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Sauerlach:Mobilfunk-Kritiker warnen vor Langzeitfolgen

Mobilfunkgeneration 5G

Wo Mobilfunkmasten errichtet werden sollen, wächst Widerstand.

(Foto: Hans Punz/dpa)

"Verkrüppelt, verkrebst, verstorben": Besucher einer mäßig besuchten Informationsveranstaltung in Sauerlach malen in drastischen Worten Gefahren an die Wand. Die Gegner des 5-G-Standards und eines Masten in Kleineichenhausen wollen noch mehr Bürger mobilisieren

Von Patrik Stäbler, Sauerlach

Weit über drei Stunden ist in der Mehrzweckhalle informiert und diskutiert worden, bis nun sogar der Wissensdurst und der Mitteilungsdrang einer bis unter die Nase vermummten Frau aus Altkirchen gestillt sind. Sie hat bis hierhin mehr als ein Dutzend Statements zum Thema elektromagnetische Strahlung abgegeben und obendrein berichtet, wie sehr sie körperlich unter selbiger leide, weshalb sie auch an diesem Abend spezielle Kleidung trage - "eine Abschirmbluse, Abschirmleggings und eine Abschirmmütze". Die Frau ist ganz offensichtlich eine entschiedene Mobilfunk-Kritikerin - und damit nicht alleine bei dieser Bürgerversammlung zum Thema Sendemast in Eichenhausen.

Vielmehr ist der Großteil der knapp 50 Besucherinnen und Besucher skeptisch bis kritisch, was die Pläne der Telekom für den Sauerlacher Ortsteil angeht. Wie berichtet will die Firma auf einer Waldlichtung westlich von Kleineichenhausen einen 40 Meter hohen Mobilfunkmast errichten - zur "Versorgung des ländlichen Raums mit LTE", so ein Konzernsprecher. Mit dem Grundstückseigner habe die Telekom einen Pachtvertrag abgeschlossen, sagt Bürgermeisterin Barbara Bogner (Unabhängige Bürgervereinigung) in ihren einleitenden Worten. Viele Nachbarn jedoch lehnen die Pläne ab, weshalb sie sich zu der Bürgerinitiative Ortsteile Sauerlach-West zusammengeschlossen und Unterschriften gegen den Sendemast gesammelt haben. Sie fürchten nicht nur einen Wertverlust ihrer Immobilien, sondern auch gesundheitliche Gefahren.

Koordinator der Bürgerinitiative ist Robert Dörfler, der sich enttäuscht zeigt von der geringen Resonanz in der Mehrzweckhalle. "Ich hätte gedacht, dass mehr Leute kommen." Wer da ist, lauscht zunächst einem Vortrag von Thomas Kurz vom Landesamt für Umwelt, den die Gemeinde eingeladen habe, "um das gesamte Problem des Mobilfunks, der Strahlen, der Wellen physikalisch zu beleuchten", sagt Bogner. Das tut der Experte dann - mit reichlich Fachwissen und viel Liebe zum Detail, weshalb seine Ausführungen mitunter komplex ausfallen. Beim Thema Mobilfunk, so Kurz, "denken die meisten Leute nur an die Basisstationen, also die Funktürme, und vergessen dabei, dass dazu noch ein weiteres Gerät gehört" - nämlich das Smartphone, das oft direkt am Körper getragen wird. Die Exposition durch Handys sei daher um ein Vielfaches größer als bei den Sendemasten, betont Thomas Kurz.

Aus diesem Grund konzentriere sich die Forschung aktuell auf die Immissionen der Endgeräte. Hier seien zwei Fragen noch offen, so der Experte. Zum einen, welche Langzeitfolgen die elektromagnetische Strahlung auf Vielnutzer habe - "also wenn jemand von früh bis spät stundenlang mit dem Handy telefoniert". Zum anderen sei auch die Frage zu den Wirkungen auf Kinder nicht restlos geklärt. Anders sehe es dagegen bei den Basisstationen aus, also den Mobilfunkmasten. "Da ist das Thema von der Forschungsseite her weitgehend abgeschlossen", sagt Kurz, der dazu die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zitiert. Demnach liefern Studien keinen Hinweis darauf, dass elektromagnetische Felder von Basisstationen das Risiko für Krebs oder andere Krankheiten erhöhten.

Aber viele Besucher überzeugt dies nicht. Sie treibt die Sorge vor dem neuen Mobilfunkstandard 5G um. "In 20 Jahren kriegen wir rückblickend die Ergebnisse einer Langzeitstudie, dass 5G doch schädlich war. Doch in der Zwischenzeit sind wir alle verkrüppelt, verkrebst oder verstorben", meldet sich ein erregter Mann zu Wort. Allein die frühere Gemeinderätin Andrea Killer (CSU) gibt zu bedenken, dass "Handys auch Leben retten können - und dazu braucht man ein geeignetes Handynetz". Ihr zufolge gibt es in Altkirchen "viele weiße Flecken, wo kein Handy geht". Und das müsse man unbedingt ändern.

Das Gros der Statements dreht sich aber um die Sorge vor Gesundheitsgefahren. Sie ist hierzulande weit verbreitet, wie eine repräsentative Umfrage des Digitalverbands Bitkom zeigt. Demnach lehnen 48 Prozent der Deutschen den Bau weiterer Sendemasten ab. Der Bauausschuss des Gemeinderats hat den Bauantrag für den Mobilfunkmasten in Kleineichenhausen im Juli abgelehnt, "weil die Erschließung nicht gesichert war", sagt Bogner. Nun stehen Gespräche mit der Telekom an.

© SZ vom 10.09.2020

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