Taufkirchen Die Mischung macht's

Lichter, heller, bunter: Förster Olaf Rahm erklärt bei einer Waldbegehung nahe Taufkirchen, was der Waldumbau bewirkt.

(Foto: Claus Schunk)

Vor 25 Jahren zeigte der Orkan Wiebke, wie verwundbar Monokulturen sind. Bei einer Begehung nahe Taufkirchen wird deutlich, dass beim Waldumbau die Meinungen immer noch auseinander gehen

Von Christina Hertel, Taufkirchen

Faschingsdienstag vor 25 Jahren: Der Orkan Wiebke fegt über Deutschland hinweg, bis zu 200 Kilometer in der Stunde schnell. Bäume knicken ein wie Streichhölzer. Es ist ein bitteres Jahr für die Forstwirtschaft, ein Jahr das in Erinnerung bleibt. Ein Jahr, das im Nachhinein aber vieles verbessert hat.

Zwischen Sauerlach und Taufkirchen liegt ein Waldstück, das Brigitte Koch gehört. Sie ist eine blonde, schlanke Frau, trägt einen Trachtenjanker. 110 Hektar ist ihr Wald groß und seit 1909 in Familienbesitz. Nichts traf ihren Wald bislang so schwer wie Wiebke. Der Sturm mähte 15 000 Festmeter um. Das ist Holzfäller-Jargon für einen Kubikmeter Holzmasse, ohne Zwischenraum. Damals kümmerte sich Kochs Vater um den Wald. Der Sturm brachte ihn dazu, die Art und Weise, wie sein Wald aufgestellt war, zu überdenken.

Traditionellerweise stehen die deutschen Wälder voller Fichten. Ihnen macht Kälte wenig aus und sie haben wenige Äste, optimal für eine wirtschaftliche Verwertung. Und das ist schließlich das, was die Waldbesitzer wollen, Bäume zu Holz und Holz zu Geld machen. Aber bei der Fichte gibt es einen Haken. Sie ist nicht tief im Boden verwurzelt, bei einem Sturm fällt sie schnell um. Die Waldbesitzer mussten deshalb umdenken: Mischwald heißt die neue Devise. Aber neu ist im Wald relativ. Schon vor 25 Jahren, gleich nach Wiebke, begann Kochs Vater auf Laubbäume zu setzen und pflanzte Ahorne, Buchen und Eschen. Der Sinn: Ein Mix aus Laub- und Nadelbäumen soll den Wald stabiler machen.

Das Resultat sieht man erst jetzt so richtig. Der Wald ist heller, facettenreicher. Weil das Dach des Waldes nicht mehr so dicht ist, können Regen, Schnee und Licht besser durch das Kronendach fallen. Und das brauchen Kräuter, Sträucher und andere Bäume, um wachsen zu können.

Gut für die Natur, schön für die Spaziergänger, schlecht für Brigitte Kochs Geldbeutel. Laubbäume sind teuer. Die jungen Bäume muss man einzäunen, damit Rehe sie nicht kaputt machen. Das kostet Zeit. Und Zeit ist Geld. Außerdem kann Koch Fichten teurer verkaufen. Sie steht trotzdem hinter ihrem Mischwald, sagt sie.

Koch ist nicht die einzige Waldbesitzerin, deren Wald heute anders als vor 30 Jahren aussieht. "Fast alle bauen ihren Wald um", sagt Förster Olaf Rahm, der für das Forstgebiet Sauerlach zuständig ist. Mischwälder machen heute einen Anteil von 39 Prozent im Freistaat aus. Das hat die Bundeswaldinventur für Bayern ergeben. So ein Umbau wird auch staatlich gefördert, mit etwa einem Euro pro Pflanze.

Manchen Umweltschützern geht der Waldumbau nicht schnell und nicht weit genug. Beatrix Brückmann zum Beispiel. Sie sitzt im Gemeinderat Taufkirchen und engagiert sich für den Bund Naturschutz. Brückmann hätte gerne, dass zehn Prozent des Waldes in Deutschland "der Natur zurückgegeben werden". Im Klartext: Es sollen keine Bäume mehr gefällt werden. Sie vertritt damit die Linie des Bund Naturschutzes "Nur so kann der Artenrückgang im Wald gestoppt werden", sagt Brückmann. "Wenn immer wieder Bäume aus dem Wald herausgerissen werden, können sich die Ökosysteme und die Natur nicht erholen." Tatsächlich sind ein Drittel der deutschen Tier-, Pilz- und Pflanzenarten gefährdet. Das geht aus dem Artenschutz-Report des Bundesamtes für Naturschutz hervor. Gründe gebe es dafür viele, aber unter anderem sei die Forstwirtschaft Schuld, sagen die Naturschützer.

"Für uns Waldbauern sind solche Forderungen wie eine Watschn", sagt Johann Killer, der Vorstand der Waldbesitzervereinigung Wolfratshausen. "Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Garten. Jahrelang. Und auf einmal kommt jemand, der ihnen sagt, wie Sie ihn bewirtschaften sollen. Würden Sie das wollen?" Etwas anderes als ein normaler Garten sind die Wälder schon: Immerhin ein Drittel Bayerns ist mit Wald bedeckt und fast die Hälfte befindet sich in Privatbesitz.

Killer ist ein stämmiger Typ, in einer abgewetzten Lederhose, Bayernwappen auf den Hosenträgern. Er kommt aus einer Land- und Forstwirtschaftsdynastie. Mindestens auf das Jahr 1517 gehe sie zurück. "In dieser ganzen Zeit haben wir bewiesen, dass wir verantwortungsvoll mit dem Wald umgehen." Er stehe ja noch so da. Brigitte Koch nennt die Forderung "von diesen grünen Politikern" ein "Schreckgespenst". Aber auch Förster Olaf Rahm will nicht weitere Teile des Waldes stilllegen. Schließlich gebe es Wälder, die unter Naturschutz stehen. "Wir brauchen einfach das Holz." Wenn es nicht aus Bayern käme, würde es woanders herkommen.