nicht nur - eine Plattform für die von ihm ins Leben gerufenen Chöre und Orchester, die Capella und die Camerata Trinitatis, auch das Vokalensemble A capella Trinitatis und der Kinderchor Cantores minores Trinitatis. Heuer trug die Konzertreihe den fast biografischen Titel "Verkündigung - Abstand - Abschied". Damit zeigt Ziethe erneut, dass Kirchenmusik für ihn immer Verkündigung ist, unabhängig davon, ob es sich um Gottesdienst-Stücke oder um Orchesterwerke handelt.

Die Ära Ziethe wird nach 28 Jahren im Münchner Osten leiser zu Ende gehen als geplant, trotz ihrer Intensität. Das Vorhaben, sich am vierten Advent mit der "h-Moll-Messe", dem Gipfelwerk von Bachs Chorkompositionen, in den vorzeitigen Ruhestand zu verabschieden, wurde schon früh gestrichen, der Plan B einer musikalischen Andacht mit Videoinstallation und Instrumentalmusik fiel ebenfalls dem Coronavirus zum Opfer. Das ist nicht nur schade, es verhindert eine angemessene Würdigung seiner Verdienste, für die ihm der Landeskirchenrat im Jahr 2007 den Ehrentitel "Kirchenmusikdirektor" verliehen hat. Ziethes Wunsch für die Zukunft ist, gemeinsam mit seiner Frau in einem zu gründenden achtköpfigen Vokalensemble zu singen, um der Kirchenmusik treu zu bleiben. Möge es gelingen.

© SZ vom 30.12.2020
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