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Unterföhring:Goldene Unterhosen

leben eduard de zweiten von england, neues globetheater

König Eduard (Laurenz Wiegand) lebte eine Liebe, die nicht sein durfte, und trieb damit seine Frau Anna (Magdalena Thalmann) zur Verzweiflung.

(Foto: Philipp Plum/oh)

"Leben Eduards des Zweiten von England": Das Neue Globe Theater zeigt eine große Männerliebe. Modern und minimalistisch, aber mit Längen

Am Ende, als alles verloren ist, die Liebe, der Krieg, die Macht, landet Eduard II., König von England, gefoltert, gedemütigt und geschlagen in einer Kloake. Doch hier zwischen den Fäkalien seiner Untertanen gelangt er zu Größe: Weil er nicht auf die Krone verzichtet und sich weigert für etwas, um Gnade zu bitten, wo er keine Schuld sieht: in der Beziehung zu Gaveston, seinem französischen Liebhaber, dem Sohn eines Schlachters. Am Ende bleibt Eduard die Würde, aber er verliert sein Leben.

Berthold Brecht schrieb das Stück "Leben Eduards des Zweiten von England" 1924, es war seine erste Regiearbeit an den Münchner Kammerspielen, der erste Versuch für ein episches Theater, das den Zuschauer zum Mitdenken statt Mitfühlen anregen sollte. Am Sonntagabend konnte das Publikum im Unterföhringer Bürgerhaus erleben, was das Neue Globe Theater aus Potsdam mit diesem Stoff machte: eine moderne Inszenierung mit E-Gitarre, Popmusik, Mikrofonen, einem König in goldener Unterhose, einen Theaterabend, bei dem man ganz im Sinne Brechts nachdenken und sich die Frage stellen muss: Wie weit ist unsere Gesellschaft heute - in der er es homosexuelle Minister, aber angeblich praktisch keine schwulen Fußballer gibt?

Die tragische Liebe zwischen Eduard II., der im frühen 14. Jahrhundert England regierte, und dem Franzosen Gaveston ist historisch belegt, ebenso wie die Kriege und die politischen Intrigen, in die er verwickelt war. Christopher Marlow verfasste darüber mehr als 200 Jahre später ein Drama. Brecht bearbeitete es gemeinsam mit Lion Feuchtwanger so stark, dass sie es quasi neu schrieben. Bis heute bringen es Theater allerdings eher selten auf die Bühne. Einer der Gründer des Neuen Globe Theaters, Regisseur Kai Frederic Schrickel, wagte sich trotzdem daran. Weil er, so erwähnte er es in einer Einführung, das Thema bis heute für relevant hält: Obwohl es seit der Antike große Männerlieben gibt, etwa zwischen Alexander dem Großen und Hephästion, sind sie noch immer nicht überall akzeptiert. Bis heute, schreibt das Theater in seinem Programmheft, gebe es trotz der "Westerwelles und Spahns in der Politik" homophobe Angriffe; "schwul" werde in der Generation der unter 25-Jährigen als Schimpfwort benutzt.

In die heutige Zeit versetzt das Potsdamer Ensemble das Werk durch moderne Theater-Elemente - etwa einem minimalistischen Bühnenbild. Ein rechteckiger Holzkasten fungiert je nach Bedarf als Bett oder als Kloake. Drumherum stehen vier Mikrofone. Krieg lassen die Darsteller dort durch Geräusche entstehen. Ein Erzähler spielt zwischen den Szenen auf seiner E-Gitarre, manchmal klingt es so wie Musiker, die kurz vor Konzertbeginn beim Soundcheck noch ein wenig herumdudeln. Auch die Kostüme sind modern. Wie gut es dem König geht, lässt sich zum Beispiel an der Wahl seiner Unterhose erkennen: Wenn er seinen Geliebten vermisst, trägt er Modell Altenheim. Dazwischen, wenn die Liebe zwischen den beiden ihren Höhepunkt hat, tragen beide Gold. Doch neben solcher Spielereien hätte man sich eine stärkere Bearbeitung des Stoffes gewünscht. Weil es heute nicht mehr um Kriege und Intrigen in einem Königshaus geht, sondern etwa um Akzeptanz in der Familie, im Freundkreis, in der Schule oder im Berufsleben, entstanden an der ein oder anderen Stelle an diesem fast drei Stunden dauernden Abend gewisse Längen. Wohl beabsichtigt, aber schade: Der Hauptfigur König Eduard, gespielt von Laurenz Wiegand, kam man nicht wirklich nahe. Zu oft zieht er das Tragische ins Lächerliche, ohne lustig zu sein. Die Relevanz des Themas lässt sich jedoch nicht bestreiten: Regisseur Schrickel sagte gegenüber den Potsdamer Neuesten Nachrichten, dass es für sein Theater dieses Jahr besonders schwierig gewesen sei, das Stück zu verkaufen, weil Homosexualität im Zentrum stand. Und weil auf den Plakaten zwei Männer zu sehen waren - in goldenen Unterhosen.