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SZ-Serie: Sound des Sommers:Leise klicken die Boule-Kugeln

Seit 15 Jahren veranstaltet der Neubiberger Partnerschaftsverein ein Pétanque-Turnier im Abloner Garten. Wer sich dabei auf die Geräusche konzentriert merkt schnell, dass die Stimmen der Spieler alles andere übertönen

Ein dumpfes, leises Rumpeln, dann ein helles Klicken und ein ganz leises Plopp, gefolgt von einem enttäuschten "Ohh!" und einem jubelnden "Ahh!". Eine glänzende Boule-Kugel hat eine matte weggeklickt und sich neben die kleine Zielkugel aus Holz gelegt. Sieg! Während das Team mit den matten Kugeln seine Niederlage sieht, freuen sich die Spieler der glänzenden Kugeln und erhalten Beifall für diesen guten Wurf.

Das Pétanque-Spiel selbst macht kaum Geräusche. Was man hier im Abloner Garten in Neubiberg vernimmt sind viel mehr die Kommentare der Spieler und der Zuschauer als die spieleigenen Geräusche. Dennoch wird das Kullern der Kugeln auf den unebenen Wegen von den Spielern aufmerksam verfolgt, nicht nur optisch. "Hier geht es mehr um Geschicklichkeit und Boden-Lesen als beim Golf", erklärt ein Spieler angesichts der Parkwege. "Boule ist ein Geh-Spiel. Mal geht's, mal geht's nicht", sagt Christian Dieckmann schmunzelnd.

Alljährlich findet das Boule-Turnier für jedermann statt, das der Partnerschaftsverein Neubiberg seit 2004 im Abloner Garten veranstaltet. Sein damaliger Vorsitzender Hermann Rumschöttel wollte nicht nur Treffen mit den Bürgern aus den Partnerstädten Ablon-sur-Seine (Frankreich) und Tschernogolowka (Russland) organisieren, sondern den Neubibergern auch die Lebensweise, die kulturellen Eigenheiten und Bräuche der Partnerländer nahebringen. Gabriele Fichtmüller, die Französisch-Dozentin an der Volkshochschule war, schlug ein regelmäßiges Boule-Turnier am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, vor und organisierte es gleich selbst. Inzwischen unterstützt sie Maria Schindler dabei.

Während die Mannschaften ihre Spiele austragen, trägt Gabriele Fichtmüller die Ergebnisse ein.

(Foto: Claus Schunk)

Die Idee stieß auf großes Interesse. Schon am ersten Neubiberger Boule-Turnier 2004 nahmen zwölf Mannschaften mit je drei Spielern teil. Der Abloner Garten war geschmückt mit Trikolore-Fähnchen, die Biertische standen bereit, es gab Rotwein, Baguette und Käse und eine Akkordeonspielerin sorgte für Musette-Klänge. Bei der letzten Runde und der anschließenden Siegerehrung sah praktisch keiner mehr etwas. Es war schon zu dunkel geworden, da man an jenem Mittwoch aus Rücksicht auf die arbeitende Bevölkerung erst um 18 Uhr mit dem Spielen begonnen hatte.

40 bis 65 Dezibel

So laut ist das Klicken und Klackern der Kugeln beim Pétanque, das bei uns Boule oder Boccia heißt. Der höhere Wert wird allerdings nur erreicht wird, wenn zwei Kugeln aufeinander treffen. Bei dem Spiel geht es darum, mit größeren Kugeln möglichst nahe an die kleine hölzerne Zielkugel, Cochonnet genannt (deutsch Schweinchen) heran zu kommen. Das Cochonnet wird von einem Spieler sechs bis zehn Meter weit vorgelegt, dann werden die etwa 700 Gramm schweren Metallkugeln so geworfen, dass sie möglichst direkt daran liegen bleiben. Kugeln von anderen Mannschaften dürfen dabei weggeschossen werden. Wer zuerst 13 Punkte hat, gewinnt die Partie.

Das Pétanque gehört zum Bild von Frankreich wie das Baguette. 1907 wurde in La Ciotat an der französischen Mittelmeerküste das erste Pétanque-Spiel der Geschichte ausgetragen. Bis dahin war "A la longue" (auf die Länge) bekannt. Dabei wurden die Kugeln mit drei Schritten Anlauf gespielt. Ein damals sehr beliebter Spieler, Jules Le Noir, konnte wegen Rheumabeschwerden diese drei Schritte nicht mehr ausführen. Sein Freund Ernest Pitiot warf die Kugel einfach aus dem Stand - mit geschlossenen Füssen oder "ped tanco" auf provenzalisch. Das Pétanque war geboren. Französische Soldaten brachten es nach dem Krieg mit nach Deutschland. 1963 gründete sich der erste deutsche Verein: Der Boule-Club-Pètanque Bad Godesberg. Er richtete 1977 die erste Deutsche Meisterschaft aus. Aktuell versuchen der Deutsche Pétanque-Verband und andere internationale Verbände, Boule 2024 zur olympischen Sportart zu machen. abo

Inzwischen beginnt das Turnier früher und es haben sich Änderungen eingeschlichen: "Bayerische Kehlen brauchen bei Hitze und Anstrengung Bier, notfalls Wasser, aber keinen Rotwein. Sie brauchen auch kein Baguette mit Käse, sondern maximal ein paar Salzbrezelchen", sagt Fichtmüller. Nach wie vor kommen die Spieler aus Neubiberg und Umgebung, darunter einige Frankophile. Sogar ein Abloner spielte einmal mit. Es war ein Jugendlicher, der in Neubiberg gearbeitet hat.

Damals wie heute geht es um den Sieg des Wanderpokals, den Hermann Rumschöttel gestiftet hat: ein metallener Boulespieler auf einer Marmorplatte, auf der die Namen der Siegermannschaften stehen. Wer dreimal siegt, darf den Pokal behalten. Das ist Christian Dieckmann bereits zwei Mal gelungen.

Dieckmann will erneut gewinnen und lässt seinen Blick von der Zielkugel, dem "Schweinchen", zum Abwurfpunkt schweifen, auf der Suche nach Unebenheiten auf dem Weg. "Langsam, langsam", ruft er seiner Partnerin Elisabeth Trum zu. Diese dreht den Handrücken nach oben, nimmt den rechten Arm nach hinten, geht in die Knie und wirft ihre glänzende Kugel mit einem kleinen Bogen in Richtung Schweinchen. Die Kugel ploppt dumpf auf den Boden auf und rollt in Richtung Schweinchen. "Gib alles, schieb noch ein bisschen an", ruft Dieckmann, denn dieser Wurf war etwas zu kurz. Trum, die schon seit mehr als 40 Jahren im Frankreichurlaub und inzwischen auch in Vaterstetten Boule spielt, wirft erneut. Und trifft fast das Schweinchen. Es geht hin und her, schließlich muss mit dem Zentimetermaß ermittelt werden, wessen Kugel näher am Schweinchen liegt und wer den Punkt erhält.

Der Sieg ist nicht das einzige Ziel. Eifrig werden Neuigkeiten ausgetauscht oder Spielweisheiten weiter gegeben. Dass eben eine Kugel voll das Schweinchen getroffen hat und dieses in hohem Bogen vom Weg ins Gebüsch flog, ist in aller Munde. Interessant ist auch Rolf Glagaus Bericht. Der Mann aus Waldperlach ist zum ersten Mal dabei und erzählt, dass er Lawn-Bowl am Timmendorfer Strand gespielt habe und auf der Suche nach etwas Ähnlichem auf Boule gekommen sei. Lawn-Bowl komme aus Australien und Neuseeland und werde mit einer eher eiförmigen Kunststoffkugel gespielt, die immer eine Kurve laufe. Selbst Sir Francis Drake habe Lawn-Bowl mit Freude gespielt.

Inzwischen kommen auch andere Partien zum Ende. Sei es die von drei Anwohnern, die dieses Jahr zum ersten Mal zum Boule-Turnier gekommen sind, gegen eine Familie. Oder die anderer Teams, die es Dieckmann nachmachen wollen. Doch vergeblich. Auch dieses Jahr gewinnt Dieckmann mit seiner Partnerin. Beide nehmen lachend den Siegerpokal entgegen und Trum sagt: "Hier in Neubiberg spiele ich am allerliebsten, hier ist es ein Spiel und kein verkrampfter Kampf." So soll es sein beim an sich leisen Spiel Boule, dessen Geräusche im Park leicht von Gesprächen oder Vogelgezwitscher übertönt werden.