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Schule und Corona:Versuchslabor im eigenen Wohnzimmer

Die Schüler erhielten für ihre Experimente Anweisung per Video - oder sie fragten ihren Vater wie Alicia Becker.

(Foto: Gymnasium Ismaning)

Ismaninger Gymnasiasten dürfen Physikexperimente unter Anleitung von Lehrern zuhause starten. Das bietet ihnen Möglichkeiten, die sie im normalen Unterricht nicht haben

Von Annika Bingger, Ismaning

Wegen der Corona-Pandemie entfällt an den Schulen noch immer ein großer Teil des Präsenzunterrichts und die Schüler müssen sich den Stoff zuhause aneignen. Um sie dafür zu motivieren, hat man sich am Ismaninger Gymnasium für den Physikunterricht eine abwechslungsreiche Alternative zum trockenen Lernen überlegt. Die Lehrer gaben den Gymnasiasten einen Experimentierkasten mit nach Hause, sodass diese in virtueller Partnerarbeit und mithilfe einer Videoanleitung und Liveschaltung der Lehrkraft zuhause Versuche starten konnten.

"Die Theorie zum Thema haben die Schüler in den vergangenen zwei Jahren bereits im Physikunterricht gelernt. Mit dem Anleitungsvideo habe ich ihr Wissen also nur noch mal kurz in Erinnerung rufen müssen. Danach wussten die Schüler das Wichtigste wieder und konnten mit dem Experimentieren starten", sagt Physiklehrer Josef Wimmer. Ziel war es vor allem, eigenständige Entdeckungen zu machen, sodass nur wenig Vorkenntnisse der Schüler nötig waren. Das Experimentieren sei ein sehr wichtiger Teil des naturwissenschaftlichen Unterrichts. Normalerweise hätte die weiterführende Schule die Kästen auch im Präsenzunterricht eingesetzt. Doch während im normalen Schulalltag häufig die nötige Zeit fehle und die Schülerinnen und Schüler keine wirkliche Chance hätten, Versuche in einer Unterrichtsstunde sauber und ordentlich vorzunehmen, habe der Physiksaal im eigenen Wohnzimmer viele Vorteile. "Einige meiner Schüler haben das zuhause sehr gewissenhaft gemacht", sagt Wimmer. "Sie haben sich die Zeit wirklich genommen und das Experiment in Ruhe durchgeführt. So konnten die Schüler alles sorgfältig und vor allem vollständig bearbeiten. Das wäre im normalen Unterricht so gar nicht möglich gewesen."

Für die Gymnasiasten aber spielte vor allem die soziale Komponente eine Rolle. Die Schule konnte nicht für jeden Schüler ausreichend Versuchskästen zur Verfügung stellen, sodass jeweils ein weiterer Schüler dem Experimentierset zugeordnet wurde. Über die Internet-Plattform "Teams" tauschten sich die Schüler dann per Videotelefonie aus und erstellten das Versuchsprotokoll gemeinsam. "Im Heimunterricht kann man schon einmal vergessen, wie es ist, mit anderen zu kommunizieren. Es tut einfach gut, wieder mit Mitschülern Kontakt zu haben, von der Theorie weg zu kommen und wieder ein bisschen Normalität zu haben", sagt eine Schülerin. Bei technischen Problemen oder inhaltlichen Fragen stand Josef Wimmer wiederum während der Heimunterrichtswoche per Videochat für die Jugendlichen zur Verfügung.

"Es hat auf jeden Fall etwas Reizvolles, in den eigenen Wänden zu experimentieren, sogar Elternteile haben Spaß daran gefunden", so Wimmer. Weil aber für das nächste Schuljahr wieder regulärer Unterricht zu erwarten sei, stellte der Heimunterricht vermutlich eine einmalige Chance für die Schülerinnen und Schüler dar. In Zukunft werde der Baukasten in der normalen Physikstunde des Gymnasiums sicherlich weiterhin Platz finden, heißt es.

© SZ vom 22.07.2020

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