SZ-Serie: Kaum zu glauben, Folge 12 und Ende:Wie eine rettende Oase

Moslem beim Gebet in München, 2017

Beten spielt für Muslime im Alltag eine wichtige Rolle.

(Foto: Catherina Hess)

Im Gegensatz zu vielen jungen Christen stehen junge Muslime wie Mustafa, Naba, Ismail und Masite zu ihrem Glauben. Die vier Studierenden praktizieren ihn auch und schöpfen Kraft gerade aus den Hindernissen, auf die der Islam im Westen stößt.

Von Anna Maria Salmen, Garching

Die ersten Tage und Wochen an der Universität sind für viele Studienanfänger chaotisch. Man kennt keinen der neuen Kommilitonen, die Organisation ist mitunter kompliziert und alles läuft anders ab als noch vor Kurzem in der Schule. So mancher ist zunächst überfordert von dieser Flut neuer Erlebnisse. Unterstützung bekommen die Neuen daher häufig von den Älteren, die hilfreiche Tipps geben, von ihren persönlichen Erfahrungen berichten oder Veranstaltungen organisieren. Orientierungsangebote findet man auch bei religiösen Studentengruppen wie der evangelischen oder katholischen Hochschulgemeinde - oder bei den muslimischen Ditib-Students.

Gemeinsam mit rund 20 weiteren Mitgliedern wollen Mustafa Yilmaz, Naba Usama, Ismail Kuzu und Masite Yilmaz Studienanfängern helfen, sich im Uni-Alltag zurechtzufinden und gleichzeitig den interreligiösen Dialog fördern. Die jungen Muslime leben oder studieren im Landkreis oder in der Stadt München. Alle sind von Geburt an gläubig, erzählen sie, in der Familie wurden sie so erzogen. Während viele Christen im Jugendalter an ihrer Religion zweifeln, den Glauben zunehmend "uncool" finden, berichten die Muslime von anderen Erfahrungen: "Mit dem Älterwerden hinterfragt man Sachen und festigt den Glauben, man entdeckt ihn für sich", sagt Ismail Kuzu, Maschinenbaustudent an der TU in Garching. "Der Glaube wird Teil der Identität."

Im Alltag der Studierenden ist der Islam tief verankert, besonders das regelmäßige Gebet spielt eine große Rolle. Einfach ist das nicht immer, sagt Kuzu. "Viele Unis haben keine Gebetsräume. Aber die Älteren kennen oft ruhigere Orte." Auf dem Campus der TU in Garching gibt es einen Raum, der hauptsächlich von der evangelischen und katholischen Hochschulgemeinde genutzt wird. Er steht rund um die Uhr für Angehörige aller Glaubensrichtungen offen, auch die muslimischen Studierenden beten dort. Kuzu wünscht sich ähnliche Angebote auch für die Standorte der Universität in der Münchner Innenstadt. Weil dort solche Räume fehlen, habe er selbst auch schon in der Bibliothek gebetet, versteckt zwischen Bücherregalen.

Das Fasten bereitet weniger Probleme als man denkt

Welche Bedeutung ein Gebet im oft stressigen Alltag hat, erklärt Mustafa Yilmaz, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU in Garching. Der 29-Jährige vergleicht den Gläubigen mit einem Menschen, der in einer Wüste verdurstet. Beten sei wie die rettende Oase: "Man kann in der Hektik des Alltags mit Gott allein sein." Nicht nur Muslime spüren diese Wirkung, weiß Kuzu zu berichten. Der 25-Jährige erzählt von einem griechischen Kommilitonen, der ihm beim Beten zuschauen wollte. "Er hat dann die nächsten Tage mitgemacht und sich dabei auch entspannt."

Eine weitere Säule des Islam ist das Fasten während des Monats Ramadan. Der Verzicht auf Nahrung bereitet den muslimischen Studierenden weniger Probleme, als man zunächst denkt. Im Gegenteil: "Man verschwendet viel Zeit am Tag mit Essen", sagt Naba Usama, Studentin an der LMU. Die meisten Muslime seien im Ramadan eine bessere Version von sich selbst, davon ist die 26-Jährige überzeugt. "Ich konnte während der Fastenzeit viel besser lernen", bestätigt Kuzu. Dies ist nach Ansicht des Studenten nicht der einzige Vorteil der Tradition: Man sei zufriedener, bescheidener. "Wenn man den ganzen Tag nichts zu sich nehmen darf, weiß man danach ein Glas Wasser viel mehr zu schätzen." Es geht im Ramadan darum, sich an die Quintessenz des Lebens zu erinnern, sagt Usama. Aus diesem Grund sei auch das Fastenbrechen im Kreis der Familie oder bei großen öffentlichen Veranstaltungen zentral. Letztere stehen oft nicht nur Muslimen offen, auch Gäste sind eingeladen. "Das Miteinander ist das Schönste daran", findet Kuzu.

SZ-Serie: Kaum zu glauben, Folge 12 und Ende: Mustafa Yilmaz (vorne rechts), Naba Usama (hinten rechts), Ismail Kuzu und Masite Yilmaz (mit Kopftuch) studieren und leben in München und Garching mit Freunden.

Mustafa Yilmaz (vorne rechts), Naba Usama (hinten rechts), Ismail Kuzu und Masite Yilmaz (mit Kopftuch) studieren und leben in München und Garching mit Freunden.

(Foto: Salmen)

Diese Einstellung merkt man den jungen Muslimen im Gespräch an: Es ist ein entspannter Dialog, in dessen Verlauf viel gelacht und gescherzt wird. Ernster werden die Mienen, als das Thema Herausforderungen zur Sprache kommt. Wie jede Religion hat auch der Islam mit solchen zu kämpfen, es sind allerdings andere als etwa im Christentum. "Es ist für uns schwierig, gesellschaftliche Akzeptanz zu bekommen", schildert Mustafa Yilmaz. Die Vorurteile gegenüber Muslimen würden ihnen auch den privaten Alltag erschweren.

"Wir wollen einfach nur in Frieden leben."

Ein Grund dafür kann - wie so häufig bei Klischees - das Unwissen über die Religion sein. "Es geht bei Debatten über den Islam meistens nur um das Kopftuch", sagt Masite Yilmaz. Die 27-Jährige, die im Landkreis München lebt, wünscht sich tiefergehende Diskussionen. Denn über das, was den Glauben ausmacht, wissen längst nicht alle Bescheid, sagen die jungen Muslime. Vergessen wird beispielsweise häufig der Aspekt des lebenslangen Lernens, eine Pflicht für jeden Gläubigen. Wie Masite Yilmaz erläutert, geht es in ihrer Religion darum, an sich selbst zu arbeiten: "Man muss immer versuchen, besser zu werden und ein guter Mensch zu sein."

Dass der Islam wie das Christentum mit sinkenden Mitgliederzahlen zu kämpfen hätte, können die Studierenden nicht beobachten. "Vielleicht bleiben wir religiös, weil die vielen Hindernisse bestehen", sagt Kuzu. "Wir wissen, wir müssen aktiv etwas tun, um unsere schlechte Lage zu verbessern." Schließlich sehen die jungen Leute ihre Zukunft in Deutschland, so Mustafa Yilmaz. "Wir wollen gar nicht viel, einfach nur in Frieden leben." Masite Yilmaz plädiert dafür, niemanden zu verurteilen und Menschen mit anderem Glauben als Bereicherung zu verstehen. Denn letztendlich, so Usama, würden die Gemeinsamkeiten überwiegen: "Wir dürfen nicht immer nur nach den Unterschieden suchen."

Mit dieser Folge endet die Serie "Kaum zu glauben" - ein gemeinsames Projekt von drei jungen SZ-Mitarbeiterinnen: Julia Fietz, 22, Anna-Maria Salmen, 22, Pauline Deichelmann, 21.

© SZ vom 15.01.2020/hilb
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB